{"id":2192,"date":"2014-07-09T00:40:07","date_gmt":"2014-07-08T22:40:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2192"},"modified":"2014-07-09T00:40:07","modified_gmt":"2014-07-08T22:40:07","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-54","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2192","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (54)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Friedrich Hebbels &#8222;Mutter und Kind&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Ein Gedicht in sieben Ges\u00e4ngen&#8220;, sagt der Untertitel; ein mittellanges Hexameter-Werk also.<\/p>\n<p>Der Inhalt ist schnell erz\u00e4hlt: Christian, der nicht genug verdienen kann, um eine Familie zu gr\u00fcnden, will nach Amerika, um sein Gl\u00fcck zu machen und dann zur\u00fcckzukehren; seine Magdalena ist entsetzt. Da kommt von dem erzwungen kinderlosen Kaufmannsehepaar, bei dem sie arbeitet, ein Angebot: Wenn Magdalena ihr Erstgeborenes den Kaufleuten \u00fcberl\u00e4sst, damit die es als ihr Kind ausgeben k\u00f6nnen, wird Christian als Verwalter eines Guts eingesetzt und die beiden k\u00f6nnen sofort heiraten.<\/p>\n<p>Christian und Magdalene stimmen zu, doch als das Kind geboren wird, stellt sich heraus, dass Magdalena es nicht wird abgeben k\u00f6nnen. Christian besteht aber darauf, sein gegebenes Wort zu halten, und so flieht Magdalena mit dem Kind. Christian sucht und findet sie; er gibt nach, sie verlassen das zuvor noch versorgte Gut und verschwinden.<\/p>\n<p>Was sie nicht wissen (im Gegensatz zum Leser): Der Kaufherr hat gleich zu Beginn beschlossen, Christian auch dann als Verwalter zu behalten, wenn die jungen Eltern das Kind doch nicht hergeben wollen. Er l\u00e4sst nun nach den beiden suchen, doch als Christian und Magdalena das bemerken, glauben sie, man wolle ihnen das Kind abjagen, und verstecken sich nur noch besser. Doch schlie\u00dflich l\u00f6st sich alles zum Guten auf, und das Kind bleibt bei seinen Eltern.<\/p>\n<p>Als Leseprobe einige Verse gleich vom Anfang, als es von M\u00e4gden und Knechten hei\u00dft, des Morgens:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun, man m\u00fcsste sie loben, wofern sie sich rascher erh\u00fcben,<br \/>\nAber wer k\u00f6nnte sie tadeln, dass sie sich noch einmal herumdrehn?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine h\u00fcbsche Entgegenstellung\u00a0 &#8230; Grund f\u00fcr solches Verhalten ist: die K\u00e4lte! Die Handlung setzt zu Weihnachten ein, und da, sagen die n\u00e4chsten zweieinhalb Verse,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist doch die K\u00e4lte zu gro\u00df! Der Fu\u00df, dem die Decke entgleitet,<br \/>\nSchrickt zur\u00fcck vor der Luft, als ob er in Wasser geriete,<br \/>\nWelches sich eben beeist<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man h\u00f6rt ganz gut, dass Hebbel hier einen sicheren, aber auch recht unspektakul\u00e4ren Hexameter schreibt. Vielleicht noch die Szene, wo Christian und Magdalena sich nach der Geburt ihres Kindes verschieden entscheiden &#8211; Christian:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Nun, so wisse noch eins: Ich habe, solange ich lebe,<br \/>\nNie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen,<br \/>\nDrum entw\u00f6hne ihn morgen, ich bring dir den Wermut noch einmal.&#8220;<br \/>\nSie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,<br \/>\nUnd er schreitet hinaus, er sagt, die Kr\u00e4uter zu pfl\u00fccken,<br \/>\nAber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen,<br \/>\nWelchen er selber k\u00e4mpft, und welcher die Seele ihm spaltet.<br \/>\nSie hingegen umarmt und k\u00fcsst den Knaben aufs neue,<br \/>\nDass sie ihn fast erstickt, und ruft, als ob er&#8217;s verst\u00e4nde:<br \/>\n&#8222;Nein, ich lasse dich nicht, es m\u00f6ge kommen, was wolle!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Nachteil solcher eher prosanaher Verse ist nat\u00fcrlich, dass man ab und an etwas Acht geben muss, um die Vers-Merkmale zu bemerken; in<\/p>\n<p>Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,<\/p>\n<p>etwa in den ganzen Einsilbern die Z\u00e4sur zu finden, ist gar nicht so einfach.<\/p>\n<p>Na ja. Ob man das ganze Werk heute noch lesen muss &#8211; ich wei\u00df nicht, ich f\u00fcrchte, der Geschmack hat sich da etwas gewandelt. Schlecht ist &#8222;Mutter und Kind&#8220; aber sicher nicht. Ich verabschiede mich von Hebbels Zeilen mit einem weiteren Winterverweis &#8211; Christian, im Schneetreiben, knallt auf dem Wagen mit der Peitsche:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich sch\u00fcttelnd,<br \/>\nWird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Uh. Hier ist zum Gl\u00fcck Sommer &#8211; auch wenn es sich stark abgek\u00fchlt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich Hebbels &#8222;Mutter und Kind&#8220; &#8222;Ein Gedicht in sieben Ges\u00e4ngen&#8220;, sagt der Untertitel; ein mittellanges Hexameter-Werk also. 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