{"id":1892,"date":"2014-06-03T00:16:11","date_gmt":"2014-06-02T22:16:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1892"},"modified":"2014-06-03T00:16:11","modified_gmt":"2014-06-02T22:16:11","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-29","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1892","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (29)"},"content":{"rendered":"<p>Der Blankvers ist, so hei\u00dft es immer, einer der Verse, die der Prosa nahe sind. Grund genug, beide M\u00f6glichkeiten der Gestaltung einmal nebeneinander zu halten?! Ich w\u00e4hle mir daf\u00fcr Goethes &#8222;Elpenor&#8220;, ein Dramen-Bruchst\u00fcck, das einmal als &#8222;Ur-Elpenor&#8220; in Prosa vorliegt und dann in einer Versbearbeitung Riemers, die von Goethe durchgesehen und verbessert worden ist. Der Anfang lautet hier und da:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>EVADNE Verdoppelt eure Schritte! Kommt herab! Verweilet nicht zu lange, gute M\u00e4dchen! Kommt herein! Gebt nicht zu viele Sorgfalt euren Kleidern und Haaren! Es ist noch immer Zeit, wenn das Gesch\u00e4fte vollbracht ist, sich zu schm\u00fccken. Der fr\u00fche Morgen hei\u00dft uns rege zur Arbeit sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>EVADNE<br \/>\nVerdoppelt eure Schritte, kommt herab!<br \/>\nVerweilet nicht zu lange, gute M\u00e4dchen,<br \/>\nKommt herein!<br \/>\nGewand und Haaren gebt nicht zuviel Sorgfalt;<br \/>\nIst das Gesch\u00e4ft vollbracht, kommt Zeit zum Schmuck.<br \/>\nZur Arbeit hei\u00dft der Morgen rege sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was f\u00e4llt auf?! Die Verse sind knapper, und verzichtet wurde auf Bauw\u00f6rter &#8211; &#8222;<em>euren<\/em> Kleidern&#8220;, &#8222;hei\u00dft <em>uns<\/em>&#8222;<em> &#8211;<\/em> und Beiw\u00f6rter: &#8222;Der <em>fr\u00fche<\/em> Morgen&#8220;. Dadurch gewinnt die Sprache an Festigkeit, einerseits; andererseits wandelt sich eine aufger\u00e4umte Morgenplauderei &#8211; &#8222;Der fr\u00fche Morgen hei\u00dft uns rege zur Arbeit sein!&#8220; &#8211; zu einem Allgemeing\u00fcltigkeit heischenden Sinnspruch: &#8222;Zur Arbeit hei\u00dft der Morgen rege sein!&#8220; Da gilt es, wie immer, eine Mittellinie zu finden &#8230;<\/p>\n<p>Wobei gesagt werden muss, dass Goethes Prosa-Text keine &#8222;wirkliche&#8220;, sondern schon ziemlich rhythmisierte Prosa ist; und Riemer auch keine Blankvers-Fassung hergestellt hat, sondern eine, in der zwar viele Blankverse stehen, sich aber iambische Verse anderer L\u00e4nge in beachtlicher Zahl tummeln. Beides zeigt eine Stelle kurz vor Ende des Bruchst\u00fccks:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>POLYMETIS Wie Schmeichelei dem Knaben schon so lieblich klingt! Und doch, was schmeichelt noch unschuldiger als Hoffnung? Wie hart, wenn wir dereinst zu dem, was wir missbilligen, dich loben m\u00fcssten! Es preise der sich gl\u00fccklich, der von den G\u00f6ttern weit entfernt lebt; er ehr und f\u00fcrchte sie und danke still, wenn ihre Hand gelind das Volk regiert. Ihr Schmerz ber\u00fchrt ihn kaum, und ihre Freude kann er unm\u00e4\u00dfig teilen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>POLYMETIS<br \/>\nWie Schmeichelei dem Knaben schon so lieblich klingt!<br \/>\nUnd doch unschuldig ist der Hoffnung Schmeichelei.<br \/>\nWenn wir dereinst zu dem, was wir missbilligen,<br \/>\nDich loben m\u00fcssen, h\u00e4rter f\u00fchlen wir&#8217;s.<br \/>\nDer preise gl\u00fccklich sich, der von<br \/>\nDen G\u00f6ttern dieser Welt entfernt lebt;<br \/>\nVerehr und f\u00fcrcht er sie und danke still,<br \/>\nWenn ihre Hand gelind das Volk regiert.<br \/>\nIhr Schmerz ber\u00fchrt ihn kaum, und ihre Freude<br \/>\nKann er unm\u00e4\u00dfig teilen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Ein buntes Gemisch, von den Sechshebern der ersten beiden Zeilen, die auch in einem Trimeter-Text stehen k\u00f6nnten, bis zum Dreiheber der Schlusszeile. Blankverse sind selbstredend auch dabei, aber sie formen den Text hier nicht.<\/p>\n<p>Seltsamerweise warten diese Verse mit recht vielen \u00c4nderungen gegen\u00fcber dem Prosatext auf; dabei ist der fast rein iambisch und k\u00f6nnte eigentlich unver\u00e4ndert \u00fcbernommen werden:<\/p>\n<p>Wie Schmeichelei dem Knaben schon so lieblich klingt!<br \/>\nUnd doch, was schmeichelt noch unschuldiger als Hoffnung?<br \/>\nWie hart, wenn wir dereinst zu dem,<br \/>\nWas wir missbilligen, dich loben m\u00fcssten!<br \/>\nEs preise der sich gl\u00fccklich,<br \/>\nDer von den G\u00f6ttern weit entfernt lebt;<br \/>\nEr ehr und f\u00fcrchte sie und danke still,<br \/>\nWenn ihre Hand gelind das Volk regiert.<br \/>\nIhr Schmerz ber\u00fchrt ihn kaum, und ihre Freude<br \/>\nKann er unm\u00e4\u00dfig teilen.<\/p>\n<p>Liest sich gut in meinen Ohren; besser eigentlich als die &#8222;richtige&#8220; Versfassung, aber das mag auch daran liegen, dass nach 200 Jahren das Sprachempfinden sich ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Jedenfalls: So schrecklich breit ist der Graben zwischen Blankvers und Prosa wohl wirklich nicht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blankvers ist, so hei\u00dft es immer, einer der Verse, die der Prosa nahe sind. Grund genug, beide M\u00f6glichkeiten der Gestaltung einmal nebeneinander zu halten?! Ich w\u00e4hle mir daf\u00fcr Goethes &#8222;Elpenor&#8220;, ein Dramen-Bruchst\u00fcck, das einmal als &#8222;Ur-Elpenor&#8220; in Prosa vorliegt und dann in einer Versbearbeitung Riemers, die von Goethe durchgesehen und verbessert worden ist. 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