{"id":1801,"date":"2014-05-22T00:00:37","date_gmt":"2014-05-21T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1801"},"modified":"2014-05-22T00:00:37","modified_gmt":"2014-05-21T22:00:37","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-40","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1801","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (40)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (8)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer mit hohem Entschlusse dem Leben entsagt und die Seele<br \/>\nSchon in den Tod einweihte, von Hoffnungen, \u00c4ngsten und Freuden,<br \/>\nWelche das Dasein f\u00fcllen, sie reinigend, kaum der Errettung<br \/>\nKann er sich freun, und riefe sie ihn in die Arme der Liebe,<br \/>\nIhn in die Jugend zur\u00fcck, wo Tag&#8216; und N\u00e4chte so sch\u00f6n sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Anfang des Gesangs ein sch\u00f6ner, langer, durch f\u00fcnf Verse sich schlingender Satz, der klar macht, dass die gute Thekla nach dem missgl\u00fcckten Opfer etwas durch den Wind ist. Auch zweifelt sie: War sie nicht wert, geopfert zu werden? Jedenfalls w\u00e4lzt sich die Menschenmenge zur\u00fcck in die Stadt, Thekla mittendrin.<\/p>\n<p>Um die Daktylen noch einmal aufzunehmen, von denen beim sechsten Gesang die Rede war: Da hatte ich ja behauptet, dass sie bei Heyse sehr leicht sind. Manchmal sind sie nun aber auch <strong>zu<\/strong> leicht:<\/p>\n<p><strong>Kann<\/strong> er sich \/ <strong>freun<\/strong>, und \/ <strong>rie<\/strong>fe sie \/ <span style=\"color: #ff0000\"><strong>ihn<\/strong> in die<\/span> \/ <strong>Ar<\/strong>me der \/ <strong>Lie<\/strong>be,<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000\"><strong>Ihn<\/strong> in die<\/span> \/ <strong>Ju<\/strong>gend zu- \/ <strong>r\u00fcck<\/strong>, wo \/ <strong>Tag<\/strong>&#8218; und \/ <strong>N\u00e4ch<\/strong>te so \/ <strong>sch\u00f6n<\/strong> sind.<\/p>\n<p>Bei den Daktylen &#8222;ihn in die&#8220; ist die betonte Silbe mit dem F\u00fcrwort &#8222;ihn&#8220; besetzt, und das ist zum einen ohnehin eine sehr leichte Silbe, und zum anderen ist sie prosodisch nicht schwerer als die unbetonten Silben &#8222;in&#8220; und &#8222;die&#8220;. Dadurch ist es gar nicht einfach, die Hebung zu finden, meist muss man schon Silben abz\u00e4hlen &#8211; und das kann ja nicht der Sinn sein! Im zweiten Vers ist diese Schwierigkeit nicht da, weil das &#8222;Ihn&#8220; ja auf der ersten Silbe steht, und die ist ohnehin betont &#8211; alles in Ordnung!<\/p>\n<p>Inhaltlich ist die Aufregung noch nicht vorbei: Die beiden L\u00f6wen, die von den Kybelepriestern gehalten werden, sind im Gewitter freigekommen und n\u00e4hern sich dem Menschenzug! Alles flieht, nur die noch benommene Thekla bemerkt die L\u00f6wen erst, als sie fast schon vor ihr stehen. Sie beschlie\u00dft, nicht zu fliehen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und mit raschem Besinnen entscheidet sie, dass sie den Feinden,<br \/>\nWenn sie allein nacheilt, zu gewisserer Beute sich preisgibt,<br \/>\nAls mit mutigem Blick und sicherer Stirn sie erwartend.<br \/>\nAlso geschah&#8217;s. Nachdenklich die M\u00e4hnenh\u00e4upter bewegend<br \/>\nSchreiten die Stolzen heran. Nun halten sie, als sie das M\u00e4dchen<br \/>\nSehn, und heftig im Kreise den Schweif an die steinernen Platten<br \/>\nSchlagend, in staunendem Zorn betrachten sie lange die Jungfrau.<br \/>\nDoch nicht sinkt ihr Auge; sie h\u00e4lt den gewaltigen Blick aus,<br \/>\nSchon mit dem Tode vertraut, des gl\u00fchender Fl\u00fcgel sie streifte.<br \/>\nUnd so stehn sich die Drei um Speerwurfs Weite gen\u00fcber,<br \/>\nFerne das zaudernde Volk, das lautlos wartet des Ausgangs &#8211;<br \/>\nHorch, da erheben die Tiere verdrossenes Heulen, und pl\u00f6tzlich,<br \/>\nEiner dem andern nach, entweichen sie rechts in die Felder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch die Begegnung mit den L\u00f6wen hat Heyse aus der Heiligen-Legende \u00fcbernommen. Thekla nutzt die Verwirrung, um alleine in die Stadt zu schl\u00fcpfen. Vor dem Elternhaus findet sie den Philosophen Demas, der ihr berichten muss, dass Theklas Mutter aus Gram \u00fcber den vermeintlichen Tod der Tochter gestorben ist! Thekla geht hinein, verabschiedet sich, kommt wieder und bittet Demas, sich um den Verkauf des Hauses zu k\u00fcmmern; sie halte nichts mehr in Ikonium. Demas wei\u00df, sie will dem Apostel nach. Er ist nicht begeistert:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Soll ich es selber sagen? Ich seh&#8216; voll Trauer, es zieht dich<br \/>\nJener gef\u00e4hrliche Mann sich nach, um den du so viel schon<br \/>\nDuldetest, dem nun v\u00f6llig das Herz dich \u00c4rmste dahingibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im zweiten Vers ist wieder so ein \u00fcberleichter Daktylus:<\/p>\n<p><strong>Je<\/strong>ner ge- \/ <strong>f\u00e4hr<\/strong>liche \/ <strong>Mann<\/strong> sich \/ <strong>nach<\/strong>, um \/ <span style=\"color: #ff0000\"><strong>den<\/strong> du so<\/span> \/ <strong>viel<\/strong> schon<\/p>\n<p>Nicht, dass das jetzt ein schlechter Vers w\u00e4re &#8211; aber es ist wohl schon besser, man kommt ohne solche Daktylen aus, und noch besser, ohne Reihungen von inhaltsleeren Einsilbern wie hier:<\/p>\n<p>Jener gef\u00e4hrliche Mann <span style=\"color: #ff0000\">sich nach, um den du so viel schon<\/span><\/p>\n<p>Thekla ist, wie zu erwarten, nicht zu halten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielfach ist ja das Gl\u00fcck und Jeder erhofft sich das seine;<br \/>\nMeins ist einzig bei ihm. Was gilt die Welt und der Menschen<br \/>\nSchm\u00e4hende Rede mir? Vor tausend Augen ein Schauspiel<br \/>\nStand ich, den Heiland zeugend im Angesichte des Todes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;den Heiland zeugend&#8220; finde ich ja etwas missverst\u00e4ndlich &#8230; Jedenfalls: L\u00e4stig an diesen Einsilbern ist eben auch, dass manchmal noch nicht einmal das Abz\u00e4hlen hilft. Der erste Vers etwa:<\/p>\n<p><strong>Viel<\/strong>fach \/ <span style=\"color: #ff0000\"><strong>ist<\/strong> ja das<\/span> \/ <strong>Gl\u00fcck<\/strong> und \/ <strong>Jeder<\/strong> er- \/ <strong>hofft<\/strong> sich das \/ <strong>sei<\/strong>ne;<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde ihn so sprechen, mit einem Daktylus als zweite Einheit &#8211; die Silben sind so leicht, dass drei gerade reichen, um die Einheit zu f\u00fcllen. Aber es w\u00fcrde auch so gehen:<\/p>\n<p><strong>Viel<\/strong>fach ist \/ <span style=\"color: #ff0000\"><strong>ja<\/strong> das<\/span> \/ <strong>Gl\u00fcck<\/strong> und \/ <strong>Je<\/strong>der er- \/ <strong>hofft<\/strong> sich das \/ <strong>sei<\/strong>ne;<\/p>\n<p>Demas ist schlie\u00dflich doch \u00fcberzeugt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und in tiefer Bewegung erwidert&#8216; er: gehe, wohin dein<br \/>\nGeist, oh M\u00e4dchen, dich ruft! Dir ist kein Warner von N\u00f6ten.<br \/>\nDenn dich warnt dein Sehergem\u00fct, dich leitet die Klarheit<br \/>\nDeines begeisterten Muts vorbei am schwindelnden Abgrund.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nFahre denn wohl! Mir bleibt dein Bild wie ein Stern in der Seele.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz frei von irgendwelchen Leerstellen! Und nat\u00fcrlich sind Heyses Verse das fast immer, nicht, dass da falsche Eindr\u00fccke entstehen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mich \u00fcbrigens nicht wundern, wenn dem einen oder anderen diese Verse etwas kitschig vorkommen?! Ich finde sie &#8230; angemessen; was die andere Einsch\u00e4tzung nicht notwendigerweise ausschlie\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (8) &nbsp; Wer mit hohem Entschlusse dem Leben entsagt und die Seele Schon in den Tod einweihte, von Hoffnungen, \u00c4ngsten und Freuden, Welche das Dasein f\u00fcllen, sie reinigend, kaum der Errettung Kann er sich freun, und riefe sie ihn in die Arme der Liebe, Ihn in die Jugend zur\u00fcck, wo Tag&#8216; und&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1801\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (40)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1801","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1801","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1801"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1801\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1803,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1801\/revisions\/1803"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}