{"id":2257,"date":"2014-07-16T00:45:38","date_gmt":"2014-07-15T22:45:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2257"},"modified":"2014-07-16T00:45:38","modified_gmt":"2014-07-15T22:45:38","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-55","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2257","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (55)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Johann Jacob Bodmers &#8222;Der Schwester Rache&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Johann Jacob Bodmer war ein f\u00fcr die Literaturgeschichte Deutschlands wichtiger Mann, der in der ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts durch seine Ansichten zur Poetik viel bewirkt hat. Aber auch dar\u00fcber hinaus hat er vieles geleistet; 1755 entdeckte er zum Beispiel das Nibelungenlied wieder, das er dann 1757 herausgab. 1767 ver\u00f6ffentlichte er &#8222;Der Schwester Rache&#8220; &#8211; eine \u00dcbertragung der letzten zw\u00f6lf Aventiuren des Nibelungenlieds in vier in Hexametern geschriebene Ges\u00e4nge! Eine seltsame idee &#8230; Aber nat\u00fcrlich war der Hexameter nach dem aufsehenerregenden Erfolg von Klostocks &#8222;Messias&#8220; so etwas wie &#8222;der Vers des Tages&#8220;, und zum anderen nat\u00fcrlich auch der Vers der homerischen Heldenepen, was ihn zu einem naheliegenden Bewerber machte, wollte man das alte deutsche Heldengedicht in moderner Sprache neu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Bodmer war nun ein guter Philologe und ein bedeutender Literat &#8211; ein Dichter aber war er nicht. Im Gegensatz zu Klopstock, der etwas zu sagen hatte und dabei \u00fcber die daf\u00fcr n\u00f6tige dichterische Gewalt verf\u00fcgte, hatte Bodmer in seinen Dichtungen deutlich weniger zu bieten. Wer da einen Eindruck gewinnen m\u00f6chte, vergleiche bitte Klopstocks &#8222;Messias&#8220; mit Bodmers &#8222;Noah&#8220;!<\/p>\n<p>Die Hexameter-Fassung des Nibelungenlieds war, so gesehen, eine gute Idee Bodmers. Johann Cr\u00fcger schreibt dazu:<\/p>\n<p><em>Die alte heldenhafte Fabel in dem Gewande der klopstockischen Modepoesie! Stil und einzelne Wendungen Klopstock nachgeahmt; aber im ganzen ist auf das Original piet\u00e4tvolle R\u00fccksicht genommen; seine Z\u00fcge sind sehr wohl auch hinter dem seltsamen \u00c4u\u00dferen erkennbar. Ja, diese Mittelstellung zwischen \u00dcbersetzung und freier Umgestaltung hat ihre gro\u00dfen Vorteile: zu letzterer h\u00e4tte Bodmern die poetische Kraft gefehlt; zu ersterer eine ganz genaue Kenntnis des Mittelhochdeutschen.<\/em><\/p>\n<p>In jedem Fall hat diese Fassung dann geholfen, das Nibelungenlied bekannter zu machen.<\/p>\n<p>Aber wie klingen denn nun Bodmers Verse? Ich zeige das an einem der letzten ruhigen Augenblick vor Beginn der blutigen Metzelei: Der &#8222;Spielmann&#8220; Volker h\u00e4lt zusammen mit Hagen Wache und spielt f\u00fcr die in der Halle versammelten Burgunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Volker doch lehnte den Schild an die Wand und holte die Fiedel.<br \/>\nSa\u00df dann unter der T\u00fcr auf dem Stein, nie hatte die Sonne<br \/>\nEinen k\u00fchnern Spielmann beschienen. Die s\u00fc\u00dfesten T\u00f6ne<br \/>\nKlangen vom Ende des Saals zu dem Saitenspieler zur\u00fccke.<br \/>\nGro\u00df war des Spielmanns Kunst und gro\u00df sein Mut. Mit dem Wohlklang<br \/>\nWiegt&#8216; er die Sorgen ein: die Herren und Ritter entschliefen.<br \/>\nAls er das sah, so nahm er wieder den Schild von der Wand auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Eindruck ist der einer gewissen Kurzatmigkeit. Die Verse leisten weniger, als sie eigentlich k\u00f6nnten. Auch die Z\u00e4suren sind oft schwach und bilden den Vers nicht. Aber nat\u00fcrlich war Bodmer hier nicht ganz frei, und wenn man seine Hexameter mit dem urspr\u00fcnglichen Versen vergleicht, h\u00f6rt man Ankl\u00e4nge, die Bodmers Hexameter dann in einem anderen Licht erscheinen lassen.<\/p>\n<p>Beh\u00e4lt man die urspr\u00fcngliche Versform bei, klingen die entsprechenden Verse \u00fcbersetzt (Simrock) so:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Volker der schnelle\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 lehnte von der Hand<br \/>\nSeinen Schild den guten\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 an des Saales Wand.<br \/>\nDann wandt&#8216; er sich zur\u00fccke,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 wo seine Geige war,<br \/>\nUnd diente seinen Freunden;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 es ziemt&#8216; ihm also f\u00fcrwahr.<\/p>\n<p>Unter des Hauses T\u00fcre\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 setzt&#8216; er sich auf den Stein.<br \/>\nK\u00fchnrer Fiedelspieler\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 mochte nimmer sein.<br \/>\nAls der Saiten T\u00f6nen\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 ihm so hold erklang,<br \/>\nDie stolzen Heimatlosen,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die sagten Volkern den Dank.<\/p>\n<p>Da t\u00f6nten seine Saiten,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass all das Haus erscholl;<br \/>\nSeine Kraft und sein Geschicke,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die waren beide voll.<br \/>\nS\u00fc\u00dfer und sanfter\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 zu geigen hub er an:<br \/>\nSo spielt&#8216; er in den Schlummer\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 gar manchen sorgenden Mann.<\/p>\n<p>Da sie entschlafen waren,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und Volker das befand,<br \/>\nDa nahm der Degen wieder\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 den Schild an die Hand<br \/>\nUnd ging aus dem Hause\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 vor die T\u00fcre stehn,<br \/>\nSeine Freunde zu beh\u00fcten\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 vor denen in Kriemhilds Lehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man bekommt eine Ahnung, woher Bodmers Hexameter ihren ganz besonderen Klang haben?! Insgesamt jedenfalls ein wunderliches St\u00fcck deutscher Literatur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Jacob Bodmers &#8222;Der Schwester Rache&#8220; Johann Jacob Bodmer war ein f\u00fcr die Literaturgeschichte Deutschlands wichtiger Mann, der in der ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts durch seine Ansichten zur Poetik viel bewirkt hat. Aber auch dar\u00fcber hinaus hat er vieles geleistet; 1755 entdeckte er zum Beispiel das Nibelungenlied wieder, das er dann 1757 herausgab. 1767&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2257\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (55)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-2257","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2257"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2257\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2259,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2257\/revisions\/2259"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}