{"id":264,"date":"2013-12-17T22:53:23","date_gmt":"2013-12-17T20:53:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=264"},"modified":"2013-12-17T22:53:23","modified_gmt":"2013-12-17T20:53:23","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=264","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (11)"},"content":{"rendered":"<p>Abwechslung l\u00e4sst der Blankvers selbst dann zu, wenn der metrische Aufbau Vers f\u00fcr Vers dem strengen<\/p>\n<p>x X x X x X x X x X (x)<\/p>\n<p>folgt! Das geschieht dann dadurch, dass &#8222;Hebungs-Stellen&#8220; mit eher leichten Silben besetzt werden, und, seltener, &#8222;Senkungs-Stellen&#8220; mit schweren Silben. Derlei f\u00fchrt zu keiner Ver\u00e4nderung des Metrums, wohl aber zu einer Ver\u00e4nderung der rhythmischen Einheiten, die beim wirklichen Lesen auftreten! Das haben eigentlich auch alle bisher vorgestellten Texte so gehandhabt, eigens darauf eingegangen wurde beim Text von Hermann Hesse. In diesem Beitrag soll es nun noch einmal darum gehen, ein wenig mit dem Augenmerk darauf, was geschieht, wenn ein Text diese M\u00f6glichkeit nicht wahrnimmt; wie sich ein &#8222;Leiern&#8220; anh\u00f6ren kann!<\/p>\n<p>Es handelt sich bei diesem Text um &#8222;Das M\u00e4dchen und der Tod&#8220; von Hugo von Hofmannsthal:<\/p>\n<p>Dies fl\u00fcssig gr\u00fcne Gold hei\u00dft Gift und t\u00f6tet.<br \/>\nWie gut es riecht: wie wenn der wilde Wind<br \/>\nIn den Akazienb\u00e4umen irr sich f\u00e4ngt,<br \/>\nDann geht man still im Mond auf weichen Bl\u00fcten &#8230;<br \/>\nVielleicht ist Totsein solch ein lautlos Wandern<br \/>\nDurch fremde leere L\u00e4nder ohne Schlaf,<br \/>\nAuf stillen Br\u00fccken \u00fcber gr\u00fcne Wasser<br \/>\nDurch lange schwarze, schweigende Alleen,<br \/>\nDurch G\u00e4rten, die verwildern &#8230;<br \/>\nUnd endlich komm ich an das Haus des Todes:<br \/>\nIm gro\u00dfen Saale ist ein gro\u00dfer Tisch<br \/>\nAus gr\u00fcnem Malachit; den tragen Greifen.<br \/>\nDa sitzt der Tod zu Tisch und l\u00e4d mich ein<br \/>\nUnd Pagen viel mit feinen schmalen H\u00e4nden<br \/>\nUnd Schuh&#8217;n aus schwarzem Samt, die lautlos gleiten.<br \/>\nDie tragen wunderbare Sch\u00fcsseln auf:<br \/>\nJa, ganze Pfauen, Fische silberschuppig<br \/>\nMit Purpurflossen, in den feinen Z\u00e4hnchen<br \/>\n(Die sind vergoldet) stecken Lorbeerreiser<br \/>\nUnd Trauben mit goldrotem Rost und offen<br \/>\nGranat\u00e4pfel, die auf weichen Kissen<br \/>\nVon frischen Veilchen leuchten, und der Tod<br \/>\nHat einen Mantel an aus wei\u00dfem Samt<br \/>\nUnd setzt mich neben sich<br \/>\nUnd ist sehr h\u00f6flich &#8230;<\/p>\n<p>Der Text macht einen sehr langsamen, verhaltenen, schweren Eindruck. Das liegt sicher auch daran, dass er viele Sinn-W\u00f6rter enth\u00e4lt, was aufs Metrum bezogen hei\u00dft, dass oft alle Hebungsstellen eines Verses mit Sinn-Silben besetzt sind &#8211; ein Beispiel ist dieser Vers:<\/p>\n<p><em>Und Schuh&#8217;n aus schwarzem Samt, die lautlos gleiten.<\/em><\/p>\n<p>Trotzdem wirkt dieser Vers noch einigerma\u00dfen bewegt. Hofmannsthal geht aber an manchen Stellen noch weiter:<\/p>\n<p><em>Durch fremde leere L\u00e4nder ohne Schlaf,<\/em><\/p>\n<p>Das ist nun ein sehr einf\u00f6rmiger Text, da er nach der einleitenden unbetonten Silbe (die mit &#8222;durch&#8220; ja auch recht &#8222;schwer&#8220; verwirklicht ist) vier Worte mit gleichem Bau folgen l\u00e4sst: &#8222;X x&#8220;.<\/p>\n<p>(Durch) <strong>frem<\/strong>de \/ <strong>lee<\/strong>re \/ <strong>L\u00e4n<\/strong>der \/ <strong>oh<\/strong>ne \/ <strong>Schlaf<\/strong>,<\/p>\n<p>Dabei haben die ersten drei dieser W\u00f6rter auch noch denselben Vokal! Und noch deutlich wahrnehmbarer wird dieses &#8222;Leiern&#8220; dadurch, dass im wesentlichen noch zwei weitere Verse dieser Art folgen:<\/p>\n<p><em>Durch fremde leere L\u00e4nder ohne Schlaf,<\/em><br \/>\n<em>Auf stillen Br\u00fccken \u00fcber gr\u00fcne Wasser<\/em><br \/>\n<em>Durch lange schwarze, schweigende Alleen,<\/em><\/p>\n<p>Immer &#8222;Verh\u00e4ltniswort + X x&#8220;, im mittleren Vers sogar f\u00fcnf &#8222;<strong>TAM<\/strong>tam&#8220; am St\u00fcck (wobei &#8222;\u00fcber&#8220; etwas schw\u00e4cher ist); erst das schweigen[b]de[\/b], das die Bau-Silbe &#8222;-de&#8220; in die Hebung stellt, lockert das ganze wieder etwas auf, ehe dann mit<\/p>\n<p><em>Durch G\u00e4rten, die verwildern &#8230;<\/em><\/p>\n<p>ein im Metrum dreihebiger (x X x X x X x), gesprochen aber zweihebiger Vers (x X x | x x X x) dem Spuk ein Ende macht.<\/p>\n<p>Solcherlei gibt es noch h\u00e4ufiger:<\/p>\n<p><em>Die tragen wunderbare Sch\u00fcsseln auf:<\/em><br \/>\n<em>Ja, ganze Pfauen, Fische silberschuppig<\/em><\/p>\n<p>Wirkliche Abweichungen vom Metrum sind dagegen selten, der eine verk\u00fcrze Vers wurde schon angesprochen; am Ende ist nur ein Vers auf zwei Zeilen umgebrochen. Ansonsten sind noch zu erw\u00e4hnen &#8222;goldroten&#8220;, ein &#8222;Auf-Ab-Feind&#8220;, bei dem die eigentlich betonte Silbe eine Senkung f\u00fcllt, und &#8222;Granat\u00e4pfel&#8220;, was durch den Ausfall einer unbetonten Silbe m\u00f6glich wird:<\/p>\n<p>Gra<strong>nat<\/strong>&#8211;<strong>\u00e4p<\/strong>fel, <strong>die<\/strong> auf <strong>wei<\/strong>chen <strong>Kis<\/strong>sen<\/p>\n<p>x X (x) X x | X x X x X x<\/p>\n<p>(Allerdings nur, wenn &#8222;Granat\u00e4pfel&#8220; nicht anders betont zu werden pflegte, damals &#8230;) Durch das folgende, schwache &#8222;die&#8220; in der Hebung ist der Vers einer der bewegteren im Text!<\/p>\n<p>Eigentlich sollten Verse nicht &#8222;leiern&#8220;. Wenn es viele Verse dieses Textes doch recht stark tun, so wird sich Hofmannsthal etwas dabei gedacht, es als passend zur ged\u00e4mpften Stimmung empfunden haben; da lie\u00dfen sich ja auch andere Dinge finden, die in diese Richtung gehen (das doppelte &#8222;lautlos&#8220; im Versausgang etwa).<\/p>\n<p>Auf jeden Fall lohnt es sich aber, mal zu achten auf diese Dinge; vielleicht zuallererst darauf, an wievielen Stellen wieviele W\u00f6rter der Form &#8222;X x&#8220; aufeinanderfolgen in einem alternierenden Text; denn solche Abschnitte sind f\u00fcr das Ohr sehr, sehr h\u00f6rbar und schleichen sich leicht ein, weil es eben sehr viele solcher W\u00f6rter gibt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abwechslung l\u00e4sst der Blankvers selbst dann zu, wenn der metrische Aufbau Vers f\u00fcr Vers dem strengen x X x X x X x X x X (x) folgt! 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