{"id":2640,"date":"2014-09-02T00:24:10","date_gmt":"2014-09-01T22:24:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2640"},"modified":"2014-09-02T00:24:10","modified_gmt":"2014-09-01T22:24:10","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-65","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2640","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (65)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Catull, Ramler, M\u00f6rike<\/strong><\/p>\n<p>Eduard M\u00f6rike hat viel aus dem Griechischen und Lateinischen \u00fcbersetzt, nach seiner ganz eigenen Vorgehensweise; die wird von Ulrich H\u00f6tzer so beschrieben:<\/p>\n<p><em>Im allgemeinen formuliert M\u00f6rike den Text der \u00dcbersetzung, indem er auf vorhandene \u00dcbersetzungen zur\u00fcckgreift. Meist \u00fcberpr\u00fcft er auch den originalsprachlichen Text mit Hilfe der wissenschaftlichen Ausgaben, und nicht selten \u00fcbersetzt er ganz selbstst\u00e4ndig. &#8230; M\u00f6rike w\u00e4hlt aus vorhandenen \u00dcbersetzungen diejenigen W\u00f6rter und Wendungen aus, die ihm f\u00fcr den Stil seines \u00dcbertragens angemessen scheinen. Oft kontaminiert er die aus mehreren Vorlagen ausgew\u00e4hlten Textstellen und mischt dabei auch eigene Formulierungen ein.<\/em><\/p>\n<p>1790 hatte Karl Wilhelm Ramler einen Catull-Text \u00fcbersetzt und ver\u00f6ffentlicht, und als M\u00f6rike 50 Jahre sp\u00e4ter eine Sammlung von \u00fcbersetzten griechischen und lateinischen Dichtern plante, griff er auf Ramlers Text zur\u00fcck. Nun k\u00f6nnte man viel schreiben zum antiken lateinischen Text, zu Ramlers \u00dcbersetzung, zu M\u00f6rikes Vorgehen &#8211; im Rahmen dieses Fadens ist eigentlich nur der Blick auf den Vers entscheidend, sprich: wie hat M\u00f6rike dabei den Hexameter behandelt, wo ist er Ramler in der Versgestaltung gefolgt, wo nicht; was haben das gr\u00f6\u00dfere Dichtertum und 50 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Hexameter an Verbesserungen gebracht; haben sie das \u00fcberhaupt?!<\/p>\n<p>Dazu hier die beiden \u00dcbersetzungen &#8211; zuerst die \u00e4ltere Ramlers &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Gartengott<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcnglinge! Dieser Ort, dies Meierh\u00f6fchen im Bruche,<br \/>\nDas mit Riedgras gedeckt ist und mit geflochtenen Binsen,<br \/>\nHab ich gesegnet, ich weiland trockener Eichstamm, gebildet<br \/>\nDurch ein l\u00e4ndliches Beil, und werd es ferner noch segnen;<br \/>\nDenn die Herren der armen H\u00fctte, Vater und Sohn, sind<br \/>\nBeide meine Verehrer, und gr\u00fc\u00dfen mich Gott &#8230;<br \/>\nDieser j\u00e4tet flei\u00dfig, und r\u00e4umt von meiner Kapelle<br \/>\nAlle Dornen weg und alle stachligen Kr\u00e4uter;<br \/>\nJener bringt mit reichlicher Hand mir kleine Geschenke &#8211;<br \/>\nMein ist das erste Blumenkr\u00e4nzlein im bl\u00fchenden Fr\u00fchjahr;<br \/>\nGr\u00fcn noch werden mir \u00c4hren mit zarten Spitzen verehret,<br \/>\nMir der gelbe Mohn und mir die gelbe Viole;<br \/>\nMir weit kriechende K\u00fcrbse, lieblich duftende Quitten,<br \/>\nPurpurtrauben, im Schatten der breiten Bl\u00e4tter erzogen.<br \/>\nAuch hat diesen Altar mir oft ein b\u00e4rtiges B\u00f6cklein<br \/>\n(Aber plaudert nicht nach!) und ein h\u00fcpfendes Zicklein gef\u00e4rbet.<br \/>\nEhret man so Priapen, so muss er f\u00fcr alles auch stehen,<br \/>\nMuss das G\u00e4rtchen des Herrn und seinen Weinberg besch\u00fctzen.<br \/>\nHier, mutwillige Knaben, enthaltet euch also des Stehlens!<br \/>\nNeben an ist ein Reicher, und ein Priap, der nicht aufpasst:<br \/>\nNehmt euch dort was; dann k\u00f6nnt ihr diesen Fu\u00dfsteig zur\u00fcckgehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8230; dann die j\u00fcngere von M\u00f6rike:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Feldgott<\/strong><\/p>\n<p>H\u00f6rt, ihr Jungen, dies Feld und das Meierh\u00f6fchen im Moorgrund,<br \/>\nLeicht mit R\u00f6hrig gedeckt, mit geflochtenen Binsen und Riedgras,<br \/>\nWurde gesegnet von mir, den ein l\u00e4ndliches Beil aus der Eiche<br \/>\nTrockenem Stamme geformt, und ich denk es noch ferner zu segnen.<br \/>\nDenn die Besitzer des \u00e4rmlichen H\u00fcttleins, Vater und Sohn, sind<br \/>\nMeine Verehrer und gr\u00fc\u00dfen mich Gott nach W\u00fcrden; der eine<br \/>\nIst gar eiferig immer bedacht, von meiner Kapelle<br \/>\nWeg die Dornen und wildes Gekr\u00e4ute zu r\u00e4umen, der andre<br \/>\nBringt mit reichlicher Hand mir best\u00e4ndig kleine Geschenke.<br \/>\nMein ist das erste Kr\u00e4nzchen der Flur im bl\u00fchenden Fr\u00fchjahr;<br \/>\nZart noch werden mir \u00c4hren mit gr\u00fcnlichen Spitzen gewidmet,<br \/>\nMir der geliebte Mohn und mir die goldne Viole,<br \/>\nBl\u00e4\u00dfliche K\u00fcrbisse dann und lieblich duftende Quitten,<br \/>\nPurpurtrauben, gereift in sch\u00fctzender Bl\u00e4tter Umschattung.<br \/>\nOft auch pflegt mir diesen Altar ein b\u00e4rtiges B\u00f6cklein<br \/>\n(Dies im Vertrauen gesagt) und ein Zicklein blutig zu f\u00e4rben.<br \/>\nEhrt man so den Priapus, so mu\u00df er f\u00fcr alles auch einstehn,<br \/>\nMuss er des Herrn Weinberg und muss ihm das G\u00e4rtchen besch\u00fctzen.<br \/>\nHier mutwillige Knaben, enthaltet euch also des Stehlens!<br \/>\nN\u00e4chst hier an ist ein Reicher und steht ein Priap, der nicht aufpasst.<br \/>\nNehmt euch dort was; dann m\u00f6gt ihr den Fu\u00dfsteig wieder zur\u00fcckgehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was f\u00e4llt auf an Unterschieden in der Versbehandlung?<\/p>\n<p>&#8211; M\u00f6rike hat auf Daktylen verzichtet, die eine starke Nebenhebung auf der zweiten Silbe haben. Wo Ramler in V2 &#8222;Riedgras ge-&#8220; hat, versetzt M\u00f6rike das &#8222;Riedgras&#8220; in die zweisilbige Einheit am Ende, was ja auch den Versschluss st\u00e4rkt; beim ramlersche &#8222;Eichstamm ge-&#8220; (V3) verteilt M\u00f6rike die beiden Sinnsilben &#8222;Eich-&#8220; und &#8222;Stamm&#8220; auf zwei betonte Versstellen; Ramlers &#8222;Fu\u00dfsteig zu&#8220;- im letzten Vers wird zur zweisilbigen Einheit im Versinnern. Das &#8222;Weinberg be-&#8220; aus Ramlers viertletztem Hexameter wird bei M\u00f6rike gar zu einem &#8222;geschleiften Spond\u00e4us&#8220;:<\/p>\n<p><strong>Muss<\/strong> er des \/ <strong>Herrn<\/strong> Wein- \/ <strong>berg<\/strong><span style=\"color: #ff0000\"> ||<\/span> und \/ <strong>muss<\/strong> ihm das \/ <strong>G\u00e4rt<\/strong>&#8211; chen be- \/ <strong>sch\u00fct<\/strong>zen.<\/p>\n<p>Der klingt zwar heute auch etwas ungewohnt, aber diese &#8222;Daktylen mit Nebenhebung&#8220; haben im Laufe der Entwicklung des deutschen Hexameters immer weiter an Boden verloren &#8211; da spricht nicht unbedingt M\u00f6rike, sondern wohl eher die durch Versuch und Irrtum gewonnene Erkenntnis, dass solche dreisilbigen Einheiten der Versbewegung schaden.<\/p>\n<p>&#8211; M\u00f6rike hat Verse mit mehreren aufeinanderfolgenden zweisilbigen Einheiten weitgehend vermieden. Ein Vers Ramlers hat sogar vier davon:<\/p>\n<p><strong>Mir<\/strong> der \/ <strong>gel<\/strong>be \/ <strong>Mohn<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und \/ <strong>mir<\/strong> die \/ <strong>gel<\/strong>be Vi- \/ <strong>o<\/strong>le;<\/p>\n<p>Da l\u00f6st M\u00f6rike den zweiten auf, so dass der Dakytylus wieder an Boden gewinnt, passenderweise; der Hexameter ist schlie\u00dflich, am Ende, doch ein daktylischer Vers.<\/p>\n<p>&#8211; M\u00f6rike macht die Versbewegung durchsichtiger, hier etwa (vorletzter Vers):<\/p>\n<p>Ramler: <strong>Ne<\/strong>ben \/ <strong>an<\/strong> ist ein \/ <strong>Rei<\/strong>cher, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und \/ <strong>ein<\/strong> Pri- \/ <strong>ap<\/strong>, der nicht \/ <strong>auf<\/strong>passt:<br \/>\nM\u00f6rike: <strong>N\u00e4chst<\/strong> hier \/ <strong>an<\/strong> ist ein \/ <strong>Rei<\/strong>cher <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und \/ <strong>steht<\/strong> ein Pri- \/ <strong>ap<\/strong>, der nicht \/ <strong>auf<\/strong>passt.<\/p>\n<p>Bei Ramler muss man die Betonung auf &#8222;ein&#8220; m\u00fchselig ausrechnen, M\u00f6rike f\u00fcgt ein &#8222;steht&#8220; ein und gibt dem Vers damit viel gr\u00f6\u00dfere Klarheit.<\/p>\n<p>Auch in anderen Kleinigkeiten greift M\u00f6rike in Ramlers Vers ein &#8211; er verbessert an einer Stelle die Z\u00e4sur; er gibt den Versenden etwas mehr Gewicht; all solche Dinge. Deswegen gef\u00e4llt mir seine \u00dcbersetzung auch etwas besser als Ramlers, obwohl die sicher auch nicht schlecht ist!<\/p>\n<p>Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit zwei Anmerkungen Ramlers. Die eine machte er zum sechsten Vers:<\/p>\n<p><em>Der Vers ist nicht zu Ende, wie man sieht, eben so wenig als im lateinischen Originale. Die Philologen haben ihn auf verschiedene Art auff\u00fcllen wollen. Vergil hat mehr dergleichen abgerissene Verse gemacht, und einige gewiss mit gutem Vorbedacht.<\/em><\/p>\n<p>M\u00f6rike hat den Vers &#8222;aufgef\u00fcllt&#8220;; ob aus eigenem Antrieb oder veranlasst von einer unterschiedlichen Quelle, habe ich nicht nachgesehen. Allerdings verliert er so das engegensetzende &#8222;dieser&#8220; &#8230; &#8222;jener&#8220;, und sein Vers geht nicht so toll los mit dem &#8222;<strong>Ist<\/strong> gar&#8220;?!<\/p>\n<p>Die zweite Bemerkung ist inhaltlich und betrifft das eingeklammerte &#8222;Aber plaudert nicht nach!&#8220;, bzw. &#8222;Dies im Vertrauen gesagt&#8220;:<\/p>\n<p><em>Weil den gr\u00f6\u00dferen G\u00f6ttern nur ein solches Opfer zukommt.<\/em><\/p>\n<p>Aha. Je nun, so ganz im Vertrauen: Sonderlich \u00fcberzeugend kommt mir die Beweisf\u00fchrung des &#8222;kleineren&#8220; Garten- oder Feldgottes ohnehin nicht daher?!<\/p>\n<p>(<em>Weil ein solches Opfer den gr\u00f6\u00dferen G\u00f6ttern nur zukommt<\/em> w\u00e4re mal eine Anmerkung in Hexameterform gewesen. Schade &#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Catull, Ramler, M\u00f6rike Eduard M\u00f6rike hat viel aus dem Griechischen und Lateinischen \u00fcbersetzt, nach seiner ganz eigenen Vorgehensweise; die wird von Ulrich H\u00f6tzer so beschrieben: Im allgemeinen formuliert M\u00f6rike den Text der \u00dcbersetzung, indem er auf vorhandene \u00dcbersetzungen zur\u00fcckgreift. Meist \u00fcberpr\u00fcft er auch den originalsprachlichen Text mit Hilfe der wissenschaftlichen Ausgaben, und nicht selten \u00fcbersetzt&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2640\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (65)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-2640","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2640","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2640"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2640\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2641,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2640\/revisions\/2641"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2640"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2640"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2640"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}