{"id":1846,"date":"2014-05-28T00:07:28","date_gmt":"2014-05-27T22:07:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1846"},"modified":"2014-05-28T00:07:28","modified_gmt":"2014-05-27T22:07:28","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-42-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1846","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (42)"},"content":{"rendered":"<p><strong>K\u00f6nig Siwi<\/strong><\/p>\n<p>Friedrich R\u00fcckert war wahrhaft ein Mann vieler Sprachen und gilt als einer der Begr\u00fcnder der deutschen Orientalistik. Er hat dabei zahllose Texte \u00fcbersetzt, darunter auch in Hexameter; in seinem Liedertagebuch f\u00fcr 1853 findet sich zum Beispiel &#8222;K\u00f6nig Siwi. Eine indische Legende&#8220;. Diese Legende ist gerade so lang, dass man sie am Bildschirm noch lesen kann:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Siwi den K\u00f6nig zu pr\u00fcfen, verwandelten einst sich die G\u00f6tter,<br \/>\nIndra zu fliehender Taube, zu jagendem Habichte Jama.<br \/>\nWie vorm Tode das Leben, so floh vorm Herren der Toten<br \/>\nScheu als Taube der Herr des Lebendigen, Indra vor Habicht<br \/>\nJama, dem unabl\u00e4ssig verfolgenden; aber die Taube<br \/>\nFl\u00fcchtete, rettete sich zum offenen Scho\u00dfe des K\u00f6nigs,<br \/>\nWo sie sich barg und schmiegte, vertrauensvoll. Aber von oben<br \/>\nSprach zum K\u00f6nig herab mit menschlicher Rede der Habicht:<br \/>\n&#8222;Gib mir heraus mein Futter! Ich hab ein Recht an der Taube;<br \/>\nVorenthalte mein Recht mir nicht, rechtliebender K\u00f6nig!&#8220;<br \/>\nDoch ihm sagte darauf der sch\u00fctzlingssch\u00fctzende K\u00f6nig:<br \/>\n&#8222;Habicht, fordre was anders von mir! Fleisch ist sie von meinem<br \/>\nEigenen Fleische geworden; vom eigenen Fleische dir lieber<br \/>\nWollt&#8216; ich geben dein Futter.&#8220; &#8222;Wohlan!&#8220; so sagte der Habicht,<br \/>\nUnd ihm schwebt&#8216; an der Klau&#8217;n eine goldene Waage hernieder:<br \/>\n&#8222;Willst du mir hier aufw\u00e4gen mit eigenem Fleische die Taube?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja!&#8220; sprach mutig der K\u00f6nig; er setzte die Taub in die eine<br \/>\nSchal&#8216;, und legte soviel vom eignen Fleisch in die andre,<br \/>\nAls zum Gegengewichte der schm\u00e4chtigen schien zu gen\u00fcgen.<br \/>\nDoch es gen\u00fcgete nicht: Schwer ward und schwerer die Taube,<br \/>\nUnd wog auf vom Fleische des K\u00f6niges, was er hinzutat;<br \/>\nBis er ganz in die Waage mit wuchtendem Leib sich legte:<br \/>\nDa zog nieder die Schale des K\u00f6niges. Aber der Habicht<br \/>\nSprach, zum Gotte gewandelt: &#8222;Zu leicht nicht bist du befunden,<br \/>\nHeil dir, K\u00f6nig, im Leben; im Tode dir Heil, o K\u00f6nig!<br \/>\nDas ist Indra, der Hort des Lebendigen; Jama, der Toten<br \/>\nMeister bin ich; du bestandest die Prob&#8216; in der Waage des Todes.<br \/>\nIndra, besch\u00fctzt von dir, wird dich im Leben besch\u00fctzen,<br \/>\nUnd ich werde dir sein ein gn\u00e4diger Richter im Tode.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klingt ein einigen Stellen etwas eigenartig, oder? Ich denke mal (ohne irgendeine wirkliche Ahnung zu haben), Dinge wie der &#8222;sch\u00fctzlingssch\u00fctzende&#8220; K\u00f6nig beruhen in dieser oder jener Weise auf der Vorlage; andere r\u00fchren vom Bau des Hexameters her, etwa in diesem Vers:<\/p>\n<p><strong>Ha<\/strong>bicht, \/<strong> for<\/strong>dre was \/ <strong>an<\/strong>ders von \/ <strong>mir<\/strong>! <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Fleisch \/ <strong>ist<\/strong> sie von \/ <strong>mei<\/strong>nem<\/p>\n<p>Da tragen das Pronomen &#8222;mir&#8220; und das Hilfsverb &#8222;ist&#8220; die Betonungen, und das m\u00e4chtige Wort &#8222;Fleisch&#8220; sitzt dazwischen auf der Senkungsposition! Da bleibt dann keine M\u00f6glichkeit, als einen &#8222;Spond\u00e4us&#8220; zu lesen, also &#8222;mir&#8220; und &#8222;Fleisch&#8220; gleichstark zu betonen, und dann auch das &#8222;ist&#8220; st\u00e4rker hervorzuheben, was ja auch passt: Sie <em>ist<\/em> es &#8211; wirklich, tats\u00e4chlich!<\/p>\n<p>Derlei Dinge gibt es noch mehr, aber sie f\u00fcgen sich alle wunderbar ein. Das merkt man, wenn man den Text anderen vorliest &#8211; einmal gleitet man wirklich sch\u00f6n durch die Zeilen, und zum anderen sind die Zuh\u00f6rer von Anfang an aufmerksam und bleiben es auch. So war es jedenfalls bisher bei mir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nig Siwi Friedrich R\u00fcckert war wahrhaft ein Mann vieler Sprachen und gilt als einer der Begr\u00fcnder der deutschen Orientalistik. Er hat dabei zahllose Texte \u00fcbersetzt, darunter auch in Hexameter; in seinem Liedertagebuch f\u00fcr 1853 findet sich zum Beispiel &#8222;K\u00f6nig Siwi. 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