{"id":1990,"date":"2014-06-15T00:26:38","date_gmt":"2014-06-14T22:26:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1990"},"modified":"2014-06-15T00:46:23","modified_gmt":"2014-06-14T22:46:23","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-32","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1990","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (32)"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gegenst\u00fcck zu den Blankversen von Henry von Heiseler, vorgestellt im gestrigen Eintrag, sind die Blankverse dieses Eintrags, entnommen aus Karl Kraus&#8216; &#8222;Nach drei\u00dfig Jahren&#8220; (ein langes St\u00fcck):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht Schranken sind errichtet, nur ein Ma\u00df.<br \/>\nUnd nicht von mir, blo\u00df durch mich; weil ich bin,<br \/>\nnicht weil ich es bestimme. Solchen Wahns<br \/>\nverw\u00e4ge und vermesse ich mich nicht<br \/>\nund ma\u00dfe mir nicht an, das Ma\u00df zu geben,<br \/>\nder l\u00e4ngst erfuhr, wie gegen seinen Willen<br \/>\ndie Welt l\u00e4uft und wie seines Wirkens Spur<br \/>\nunkennbar wird im Fortschritt dieser Zeit.<br \/>\nDoch hebt die Spur sich ab vom Gegenteil,<br \/>\nim Negativ der Menschlichkeit bewahrt.<br \/>\nVorhanden bin ich, und es hat sich vieles<br \/>\nan mir entschieden, da es von mir schied.<br \/>\nNicht standzuhalten meiner Gegenwart<br \/>\nwar die Bestimmung der Umgebenden,<br \/>\nund Rettung vor der Stimme, die sie anrief:<br \/>\nein abgeredet Schweigen, das da w\u00e4hnt,<br \/>\nich sei nicht auf der Welt. Wie Angst im Wald,<br \/>\nsich Mut zu machen, schreit vor einem Feind,<br \/>\nder nur vermutet ist, so schweigen sie<br \/>\nlaut auf vor dem, der immer gegenw\u00e4rtig<br \/>\nund sp\u00fcrbar wirkend ihre Zeit durchquerte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Wie von Heiselers Verse voll sind von Gegenst\u00e4ndlichkeit, so sind Kraus&#8216; Verse frei davon. G\u00e4nzlich frei! Tats\u00e4chlich ist ein Allerweltswort wie &#8222;Wald&#8220; das gegenst\u00e4ndlichste, was zu finden ist &#8230; Dadurch spielt sich f\u00fcr den Leser das Erfassen des Inhalts fast vollst\u00e4ndig auf der Verstandes-Ebene ab, was ich ein wenig m\u00fchselig finde. Das soll nicht hei\u00dfen, ein Gedicht d\u00fcrfe nicht gedanklich oder philosophisch wirken; aber hier kommt ja auch noch dazu, dass Kraus den Satz dem Vers gegen\u00fcber bevorteilt, oft bis zur v\u00f6lligen Ausl\u00f6schung, bis zur Unkenntlichkeit des Verses; und das ist dann doch etwas zuviel Prosan\u00e4he und etwas zu wenig an Gedichthaftem &#8211; zumindest f\u00fcr meinen Geschmack &#8230;<\/p>\n<p>Und nicht von mir, blo\u00df durch mich; weil ich bin,<\/p>\n<p>Dieser Vers zeigt sehr deutlich, was ich meine: Nur Einsilber, nur Bauw\u00f6rter; der Vers gewinnt keine Bewegungslinie, weil keine Silben wirklich herausgehoben zu werden verdienen?! Eine stumme, eine Gedanken-\u00dcbung eben.<\/p>\n<p>ich sei nicht auf der Welt. Wie Angst im Wald,<\/p>\n<p>Auch wenn es nur &#8222;Welt&#8220;, &#8222;Angst&#8220; und &#8222;Wald&#8220; sind: Auch dieser Vers besteht nur aus Einsilbern, aber die drei &#8222;Sinnw\u00f6rter&#8220; geben ihm immerhin einen gewissen Halt!<\/p>\n<p><em>Warum ist das Publikum so frech gegen die Literatur? Weil es die Sprache beherrscht. Die Leute w\u00fcrden sich ganz ebenso gegen die anderen K\u00fcnste vorwagen, wenn es ein Verst\u00e4ndigungsmittel w\u00e4re, sich anzusingen, sich mit Farbe zu beschmieren oder mit Gips zu bewerfen.<\/em><\/p>\n<p>Die Kraus&#8217;sche Prosa mag ich, im Gegensatz zu seinen Versen ; die vielen Aphorismen sind herrlich, eigentlich: alle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gegenst\u00fcck zu den Blankversen von Henry von Heiseler, vorgestellt im gestrigen Eintrag, sind die Blankverse dieses Eintrags, entnommen aus Karl Kraus&#8216; &#8222;Nach drei\u00dfig Jahren&#8220; (ein langes St\u00fcck): &nbsp; Nicht Schranken sind errichtet, nur ein Ma\u00df. Und nicht von mir, blo\u00df durch mich; weil ich bin, nicht weil ich es bestimme. 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