{"id":1827,"date":"2014-05-25T00:10:20","date_gmt":"2014-05-24T22:10:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1827"},"modified":"2014-05-25T00:12:01","modified_gmt":"2014-05-24T22:12:01","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-42","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1827","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (41)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (9)<\/strong><\/p>\n<p>Im neunten Gesang eilt Nathanaels (Theklas Nachbar) Sohn nach Ikonium um Neuigkeiten; auf halbem Weg trifft er die entgegenkommende Thekla und f\u00fchrt sie zu einem ger\u00e4umigen Grabmal, in dem der Apostel Zuflucht gefunden hat mitsamt Nathanael und dessen Frau. Endlich sieht Thekla Tryphon wieder:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch als h\u00e4tt in den Augen sich all ihr Leben gesammelt,<br \/>\nBlickte sie leuchtend hinan. An der vorderen Mauer des Grabmals<br \/>\nLehnte, die Arme gekreuzt, mit sinnendem Haupte der J\u00fcnger.<br \/>\nUnd wie sie jetzt sich ermannt, die Strecke des Wegs zu vollenden,<br \/>\nWendet er sich und erkennt sie; da bricht ein Ruf des Entz\u00fcckens<br \/>\nAus der Seele des Freunds, und die Arme der Nahenden \u00f6ffnend,<br \/>\nSchlie\u00dft er das M\u00e4dchen darein, das wortlos ihm an die Brust sinkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie an manchen Stellen zuvor kann man sich auch hier durchaus fragen, ob Theklas Ex-Verlobter vielleicht doch ganz richtig lag, als er eine \u00fcber das geistige hinausgehende Verbindung der beiden behauptete &#8230; Nach der tr\u00e4nenreichen Wiedervereinigung bricht Tryphon zu einer neuen Verk\u00fcndigungsreise auf, w\u00e4hrend Thekla mit Nathanaels Familie nach Ikonium zur\u00fcckkehrt. Doch schon kurz nach Aufbruch l\u00e4sst sie die drei stehen und eilt dem Apostel hinterher. Sie erreicht ihn, f\u00e4llt ihm zu F\u00fc\u00dfen, umklammert seine Knie und bittet ihn, mit ihm ziehen zu d\u00fcrfen. Der Apostel weist sie zur\u00fcck, da er f\u00fcrchtet, nicht tun zu k\u00f6nnen, was sein Gott vielleicht von ihm verlangt, wenn er auf eine Frau an seiner Seite achtgeben muss. Aber er wei\u00df Trost:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darum blicke du frei mir wieder ins Auge. Du wirst mich<br \/>\nlange vielleicht entbehren und dann auf einmal erkennen,<br \/>\nDass du mich besser besitzest und v\u00f6lliger, als du geahnt hast.<br \/>\nSenkt ich des Heilands Bild dir nicht in die liebende Seele?<br \/>\nSieh, mich hast du in ihm, in ihm nur leb ich und bin ich,<br \/>\nUnd dich hab ich in ihm. Wer will uns scheiden in Zukunft?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die letzten beiden Zeilen sind bemerkenswert: 23 einsilbige W\u00f6rter nacheinander &#8211; das gibt es wahrlich nicht allzu oft! Wie immer gibt es da die Gefahr, die betonten Silben nicht problemlos finden zu k\u00f6nnen, aber es gibt ja drei feste Gr\u00f6\u00dfen, die auch abseits der eigentlichen W\u00f6rter Hilfe geben: Die immer betonte erste Silbe, der Einschnitt in der Mitte, und die feste Schlussformel. Damit kommt man schon weit, und in der Regel auch weit genug:<\/p>\n<p><strong>Sieh<\/strong>, mich \/ <strong>hast<\/strong> du in \/ <strong>ihm<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> in \/ <strong>ihm<\/strong> nur \/ <strong>leb<\/strong> ich und \/ <strong>bin<\/strong> ich,<br \/>\n<strong>Und<\/strong> dich \/ <strong>hab<\/strong> ich in \/ <strong>ihm<\/strong>. <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Wer \/ <strong>will<\/strong> uns \/ <strong>schei<\/strong>den in \/ <strong>Zu<\/strong>kunft?<\/p>\n<p>Trotzdem bleibt nat\u00fcrlich die Frage, ob es wirklich die beste L\u00f6sung ist, diese Zeilen, die ja der H\u00f6hepunkt von Tryphons Versuch sind, Thekla von einer Trennung zu \u00fcberzeugen, mit so vielen \u201eleeren Worten\u201c zu f\u00fcllen. Ich finde es nicht ganz so gelungen. Thekla jedenfalls ist \u00fcberzeugt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da erst blickt sie empor. Aus freudel\u00e4chelnden Augen<br \/>\nStrahlt der gewonnene Sieg ihm triumphierend entgegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beiden einigen sich also darauf, getrennt das Land zu durchwandern. Eben in dem Moment kommt einer von Theklas treuen Sklaven (Der T\u00fcrsteher, der sie aus dem Haus gelassen hat), der bei ihr bleiben will, mit einem Maultier dazu. Und dann endet das lange Eops mit den drei Versen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schweigend bestieg sie das Tier und zur\u00fcck in die Stra\u00dfe der Gr\u00e4ber<br \/>\nLenkte der Sklav. So ritt sie dem leuchtenden Morgen entgegen<br \/>\nMit taghellem Gem\u00fct, und hinter ihr blieben die Schatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Statt des Cowboys und des Sonnenuntergangs die Heilige und der Sonnenaufgang. Hach.<\/p>\n<p>Was bleibt nach neun langen Ges\u00e4ngen? Zum einen ein Einh\u00f6ren in Heyses Hexameter, die ihren eigenen Klang haben, dem nachzulauschen durchaus sinnvoll ist; und dann sicherlich auch die inhaltliche Erfahrung, eine Heiligenlegende als Epos erz\u00e4hlt zu bekommen. Die habe ich gern gemacht &#8211; wahr ist aber auch, dass der Text im 21. Jahrhundert erst einmal fremd wirkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (9) Im neunten Gesang eilt Nathanaels (Theklas Nachbar) Sohn nach Ikonium um Neuigkeiten; auf halbem Weg trifft er die entgegenkommende Thekla und f\u00fchrt sie zu einem ger\u00e4umigen Grabmal, in dem der Apostel Zuflucht gefunden hat mitsamt Nathanael und dessen Frau. Endlich sieht Thekla Tryphon wieder: &nbsp; Doch als h\u00e4tt in den Augen&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1827\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (41)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1827","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1827","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1827"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1827\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1830,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1827\/revisions\/1830"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1827"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1827"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1827"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}