{"id":2144,"date":"2014-07-04T00:05:26","date_gmt":"2014-07-03T22:05:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2144"},"modified":"2014-07-04T00:21:05","modified_gmt":"2014-07-03T22:21:05","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-35","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2144","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (35)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Einsiedler, Schmetterling und Tempelherr&#8220; ist der leicht merkw\u00fcrdige Name einer kleinen Vers-Erz\u00e4hlung von Richard Dehmel, eben kurz genug, um sie hier vollst\u00e4ndig einstellen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Du wei\u00dft, Poet &#8211; begann der Tempelherr<br \/>\nUnd l\u00e4chelte durch seinen wei\u00dfen Bart &#8211;<br \/>\nich las sie auf vom Weg, die jetzt mein Weib ist.<br \/>\nUnd dass sie, wider Sitte und Gesetz<br \/>\ndes Ordens, mitging nach Jerusalem<br \/>\nund nicht den Weg zur\u00fcckging, den sie kam,<br \/>\n&#8211; ich selber hie\u00df sie mitgehn: das ging so zu.<\/p>\n<p>Wir trugen schon das Abschiedswort im Sinn,<br \/>\nes war an einem hei\u00dfen Fr\u00fchlingstag,<br \/>\nschier blendend schimmerte das junge Gras,<br \/>\nund die Gefallne lie\u00df es still geschehen,<br \/>\ndass ich mit ihr den Pfad vom Schloss zum Ufer,<br \/>\nwo andern Tags das Schiff anlegen sollte,<br \/>\ngleichsam zur Herzens\u00fcbung niederstieg.<br \/>\nDer Pfad bog sehr absch\u00fcssig hin und her;<br \/>\nIch brauchte sie, die stets wie ich gewillt war<br \/>\n&#8211; ihr Herzschlag geht dem meinen v\u00f6llig gleich &#8211;<br \/>\nkaum mit der Hand zu st\u00fctzen, so gefasst<br \/>\nvermied sie jeden lockren Stein im Gras,<br \/>\nals sie auf einmal fest um meinen Arm griff.<br \/>\nDicht vor uns sonnte sich, beinah ber\u00fchrt<br \/>\nvon meinem Schuh, auf einem Bl\u00fctenkelch<br \/>\ndes gelben L\u00f6wenzahns, ein saugender<br \/>\nganz trunkner Schmetterling, ein Trauermantel.<br \/>\nNun flog er taumelnd weg, zum n\u00e4chsten Kelch,<br \/>\ndicht vor uns her, wir sahn ihn weitersaugen,<br \/>\nkaum atmend beide, wenn die bleichges\u00e4umten<br \/>\ntiefschwarzen Fl\u00fcgel vor Entz\u00fccken zuckten,<br \/>\nund immer weiter so, von Kelch zu Kelch,<br \/>\ndicht immer vor uns her den Pfad hinab,<br \/>\nfast bis zum Fluss; da kriegte ihn der Wind<br \/>\nund blies ihn fort, wir blieben stehn im Wind.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich steht, durch diesen Schmetterling<br \/>\nmir vorger\u00fcckt, vor meinem innern Blick<br \/>\nein jahrelang vergessner Tag: ein Herbsttag.<br \/>\nIch bin bei einem Freund, Einsiedler ist er;<br \/>\ner wars &#8211; man wusste nicht warum &#8211; geworden,<br \/>\nan Jahren konnt er gut mein Vater sein.<br \/>\nWir sind verloren in Gedanken; drau\u00dfen<br \/>\nzerzaust der Bergwind seinen Blumengarten.<br \/>\nEr macht sein Bett, ein seltsam ungeschlachtes,<br \/>\nnach Bauernart bemaltes Ehebett;<br \/>\nda klopft es an die T\u00fcr. Er geht und \u00f6ffnet;<br \/>\nund vor der Klause steht, bei seinen Blumen,<br \/>\nzerzaust wie sie, in schlechter schwarzer Tracht,<br \/>\nein altes Weiblein, elend, scheu verkommen,<br \/>\ndas blickt ihn bettelnd an. Ich seh ihn noch:<br \/>\nauf seine gro\u00dfe Stirne treten Flecken<br \/>\nwie von Faustschl\u00e4gen, seine Finger beben,<br \/>\ndie guten blauen Augen gl\u00e4nzen grausig,<br \/>\ner sagt: geh weg! ich kenne dich nicht mehr.<br \/>\nEr will die T\u00fcr zudr\u00fccken, sie versperrt sie:<br \/>\nIch hab nur dich geliebet! bettelt sie.<br \/>\nEr tritt zur\u00fcck, die rote Stirn wird blass,<br \/>\ndie Augen kalt, er sagt: geh weg, du l\u00fcgst.<br \/>\nSie schleppt sich nach: Verzeih mir! bettelt sie.<br \/>\nEr sagt noch k\u00e4lter: ich verzeih dir, geh.<br \/>\nDa fasst sie seine Hand, und wieder fliegt<br \/>\nder grauenhafte Glanz durch seine Augen &#8211;<br \/>\nDu hast mich nie verstanden, Meiner! fleht sie:<br \/>\nIch war &#8211; Doch eh sie enden kann, erbebt<br \/>\nder ganze breite Mann: Verstanden? schreit er<br \/>\nund hebt die Faust, ich will zuspringen, da:<br \/>\nlaut schluchzend, Blut ausschluchzend vor ihn hin<br \/>\nknickt sie zusammen, schluchzt sie auf zu ihm:<br \/>\nich war ein armer Schmetterling im Wind!<br \/>\nDa hat er sich mit mir geb\u00fcckt zu ihr<br \/>\nund nahm das alte Weiblein an sein Herz<br \/>\nund trug sie weinend in ihr altes Bett;<br \/>\ndrin ist sie l\u00e4chelnd andern Tags verstorben.<\/p>\n<p>Nun wei\u00dft du &#8211; endete der Tempelherr<br \/>\nund l\u00e4chelte durch seinen wei\u00dfen Bart &#8211;<br \/>\nwarum, Poet, trotz Sitte und Gesetz<br \/>\ndes Ordens, sie, die jetzt mein Weib ist, nicht<br \/>\nden Weg zur\u00fcckging, den sie zu mir kam.<br \/>\nIch sagte ihr am Morgen meiner Abfahrt,<br \/>\nwas mir in jenem stillen Augenblick,<br \/>\nals wir am Fluss im Wind beisammenstanden<br \/>\n&#8211; sie hatte mich mit keinem Hauch gest\u00f6rt,<br \/>\nihr Atem geht dem meinen v\u00f6llig gleich &#8211;<br \/>\nvor meinem innern Blick gestanden hatte,<br \/>\nund hie\u00df sie mitgehn nach Jerusalem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich das zum ersten Mal las, still f\u00fcr mich im Zug: da dachte ich &#8222;Na ja &#8230;&#8220; Und so toll ist es inhaltlich ja wirklich nicht. Auch nicht schlecht, aber eben etwas, das um 1900 geschrieben wurde und heute einfach nicht mehr recht genie\u00dfbar ist?!<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter habe ich es dann zweimal meinen Katzen vorgelesen, laut selbstredend; und da dachte ich eher &#8222;Doch, ja!&#8220; Die Geschichte war immer noch die gleiche, doch die Blankverse und die Art, wie Dehmel sie benutzt, geben dem ganzen doch eine eigene F\u00e4rbung; und das Zuh\u00f6ren an sich macht eine gewisse Freude.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Einsiedler, Schmetterling und Tempelherr&#8220; ist der leicht merkw\u00fcrdige Name einer kleinen Vers-Erz\u00e4hlung von Richard Dehmel, eben kurz genug, um sie hier vollst\u00e4ndig einstellen zu k\u00f6nnen: &nbsp; Du wei\u00dft, Poet &#8211; begann der Tempelherr Und l\u00e4chelte durch seinen wei\u00dfen Bart &#8211; ich las sie auf vom Weg, die jetzt mein Weib ist. Und dass sie, wider&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2144\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (35)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-2144","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2144"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2144\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2153,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2144\/revisions\/2153"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}