{"id":1860,"date":"2014-05-30T00:36:15","date_gmt":"2014-05-29T22:36:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1860"},"modified":"2014-05-30T00:42:13","modified_gmt":"2014-05-29T22:42:13","slug":"erzaehlformen-das-distichon-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1860","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Distichon (8)"},"content":{"rendered":"<p>Wo Goethe weilt (<strong>7<\/strong>), ist Friedrich Schiller nicht fern: Das folgende in Distichen geschriebene Gedicht aus seiner Feder ist keines seiner unbekannteren!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die S\u00e4nger der Vorwelt<\/strong><\/p>\n<p>Sagt, wo sind die Vortrefflichen hin, wo find\u2019 ich die S\u00e4nger,<br \/>\nDie mit dem lebenden Wort horchende V\u00f6lker entz\u00fcckt,<br \/>\nDie vom Himmel den Gott, zum Himmel den Menschen gesungen,<br \/>\nUnd getragen den Geist hoch auf den Fl\u00fcgeln des Lieds?<br \/>\nAch, noch leben die S\u00e4nger; nur fehlen die Taten, die Lyra<br \/>\nFreudig zu wecken, es fehlt, ach! ein empfangendes Ohr.<br \/>\nGl\u00fcckliche Dichter der gl\u00fccklichen Welt! Von Munde zu Munde<br \/>\nFlog, von Geschlecht zu Geschlecht euer empfundenes Wort.<br \/>\nWie man die G\u00f6tter empf\u00e4ngt, so begr\u00fc\u00dfte Jeder mit Andacht,<br \/>\nWas der Genius ihm, redend und bildend, erschuf.<br \/>\nAn der Glut des Gesangs entflammten des H\u00f6rers Gef\u00fchle,<br \/>\nAn des H\u00f6rers Gef\u00fchl n\u00e4hrte der S\u00e4nger die Glut.<br \/>\nN\u00e4hrt\u2019 und reinigte sie! Der Gl\u00fcckliche, dem in des Volkes<br \/>\nStimme noch hell zur\u00fcck t\u00f6nte die Seele des Lieds,<br \/>\nDem noch von au\u00dfen erschien, im Leben, die himmlische Gottheit,<br \/>\nDie der Neuere kaum, kaum noch im Herzen vernimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der rhetorischen Aufwand, den Schiller hier treibt, oft gest\u00fctzt auf die durch die Z\u00e4sur gegebene Zweiteiligkeit der Hexa- und Pentameter, ist beachtlich:<\/p>\n<p>An der Glut des Gesangs entflammten des H\u00f6rers Gef\u00fchle,<br \/>\nAn des H\u00f6rers Gef\u00fchl n\u00e4hrte der S\u00e4nger die Glut.<\/p>\n<p>Sehr einpr\u00e4gsam! Aus Verssicht spannender ist aber Schillers Behandlung der Verseing\u00e4nge &#8211; da stehen n\u00e4mlich ziemlich oft recht bis sehr schwache zweisilbige Einheiten, sowohl in den Hexa-, als auch in den Pentametern:<\/p>\n<p>&#8222;Die vom&#8220;, &#8222;Und ge-&#8222;, &#8222;Was der&#8220;, &#8222;An der&#8220;, &#8222;An des&#8220;, &#8222;Die der&#8220;.<\/p>\n<p>Da ist die Versuchung gro\u00df, im Vortrag die erste Silbe genausowenig zu betonen wie die zweite, schlie\u00dflich ist &#8222;die&#8220; genauso &#8222;schwer&#8220; wie &#8222;der&#8220;!? Aber das geht eben nicht, denn in Hexa- und Pentameter ist die erste Silbe &#8222;schwer&#8220;, was auch meint: durch Betonung hervorgehoben! Anders stehen die Dinge, ist das zugrundeliegende Ma\u00df ein anderes, wie in den folgenden Versen von August von Platen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kaum hat sie erreicht der Poet, drum g\u00f6nnt<br \/>\nLangatmende Mu\u00dfe dem Wanderer, der<br \/>\nAn des s\u00fcdlichen Meers Felsufer (da schon<br \/>\nDas Gespann des Apoll in die Waag&#8216; eintrat)<br \/>\nSturmwinde belauscht, Anap\u00e4ste betont,<br \/>\nUnd Erfindungen denkt,<br \/>\nZu belustigen Krethi und Plethi.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das von Platen verwendete Ma\u00df ist der Vers, den hier im <strong>Verserz\u00e4hler<\/strong> die &#8222;Bewegungsschule&#8220; \u00fcber ihr erstes Dutzend Eintr\u00e4ge entwickelt hat; wer dort mitgelesen hat, wei\u00df, dass der Vers mit zwei leichten Silben beginnt, und daher ist das &#8222;An des&#8220; in diesem Rahmen &#8222;leicht&#8220;:<\/p>\n<p>An des <strong>s\u00fcd<\/strong>&#8211; \/ lichen <strong>Meers<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Fels<strong>u<\/strong>&#8211; \/ fer (da <strong>schon<\/strong><\/p>\n<p>Anders bei Schiller; bei ihm ist das Ma\u00df ein Pentameter, und das &#8222;An&#8220; des &#8222;An des&#8220; ist &#8222;schwer&#8220;:<\/p>\n<p><strong>An<\/strong> des \/ <strong>H\u00f6<\/strong>rers Ge- \/<strong> f\u00fchl<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <strong>n\u00e4hr<\/strong>te der \/ <strong>S\u00e4n<\/strong>ger die \/ <strong>Glut<\/strong>.<\/p>\n<p>Das muss man im Vortrag beachten; tut mans nicht, gewinnen die gew\u00e4hlten Verse keine Gestalt, die Sprache richtet sich ausschlie\u00dflich nach dem Satz aus, und der Vortrag verk\u00fcmmert zu rhythmischer Prosa. Was schade w\u00e4re!<\/p>\n<p>Und erreichbar ist diese Hervorhebung der Anfangssilbe allemal. Sicher, Schiller h\u00e4tte die Verseing\u00e4nge auch mit gewichtigeren Silben besetzen k\u00f6nnen; aber w\u00e4re das dann auch dieses klare aufeinanderaufbauende Vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngen geworden?! Ich glaube, da hat er darauf vertraut, dass seine Leser und Sprecher das schon richtig machen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo Goethe weilt (7), ist Friedrich Schiller nicht fern: Das folgende in Distichen geschriebene Gedicht aus seiner Feder ist keines seiner unbekannteren! &nbsp; Die S\u00e4nger der Vorwelt Sagt, wo sind die Vortrefflichen hin, wo find\u2019 ich die S\u00e4nger, Die mit dem lebenden Wort horchende V\u00f6lker entz\u00fcckt, Die vom Himmel den Gott, zum Himmel den Menschen&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1860\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Das Distichon (8)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1860","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1860","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1860"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1860\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1864,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1860\/revisions\/1864"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1860"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1860"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1860"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}