{"id":2295,"date":"2014-07-22T00:44:59","date_gmt":"2014-07-21T22:44:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2295"},"modified":"2014-07-22T09:32:17","modified_gmt":"2014-07-22T07:32:17","slug":"erzaehlformen-das-madrigal-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2295","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Madrigal (1)"},"content":{"rendered":"<p>Nun ist das Madrigal, ich gestehe es, eher keine M\u00f6glichkeit, um mit Versen zu erz\u00e4hlen. Es ist eine schwer fassbare Art von Gedichten, aber im allgemeinen gelten diese Bedingungen:<\/p>\n<p>&#8211; Ein Madrigal ist ein Reimgedicht<\/p>\n<p>&#8211; Es ist zwischen f\u00fcnf und 15 Verse lang<\/p>\n<p>&#8211; Die L\u00e4nge der Verse ist nicht festgelegt<\/p>\n<p>&#8211; Die Reimanordnung ist frei<\/p>\n<p>&#8211; Eine bis drei Waisen (also ungereimte Verse) sind m\u00f6glich<\/p>\n<p>&#8211; Das Versma\u00df ist oft iambisch, im wesentlichen aber frei<\/p>\n<p>Lies: Man kann so ziemlich machen, was man will. Aber wie das mit gro\u00dfer Freiheit so ist &#8211; oft wird das Dichten dadurch nicht leichter, sondern eher schwerer. Einer, der mit so viel Freiheit allerdings gl\u00e4nzend zurechtkam, war Christoph Martin Wieland. Er benutzte solche Versanordnungen f\u00fcr l\u00e4ngere Verserz\u00e4hlungen, ein Beispiel ist sein &#8222;Sommerm\u00e4rchen&#8220;. Der zweite Teil dieser etwas wunderlichen Rittergeschichte geht so los:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Herr <em>Gawin<\/em> eilt von dar,<br \/>\nwiewohl&#8217;s schon Abend war,<br \/>\nbesteigt das Maultier ohne Z\u00fcgel,<br \/>\nund ist, indem die Jungfraun gehn<br \/>\nihm hoch vom S\u00f6ller nachzusehn,<br \/>\nschon \u00fcber alle H\u00fcgel.<\/p>\n<p>Der Mond schien hell<br \/>\nzu seiner Reise;<br \/>\nsein Maul, nach Feenweise,<br \/>\nlief vogelschnell.<br \/>\nDer L\u00f6wenwald, das Schlangental<br \/>\nwird ohne Furcht passiert;<br \/>\nund wie der erste Morgenstrahl<br \/>\ndie Welt illuminiert,<br \/>\nentdeckt das Schloss sich seinem Blicke,<br \/>\ndas Schloss, der Strom und auch die Br\u00fccke<br \/>\nvon glatt geschliffnem Stahl,<br \/>\nso schmal,<br \/>\ndass, wie ihr wisst, Herr <em>Gries<\/em><br \/>\n(der doch sich Ritter schelten lie\u00df)<br \/>\nvom Ansehn schon das kalte Fieber<br \/>\nbekam.<\/p>\n<p>Herr Gawin war dem Zaudern gram.<br \/>\nEr denkt: &#8222;Wer sich den Teufel zu verschlucken<br \/>\nentschlossen hat, muss ihn nicht lang begucken.<br \/>\nUnd w\u00e4r&#8217;s ein Pferdehaar,<br \/>\nnur frisch hin\u00fcber!<br \/>\nWenn wir erst dr\u00fcben sind, ist&#8217;s Zeit genug<br \/>\nzu sehn, <em>wie&#8217;s m\u00f6glich war<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>der doch sich Ritter schelten lie\u00df<\/em> &#8211; der Grimm sagt zu &#8222;schelten&#8220; in dieser Bedeutung: <em>Jemandem einen Titel beilegen, besonders ein ehrendes Pr\u00e4dikat, mit dem Nebensinn, dass es unverdient ist<\/em>, und gibt neben der Wielandstelle noch Schillers <em>Und dieser Herzog, der sich sich den Guten schelten l\u00e4sst<\/em> als Beleg.<\/p>\n<p>Die Madrigal-Eigenschaften sind alle da: Die\u00a0 Reimstellung ist frei, sehr frei &#8211; am Ende reimt sich &#8222;Fieber&#8220; mit dem sechs Verse sp\u00e4ter folgenden &#8222;-\u00fcber&#8220;; die Verse sind unterschiedlich lang, da gibt es Einheber wie &#8222;bekam&#8220;, dem\u00a0 zwei Verse sp\u00e4ter ein ausladendes Reimpaar aus f\u00fcnfhebigen Vers folgt, und alles dazwischen. Die Versbewegung ist allerdings streng iambisch, und auch Waisen fehlen (&#8222;genug&#8220; wird in der n\u00e4chstfolgenden Zeile durch &#8222;klug&#8220; erg\u00e4nzt).<\/p>\n<p>Das alles wirkt sehr leicht, wie zuf\u00e4llig hingeschrieben; wer solche Verse aber schon versucht hat, wei\u00df, dass sehr viel harte Arbeit n\u00f6tig ist, bevor sich dieser Eindruck von Absichtslosigkeit einstellt.<\/p>\n<p>Wieland war ein gro\u00dfer Versk\u00fcnstler, und es lohnt sehr, sich seine Verse vorzusprechen (nicht: durchzulesen!). Hier ist das auch durch die K\u00fcrze vieler Verse eine Herausforderung, denn es gilt ja, den Reim geltend zu machen, also herauszuheben, ohne den Fluss des Satzes zu sehr zu behindern. (Wie nimmt man zum Beispiel &#8222;Fieber&#8220; und &#8222;bekam&#8220; auseinander, wenn die beiden Reimpartner erst sp\u00e4ter bzw. viel sp\u00e4ter folgen?!)Wenn man es einige Male versucht hat, klappt es aber, und dann staunt man, was f\u00fcr eine wunderbare Versmusik Wieland da geschaffen hat.<\/p>\n<p>Da ist es auch nicht mehr so wichtig, dass der Inhalt heute ein wenig eigenartig wirkt &#8230; (Ich, f\u00fcr meinen Teil, mag aber auch den).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist das Madrigal, ich gestehe es, eher keine M\u00f6glichkeit, um mit Versen zu erz\u00e4hlen. Es ist eine schwer fassbare Art von Gedichten, aber im allgemeinen gelten diese Bedingungen: &#8211; Ein Madrigal ist ein Reimgedicht &#8211; Es ist zwischen f\u00fcnf und 15 Verse lang &#8211; Die L\u00e4nge der Verse ist nicht festgelegt &#8211; Die Reimanordnung&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2295\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Das Madrigal (1)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-2295","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2295","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2295"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2295\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2304,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2295\/revisions\/2304"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2295"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2295"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2295"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}