{"id":255,"date":"2013-12-17T17:01:23","date_gmt":"2013-12-17T15:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=255"},"modified":"2013-12-17T17:02:40","modified_gmt":"2013-12-17T15:02:40","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=255","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (9)"},"content":{"rendered":"<p>Es kam in einem der vorigen Beitr\u00e4ge ja schon ein Blankvers-Text vor, bei dem vorne und hinten Reime auftauchten, also die Enden ein wenig anders gestaltet waren als die Mitte (H\u00f6llerer).<\/p>\n<p>Der in diesem Beitrag vorgestellte Text arbeitet so \u00e4hnlich, nur dass diesmal vorne und hinten gew\u00f6hnliche Blankverse stehen, dazwischen aber einige Verse lang die &#8222;metrische Willk\u00fcr&#8220; ausbricht &#8230; und Reime, die gibt es auch zu bestaunen!<\/p>\n<p>Es handelt sich um die &#8222;Karte von Sizilien&#8220; von Marie Luise Kaschnitz, zu finden auf den Seiten 261 und 262 im f\u00fcnften Band ihrer gesammelten Werke (&#8222;Die Gedichte&#8220;); erschienen ist der 1985 im Insel-Verlag. Die ersten 17 Verse des Gedichts sind handels\u00fcbliche Blankverse:<\/p>\n<p>Ich zeichne euch den Umriss. Einen Fl\u00fcgel<br \/>\nWie von der Schulter einer Siegesg\u00f6ttin.<br \/>\nDen Aufriss, eine Scholle Felsgebirge<br \/>\nStehengeblieben unterm Glanz der Sonne<br \/>\nIndes mit Tang und Sand und Zug der Fische<br \/>\nDas Meer die s\u00fc\u00dfen Ebenen bedeckt.<br \/>\nDas dunkle Strichwerk meint den Sturz der H\u00e4nge.<br \/>\nFlusst\u00e4ler sieben bleiben ausgespart.<br \/>\nEin Zackenkranz der Berg, wo Eis und Feuer<br \/>\nHeilige Hochzeit halten. Jetzt r\u00fcckt n\u00e4her<br \/>\nAm Abendtisch. Den \u00d6lkrug heb ich auf.<br \/>\nWo ich die Tropfen fallen lasse, wachsen<br \/>\nW\u00e4lder von schwarz und silbernen Oliven.<br \/>\nWo ich das Brot zerkr\u00fcmle, weht die Saat<br \/>\nAuf roten H\u00fcgeln, weiter Weg der Pflugschar.<br \/>\nDas wei\u00dfe Salz im Osten ausgesch\u00fcttet<br \/>\nMeint Nahrung aus dem Meere, Salz und Fische<\/p>\n<p>Es gibt einige der Auflockerungen zu sehen, die schon vorgestellt wurden: Drei versetzte Betonungen am Versanfang (&#8222;Stehengeblieb-&#8222;, &#8222;Heilige Hoch-&#8222;, &#8222;W\u00e4lder von Schwarz&#8220;); Eines der &#8222;Betont-Nebenbetont-Unbetont&#8220;-W\u00f6rter ist dabei, gleichfalls am Versanfang: &#8222;Flusst\u00e4ler&#8220;; Und zwei &#8222;schwach besetzte Hebungen&#8220; sind vorhanden, &#8222;Ebe<span style=\"color: #ff0000\">nen<\/span>&#8222;, &#8222;silber<span style=\"color: #ff0000\">nen<\/span>&#8222;. Gar nicht viel auf 17 Verse, es herrscht der \u00fcbliche &#8222;Blankvers-Ton&#8220;.<\/p>\n<p>Das \u00e4ndert sich ab dem n\u00e4chsten Vers allerdings schlagartig und nachhaltig:<\/p>\n<p>Aber das gelbe Mondviertel Zitrone im Norden<br \/>\nSchatten der Laubd\u00e4cher. S\u00fc\u00dfen Bl\u00fchduft.<br \/>\nDie roten Pfeile, ausgestreckt im Meer<br \/>\nDieser vom Festland, dieser von Afrika,<br \/>\nDieser von Spanien, der aus der Peleponnes<br \/>\nSind die Schiffswege der fremden Eroberer.<br \/>\nNun hebt vom Gartenpfad die wei\u00dfen Kiesel<br \/>\nZu zweien, dreien. Gl\u00e4nzen sie euch nicht<br \/>\nTempeln und Domen gleich im Mondeslicht &#8211;<br \/>\nDoch stampf ich mit den F\u00fc\u00dfen, seht<br \/>\nWie sie sch\u00fcttern und tanzen<br \/>\nWie im Beben der Erde der f\u00e4llt, der steht.<\/p>\n<p>Holla! Bestimmt keine schlechten Verse, aber &#8222;richtige&#8220; Blankverse sind nur noch die wenigsten davon &#8230; Gleich der erste Vers ist eigentlich rein &#8222;daktylisch&#8220;:<\/p>\n<p><strong>A<\/strong>ber das \/\u00a0<strong>gel<\/strong>be Mond- \/\u00a0<strong>vier<\/strong>tel Zi- \/\u00a0<strong>tro<\/strong>ne im \/\u00a0<strong>Nor<\/strong>den<\/p>\n<p>X x x \/ X x x \/ X x x \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>&#8230; Noch dazu mit einem dieser eher unhandlichen Dreisilber (&#8222;Mondviertel&#8220;) drin. Nun kann man zwar, witzigerweise! fast alle diese Abweichungen durch geh\u00e4uftes Auftreten der &#8222;Blankvers-Ausnahmen&#8220; erkl\u00e4ren, aber das \u00e4ndert ja nicht daran, dass die alternierende Bewegungslinie eines Blankverses hier einfach vollst\u00e4ndig unh\u00f6rbar ist! Der letzte Vers etwa scheint mir so zu klingen:<\/p>\n<p>Wie im\u00a0<strong>Be<\/strong>ben der <strong>Er<\/strong>de\u00a0<strong>der f\u00e4llt<\/strong>, der\u00a0<strong>steht<\/strong>.<\/p>\n<p>x x X x x X x X X x X<\/p>\n<p>Obwohl es sehr gut klingt, auf diese Weise &#8230; Sogar zwei verk\u00fcrzte Verse gibt es, und auch zwei Reime sind pl\u00f6tzlich da und vervollst\u00e4ndigen das Kuddelmuddel: &#8222;nicht \/ -licht&#8220; und &#8222;seht \/ geht&#8220;.<\/p>\n<p>Nach diesem ziemlich heftigen Ausbruch aus den Blankvers-Vorgaben findet das Gedicht zum Schluss hin aber wieder zur\u00fcck in die bekannten Geleise:<\/p>\n<p>Die Lampe r\u00fcck ich fort und wieder her<br \/>\nUnd wieder fort. Nun Licht. Nun Dunkelheit.<br \/>\nGlanz und Verderben, ewiger Widerstreit.<br \/>\nWo ist der kleine Bauer, den ich mir<br \/>\nAus Brot geknetet? Dieser steht noch immer<br \/>\nDie Hacke in der Hand. Ein wenig tiefer<br \/>\nGebeugt als zu Beginn. Was ist das Ganze?<br \/>\nBlut, Brot und Stein. Ein St\u00fcckchen Abendland.<\/p>\n<p>Einen Reim gibt es noch, einen ziemlich blassen dazu (&#8222;-heit \/ -streit&#8220;), und der &#8222;Glanz&#8220;-Vers ist ein klein wenig bewegter, aber nicht viel; und das war es dann endg\u00fcltig, die letzten f\u00fcnf Verse sind sehr gleichm\u00e4\u00dfig gebaute Blankverse.<\/p>\n<p>Insgesamt wieder eine M\u00f6glichkeit mehr, den ohnehin schon sehr abwechslungsreich gestaltbaren Blankvers \u00fcber einen l\u00e4ngeren Text hin zu benutzen, ohne dass sich der Leser \/ H\u00f6rer langweilt! Ich denke, da ist irgendwo f\u00fcr jeden etwas dabei?!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kam in einem der vorigen Beitr\u00e4ge ja schon ein Blankvers-Text vor, bei dem vorne und hinten Reime auftauchten, also die Enden ein wenig anders gestaltet waren als die Mitte (H\u00f6llerer). 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