{"id":1868,"date":"2014-05-31T00:49:41","date_gmt":"2014-05-30T22:49:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1868"},"modified":"2014-05-31T17:26:08","modified_gmt":"2014-05-31T15:26:08","slug":"die-bewegungsschule-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1868","title":{"rendered":"Die Bewegungsschule (23)"},"content":{"rendered":"<p>Die erste Strophe von Johann Heinrich Vo\u00df&#8216; &#8222;Die Braut am Gestade&#8220; liest sich so:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schwarz wie Nacht, brausest du auf, Meer!<br \/>\nWie wogt, wie kr\u00fcmmt sich und sch\u00e4umt Brandung!<br \/>\nWer? o Gott! fliegt in dem Sturm? Wer?<br \/>\nUnd fleht, die H\u00e4nde gestreckt, Landung?<br \/>\nEin weites Grab<br \/>\nWogt furchtbar zum Tod winkend!<br \/>\nAuf rollts und ab,<br \/>\nNun strudelt das Schiff sinkend!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer mag, kann sich ja einmal die Verteilung der schweren und leichten Silben \u00fcberlegen?! Vo\u00df besetzt hier die schweren, betonten Stellen recht durchg\u00e4ngig mit Sinnsilben (Substantiv, Adjektiv, Verb, Adverb), die leichten, unbetonten Stellen mit Bausilben; es sollte also recht eindeutig sein. Ich schreibe noch einige S\u00e4tze allgemeiner Art zum Text und gebe das Schema dann weiter unten an!<\/p>\n<p>Der Text wirkt ungewohnt. Das liegt sicher vor allem daran, dass er gereimt ist, aber das &#8222;Auf und Ab&#8220;, den regelm\u00e4\u00dfigen Wechsel von betonten und unbetonten Silben, an das man so sehr gew\u00f6hnt ist bei gereimten Texten, nirgends verwirklicht. Stattdessen tummeln sich sehr viele schwere Silben in den Versen, oft auch in unmittelbarer Nachbarschaft!<\/p>\n<p>Trotzdem beachtet Voss eine Eigenheit des Reimverses fast durchg\u00e4ngig: Verse, die durch Reime verbunden sind, also den gleichen Klang am Versende aufweisen, haben auch dieselbe Silbenverteilung, die den Leser \/ H\u00f6rer zu diesem Gleichklang hinf\u00fchrt! Obwohl das nicht f\u00fcr alle Reimverse gilt, f\u00fcr die meisten ist es so; und das Ohr ist daran gew\u00f6hnt. Geleistet wird so die Schaffung einer Erwartungshaltung, ein Warten und Abz\u00e4hlen: &#8222;Der Reim kommt &#8230; <em>jetzt<\/em>!&#8220; Und diese M\u00f6glichkeit bietet dann auch der Vo\u00dfsche Text, obwohl sicherlich nur eingeschr\u00e4nkt; zu fremd ist die gew\u00e4hlte Bewegungslinie &#8230;<\/p>\n<p>Das zweistrophige Gedicht ist von Karl Friedrich Zelter auch vertont worden. Wer irgendwo eine Aufnahme findet, sollte vergleichen, wie Zelter die &#8222;leichten&#8220; und &#8222;schweren&#8220; Stellen in Musik gebracht hat, zum Beispiel, welche Zeitwerte er den schweren Silben zugewiesen hat!<\/p>\n<p>Wie sieht die Verteilung der Silben nun aber aus? So:<\/p>\n<p><strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM TAM<\/strong><br \/>\nta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM TAM<\/strong> ta<br \/>\n<strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM TAM<\/strong><br \/>\nta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM TAM<\/strong> ta<br \/>\nta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong><br \/>\n<strong>TAM TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM TAM<\/strong> ta<br \/>\n<strong>TAM<\/strong> <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong><br \/>\n<strong>TAM TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM TAM<\/strong> ta<\/p>\n<p>Die angesprochene Versgeichheit ist \u00fcberall gegeben, die einzige Ausnahme ist der siebte Vers, dessen erste Silbe nicht &#8222;ta&#8220; ist, wie im f\u00fcnften Vers, sondern &#8222;<strong>TAM<\/strong>&#8222;. Gegen die Zuordnung &#8222;Schwere Silbe = Sinnwort&#8220; verst\u00f6\u00dft nur das doppelte &#8222;Wer&#8220;, was aber als eine &#8222;Ein-Wort-Frage&#8220; erscheint und dadurch ausreichend Gewicht hat! Streiten k\u00f6nnte man \u00fcber das &#8222;Nun&#8220; im Schluss-Vers, aber ich denke, es klingt nicht falsch, wenn man es &#8222;schwer&#8220; liest?!<\/p>\n<p>Ansonsten wirkt der Text sehr unruhig, viele nachdr\u00fcckliche, aber schr\u00e4g klingende Bewegungen sind dabei. Das liegt sicher auch an dieser Einheit: &#8222;ta <strong>TAM TAM<\/strong> ta&#8220;, die einige Male vorkommt: &#8222;und <strong>sch\u00e4umt Bran<\/strong>dung&#8220;, &#8222;zum <strong>Tod win<\/strong>kend&#8220;, &#8222;das <strong>Schiff sin<\/strong>kend&#8220;. Sehr ungewohnt, weil in einem gew\u00f6hnlichen Reimtext unm\u00f6glich; aber auch sonst selten! Trotzdem von nachdr\u00fccklicher Wirkung, und wenn man diese Einheit gelegentlich bewusst einsetzt, l\u00e4sst sich damit viel erreichen. Ich werde daher noch auf sie zur\u00fcckkommen!<\/p>\n<p>(Hat jemand die Verteilung zu finden versucht? Ist es gegl\u00fcckt? Ja?! Sehr gut!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die erste Strophe von Johann Heinrich Vo\u00df&#8216; &#8222;Die Braut am Gestade&#8220; liest sich so: &nbsp; Schwarz wie Nacht, brausest du auf, Meer! Wie wogt, wie kr\u00fcmmt sich und sch\u00e4umt Brandung! Wer? o Gott! fliegt in dem Sturm? Wer? Und fleht, die H\u00e4nde gestreckt, Landung? Ein weites Grab Wogt furchtbar zum Tod winkend! 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