{"id":1949,"date":"2014-06-10T00:59:59","date_gmt":"2014-06-09T22:59:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1949"},"modified":"2014-06-10T01:02:48","modified_gmt":"2014-06-09T23:02:48","slug":"erzaehlformen-das-distichon-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1949","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Distichon (9)"},"content":{"rendered":"<p>Friedrich H\u00f6lderlins &#8222;Brot und Wein&#8220; ist ein sehr ber\u00fchmter Text. Er besteht aus neun Abschnitten, die wiederum aus jeweils neun Distichen bestehen; ich stelle hier aber nicht den ersten dieser Abschnitte vor (der ist so oberber\u00fchmt, dass ihn ohnehin fast jeder kennt), sondern den vierten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,<br \/>\nAlso ist wahr, was einst wir in der Jugend geh\u00f6rt?<br \/>\nFestlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge<br \/>\nWahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!<br \/>\nAber die Thronen, wo? die Tempel, und wo die Gef\u00e4\u00dfe,<br \/>\nWo mit Nektar gef\u00fcllt, G\u00f6ttern zu Lust der Gesang?<br \/>\nWo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Spr\u00fcche?<br \/>\nDelphi schlummert und wo t\u00f6net das gro\u00dfe Geschick?<br \/>\nWo ist das schnelle? wo brichts, allgegenw\u00e4rtigen Gl\u00fccks voll<br \/>\nDonnernd aus heiterer Luft \u00fcber die Augen herein?<br \/>\nVater \u00c4ther! so riefs und flog von Zunge zu Zunge<br \/>\nTausendfach, es ertrug keiner das Leben allein;<br \/>\nAusgeteilet erfreut solch Gut und getauschet, mit Fremden,<br \/>\nWirds ein Jubel, es w\u00e4chst schlafend des Wortes Gewalt<br \/>\nVater! heiter! und hallt, so weit es gehet, das uralt<br \/>\nZeichen, von Eltern geerbt, treffend und schaffend hinab.<br \/>\nDenn so kehren die Himmlischen ein, tiefsch\u00fctternd gelangt so<br \/>\nAus den Schatten herab unter die Menschen ihr Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigentlich immer g\u00fcltig, aber hier noch einmal gesagt und angemerkt: Solche Verse m\u00fcssen laut gelesen werden! Mag sein, man kommt hier und da noch ins Schleudern, aber nach einigen Versuchen sollten die Bewegungslinien gefunden sein, und dann haben diese neun Distichen einen Zug und Schwung, der wirklich wunderbar ist.<\/p>\n<p>Nur an einer Stelle macht eine Besonderheit H\u00f6lderlins die Versbewegung ein wenig unkenntlich:<\/p>\n<p>Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!<\/p>\n<p><strong>Wahr<\/strong>lich zu \/ <strong>ein<\/strong>zi- \/ <strong>gem<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <strong>Brau<\/strong>che vor \/ <strong>Al<\/strong>ters ge- \/ <strong>baut<\/strong>!<\/p>\n<p>Um dem &#8222;-gem&#8220; die Hebungsstelle zuzuweisen, es als schwere Silbe zu betrachten: muss man den Vers schon sehr griechisch-antik denken &#8230; So etwas machte kein anderer Dichter, und auch H\u00f6lderlin nicht allzu h\u00e4ufig; aber w\u00e4hrend zum Beispiel Schiller in der Pentameter-Mitte fast immer einen klaren Einschnitt hat zwischen zwei deutlich betonten Silben, ist f\u00fcr H\u00f6lderlin die Pentameter-Mitte mehr ein Ort, wo zwei &#8222;schwere&#8220; Silben aufeinandersto\u00dfen, oft mit einem Sinneinschnitt verbunden; und ebenso oft nicht.<\/p>\n<p>Wie man dieses &#8222;-gem&#8220; nun im Vortrag verwirklicht &#8211; schwierig &#8230; Es einfach unbetont zu lesen, wird dem Vers jedenfalls nicht gerecht. Irgendeine Art von &#8222;L\u00e4ngung&#8220; muss da sein, irgendein Verz\u00f6gern; nur darf es auch nicht zu fremd wirken. Wie gesagt: Schwierig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich H\u00f6lderlins &#8222;Brot und Wein&#8220; ist ein sehr ber\u00fchmter Text. 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