{"id":1781,"date":"2014-05-20T01:36:57","date_gmt":"2014-05-19T23:36:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1781"},"modified":"2014-05-20T21:08:40","modified_gmt":"2014-05-20T19:08:40","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1781","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (21)"},"content":{"rendered":"<p>Victor von Scheffels Versepos &#8222;Der Trompeter von S\u00e4ckingen&#8220; war einmal eines der bekanntesten und meistgelesenen deutschen B\u00fccher; heute ist er vergessen. Das sicher nicht zu Unrecht, aber\u00a0 ein Blick auf die Verse und die Art, wie von Scheffel sie benutzt, lohnt doch!<\/p>\n<p>Das epische Gedicht beginnt mit einer &#8222;Zueignung&#8220;. Deren Anfang geht so:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Wer ist dort der blonde Fremde,<br \/>\nDer auf Don Paganos Dache<br \/>\nWie ein Kater auf und ab geht?&#8220;<br \/>\nFrug wohl manch ehrsamer B\u00fcrger<br \/>\nIn dem Inselst\u00e4dtlein Capri,<br \/>\nWenn er von dem Markte r\u00fcckw\u00e4rts<br \/>\nNach der Palme und dem maurisch<br \/>\nFlachgew\u00f6lbten Kuppeldach sah.<\/p>\n<p>Und der brave Don Pagano<br \/>\nSprach: &#8222;Das ist ein sonderbarer<br \/>\nKauz und sonderbar von Handwerk;<br \/>\nKam mit wenigem Gep\u00e4ck an,<br \/>\nLebt jetzt stillvergn\u00fcgt und einsam,<br \/>\nKlettert auf den schroffen Bergen,<br \/>\nWandelt zwischen Klipp&#8216; und Brandung,<br \/>\nEin Strandschleicher, an dem Meere,<br \/>\nHat auch neulich in den Tr\u00fcmmern<br \/>\nDer Tiberiusvilla mit dem<br \/>\nEremiten scharf gezecht.<br \/>\nWas er sonst treibt? \u2013 &#8217;s ist ein Deutscher,<br \/>\nUnd wer wei\u00df, was diese treiben?<br \/>\nDoch ich sah in seiner Stube<br \/>\nViel Papier \u2013 un\u00f6konomisch<br \/>\nWar&#8217;s nur in der Mitt&#8216; beschrieben,<br \/>\nUnd ich glaub&#8216;, es fehlt im Kopf ihm,<br \/>\nUnd ich glaub&#8216;, er schmiedet Verse.&#8220;<\/p>\n<p>Also sprach er. \u2013 Dieser Fremde<br \/>\nWar ich selber; einsam hab&#8216; ich<br \/>\nAuf des S\u00fcdens Felseneiland<br \/>\nDieses Schwarzwaldlied gesungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das liest sich einfach so weg; sichere Verse, aber nichts besonderes?! Zu einer wichtigen Frage f\u00fchrt allerdings dieser Zeilensprung:<\/p>\n<p>Der Tiberiusvilla mit dem<br \/>\nEremiten scharf gezecht.<\/p>\n<p>Ein troch\u00e4ischer Vierheber endet auf einer unbetonten Silbe und beginnt mit einer betonten Silbe. Das ist manchmal nicht leicht zu bewerkstelligen, und die Versuchung ist gro\u00df, ein Paar &#8222;Artikel &amp; Substantiv&#8220; in der Mitte durchzuschneiden; den unbetonten Artikel noch dem einen Vers zuzuschlagen und mit dem Substantiv den anderen Vers zu er\u00f6ffnen &#8211; eben &#8222;dem \/\/ Eremiten&#8220;. Das kann man sicherlich machen, ist es wie hier die Ausnahme; geschieht es \u00f6fter, beginnt aber der Vers unkenntlich zu werden! Ein Beispiel daf\u00fcr aus von Scheffels &#8222;Zw\u00f6lftem St\u00fcck&#8220; &#8211; die Heldin, Margareta, besucht den verwundeten und schlafenden Helden, Werner:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leise in jung Werners Stube<br \/>\nEintrat jetzo Margareta,<br \/>\nScheu, neugierig schauend, ob der<br \/>\nArzt ihr wahre Kunde gab.<br \/>\nSanft entschlummert lag jung Werner,<br \/>\nBlass und jugendsch\u00f6n, gleich einem<br \/>\nMarmorbildnis. Wie im Traume<br \/>\nHielt er ob der Stirn&#8216; und ob der<br \/>\nFrischvernarbten Wund&#8216; die Rechte,<br \/>\nSo wie einer, der das Aug&#8216; vor<br \/>\nBlendend lichter Sonne deckt;<br \/>\nUm die Lippen spielt ein L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Ob der Stirn&#8220; = &#8222;\u00fcber der Stirn&#8220;; wichtiger aber die geh\u00e4uften Zeilenspr\u00fcnge: &#8222;der \/\/ Arzt&#8220;, &#8222;einem \/\/ Marmorbildnis&#8220;, &#8222;der \/\/ Frischvernarbten&#8220;, auch: &#8222;vor \/\/ blendend&#8220; &#8211; dadurch l\u00f6st sich der Vers auf, wird dem Ohr nicht mehr erkennbar, wenn der Vortragende nicht sehr tiefe und satzfremde Pausen zur Hilfe nimmt?! Nur als Silbenz\u00e4hlerei &#8211; &#8222;sieben, acht, Umbruch!&#8220; &#8211; leistet der Vers aber nichts f\u00fcrs Gedicht!<\/p>\n<p>Da liegt also eine Gefahr; doch kann ein solcher Umbruch auch sinnvoll genutzt werden. Einige Verse sp\u00e4ter:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch sie mischte nicht den k\u00fchlen<br \/>\nHeiltrank, nicht die Arzeneien:<br \/>\nBeugte scheu sich zu ihm nieder,<br \/>\nScheu, \u2013 sie wagte kaum zu atmen,<br \/>\nDass kein Hauch den Schlumm&#8217;rer st\u00f6re,<br \/>\nSchaute lang auf das geschlossne<br \/>\nAug&#8216;, und unwillk\u00fcrlich neigten<br \/>\nSich die Lippen, \u2013 doch wer deutet<br \/>\nMir das seltsam sonderbare<br \/>\nSpiel der ersten Liebesneigung?<br \/>\nSchier vermuten darf der Sang, sie<br \/>\nWollt&#8216; ihn k\u00fcssen: nein sie tat&#8217;s nicht,<br \/>\nSchreckte j\u00e4h zusammen, \u2013 seufzte, \u2013<br \/>\nSchnell sich wendend, einem scheuen<br \/>\nReh gleich, floh sie aus der Stube.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;sie \/\/ wollt'&#8220;: da ist eine Pause, samt starker Betonung auf dem &#8222;wollt'&#8220; ja durchaus dem Inhalt entsprechend und damit angemessen?! Auch noch recht wirkungsstark ist &#8222;scheuen \/\/ Reh&#8220;; schlechter steht es um &#8222;geschlossne \/\/ Aug&#8220;, auch, weil das &#8222;Aug&#8220;, das letzte Wort aus dem entsprechenden Satz ist und unsch\u00f6n &#8222;\u00fcberh\u00e4ngt&#8220;. &#8222;k\u00fchlen \/\/ Heiltrank&#8220; ist im Rahmen?! Also: Kann man machen, aber vorsichtig sein muss man &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Victor von Scheffels Versepos &#8222;Der Trompeter von S\u00e4ckingen&#8220; war einmal eines der bekanntesten und meistgelesenen deutschen B\u00fccher; heute ist er vergessen. Das sicher nicht zu Unrecht, aber\u00a0 ein Blick auf die Verse und die Art, wie von Scheffel sie benutzt, lohnt doch! Das epische Gedicht beginnt mit einer &#8222;Zueignung&#8220;. Deren Anfang geht so: &nbsp; &#8222;Wer&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1781\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (21)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1781","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1781","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1781"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1781\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1792,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1781\/revisions\/1792"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}