{"id":2581,"date":"2014-08-25T00:01:47","date_gmt":"2014-08-24T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2581"},"modified":"2014-08-25T23:40:25","modified_gmt":"2014-08-25T21:40:25","slug":"der-hexameter-63","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2581","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (63)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hexameter und Reim<\/strong><\/p>\n<p><em>Hexameter reimen sich nicht.<\/em> Das haben sie in der Antike nicht getan, und das haben sie in der Zeit seit 1750 auch im Deutschen unterlassen. Trotzdem ist ein Blick auf die wenigen gereimten Hexameter, die doch geschrieben wurden, ganz aufschlussreich, weil man an den Versuchen, den \u00fcber den Rhythmus geregelten Vers mit dem \u00fcber den Gleichklang geregelten Vers zu vermengen, erst richtig bemerkt, wie grundverschieden sie sind.<\/p>\n<p>Dazu schreibt etwa Friedrich Georg J\u00fcnger in seinem empfehlenswerten kleinen Buch &#8222;Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht&#8220; (Klett-Cotta 1987):<\/p>\n<p><em>Das Reimen der Hexameter ist ein Missgriff. Hier hat der Reim nichts zu schaffen, denn im Hexameter ist nichts, was durch den Gleichklang eines Endreims zu binden w\u00e4re. Deshalb sind die gereimten Hexameter, in denen sich noch Gottsched versuchte, dem Ohr verdrie\u00dflich. Auch schl\u00e4fern sie ein, weil das Ohr m\u00fcde wird, den langen Vers auf den Reim, der ihn beendet, zu belauschen. Zu bedenken ist dabei, dass der Hexameter auf einen anderen Ausgang abgestellt ist als Reimvers, denn er zielt auf den Anfang, nicht auf das Ende des folgenden Verses.<\/em><\/p>\n<p>Da finden sich schon wichtige Punkte, die gegen den gereimten Hexameter sprechen. Aber wie klingen solche Verse denn nun? Ich f\u00fchre einfach mal einige des von J\u00fcnger erw\u00e4hnten Gottsched an. Der verzweifelte Mitte des 18. Jahrhunderts an den gerade in Mode kommenden deutschen Hexametern und schrieb in seinen &#8222;Vor\u00fcbungen der lateinischen und deutschen Dichtkunst&#8220;:<\/p>\n<p><em>Wer also noch deutsche Hexameter machen will, der bem\u00fche sich entweder, sie so sch\u00f6n und wohlklingend zu machen, als die lateinischen, bei denen man die Reime nicht vermisset: oder man gebe ihnen wenigstens Reime; dass sie doch auf eine Art ins Ohr fallen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn also jemand die Aeneis in Hexametern verdeutschen wollte, und so anh\u00fcbe:<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Waffen besing ich, und den, der von trojanischen K\u00fcsten<br \/>\nWelschlands Grenzen bezog, wo Latiens Ufer sich br\u00fcsten;<br \/>\nWelcher viel Unfalls erfuhr, als nebst der G\u00f6tter Verh\u00e4ngnis<br \/>\nIunons w\u00fctender Groll den Helden in manche Bedr\u00e4ngnis,<br \/>\nTeils auf der See, teils wieder zu Lande gezwungen zu schweben,<br \/>\nEh er noch Alba gebaut, und Welschland G\u00f6tter gegeben;<br \/>\nBis der Lateinergeschlecht, der Rat der Albaner entsprungen,<br \/>\nJa dir auch selber, o Rom, die erhabenen Zinnen gelungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>so w\u00fcrde es eben so unrecht nicht klingen.<\/em><\/p>\n<p>Das mag ich jetzt nicht beurteilen &#8211; spannender ist doch die Frage, wie es klingt im Vergleich mit ungereimten Hexametern?! Daher hier dieselbe Vergil-Stelle, diesmal in der \u00dcbersetzung von Johann Heinrich Voss:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Waffen ert\u00f6nt mein Gesang, und den Mann, der von Toer-Gefild einst<br \/>\nKam, durch Schicksal verbannt, gen Italia, und an Latinums<br \/>\nWogenden Strand. Viel hie\u00df ihn Land&#8216; umirren und Meerflut<br \/>\nG\u00f6ttergewalt, weil daurte der Groll der erbitterten Juno;<br \/>\nViel auch ertrug er im Kampf, bis die Stadt er gegr\u00fcndet, und endlich<br \/>\nLatium G\u00f6tter empfing; woher der Latiner Geschlecht ward,<br \/>\nUnd Albanische V\u00e4ter, und du, hocht\u00fcrmende Roma.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und ich glaube, da wird dann schon klar, worauf J\u00fcnger hinauswollte, oder?! Aber auch andere als End-Reime st\u00f6ren im Hexameter &#8211; so findet sich etwa in der &#8222;Allgemeine Encyclop\u00e4die der Wissenschaften und K\u00fcnste&#8220; 1830 diese Bemerkung:<\/p>\n<p><em>Aller Gleichklang st\u00f6rt das rhythmische Gef\u00fchl so sehr, dass in dem Distichon:<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>St\u00fctzen und sch\u00fctzen den Staat vermag die solonische Weisheit<br \/>\nNicht durch geschriebenes Wort, nein! durch gesetzliche Tat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>der \u00e4hnliche Schluss des letzten Verses mit dem Einschnitte des ersten so sehr missf\u00e4llt, als der Reim zu Anfange.<\/em><\/p>\n<p>Und zumindest meiner Erfahrung nach stimmt das wirklich &#8211; wenn mir beim Hexameter-Schreiben mal aus Versehen ein Reim in den Vers ger\u00e4t, bem\u00fche ich mich immer, ihn rauszubekommen, auch dann, wenn die Reimworte inhaltlich gut passen; denn der Gleichklang st\u00f6rt in dieser Umgebung, er beansprucht Aufmerksamkeit, die sich auf anderes richten sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hexameter und Reim Hexameter reimen sich nicht. Das haben sie in der Antike nicht getan, und das haben sie in der Zeit seit 1750 auch im Deutschen unterlassen. 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