{"id":2696,"date":"2014-09-09T00:28:31","date_gmt":"2014-09-08T22:28:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2696"},"modified":"2014-09-09T11:16:41","modified_gmt":"2014-09-09T09:16:41","slug":"erzaehlformen-das-reimpaar-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2696","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Reimpaar (4)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Der Reim ist immer ein Ende&#8220;, hat Josef Weinheber einmal festgestellt. Und das nirgends mehr als beim Reimpaar: Durch den Gleichklang entsteht ein zwei Verse gro\u00dfer, abgeschlossener Raum, wirkungsm\u00e4chtig und eine Entscheidung fordernd vom Versemacher: f\u00fcgt er sich diesem Abschluss, arbeitet er dagegen an, findet er ein ganz anderes Verh\u00e4ltnis?! Ein Verh\u00e4ltnis haben aber muss er, sonst werden seine Verspaare nicht lebendig.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df diese abschlie\u00dfende Wirkung ist, l\u00e4sst sich vielleicht am Beispiel von vierzeiligen Strophen zeigen, die den iambischen Vierheber nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er nickt mit seinem gro\u00dfen Haupt<br \/>\nAm Feuer eines fremden Herds:<br \/>\nIm Traum erblickt er einen Geist,<br \/>\nDer seines Purpurs Spange l\u00f6st.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erste Strophe von Conrad Ferdinand Meyers &#8222;Napoleon im Kreml&#8220;. Die Verse sind ungereimt, der vom Satz zu f\u00fcllende Raum ist daher die ganze Strophe, und die Gestaltung dieses Raums ist dem Satz \u00fcberlassen &#8211; die st\u00e4rkste Pause liegt nach dem zweiten Vers und teilt die Strophe mehr oder weniger h\u00f6rbar in zwei H\u00e4lften.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Himmel h\u00e4ngt, wie Blei so schwer,<br \/>\nDicht auf dem wildemp\u00f6rten Meer;<br \/>\nEin englisch Segel, fast die Quer,<br \/>\nSchie\u00dft wie ein Pfeil dar\u00fcber her.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist die erste Strophe von Gottfried Kellers &#8222;Das Meer&#8220;. Diesmal sind die Verse gereimt, aber alle vier Verse haben den gleichen Reim; es \u00e4ndert sich nichts wesentliches gegen\u00fcber Meyers Strophe, wieder sorgt der Satz f\u00fcr einen gliedernden Einschnitt in der Strophenh\u00e4lfte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin der Doktor Eisenbart,<br \/>\nKurier die Leut nach meiner Art;<br \/>\nKann machen, dass die Blinden gehn,<br \/>\nUnd dass die Lahmen wieder sehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmte &#8222;Doktor Eisenbart&#8220; nutzt nun zwei Reime, in Reimpaaren angeordnet; und das \u00e4ndert auf einen Schlag alles! Jetzt gliedern die Reime die Strophe in zwei H\u00e4lften, und zwar viel st\u00e4rker, als es bei Meyer und Keller der Satz tat; ihr Einfluss ist so gro\u00df, dass die Strophe auseinanderbricht und als Einheit kaum noch erkennbar ist &#8211; man k\u00f6nnte den Text auch als zwei Strophen setzen, von denen jede aus einem Reimpaar besteht!<\/p>\n<p>Wie aber die Strophe trotzdem als Einheit kenntlich machen? &#8222;Doktor Eisenbart&#8220; schafft das, indem bei der folgenden, langen Liste seiner &#8222;Behandlungserfolge&#8220; immer dasselbe Grundger\u00fcst verwendet wird: &#8222;Wo, wer, wie (zu Tode gekommen)?&#8220; Ein Beispiel:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Leipzig nahm ich einem Weib<br \/>\nZehn Fuder Steine aus dem Leib;<br \/>\nDer letzte war ihr Leichenstein,<br \/>\nJetzt wird sie wohl kurieret sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man als Versemacher diese Strophe ernst nimmt, muss man also sehr arbeiten, um die beiden Reimpaar-H\u00e4lften inhaltlich so eng aufeinander zu beziehen, dass sie als Einheit wahrgenommen werden k\u00f6nnen. Bevor die Gedichtewelt stumm wurde, hatte diese Strophe allerdings ein langes und erf\u00fclltes Dasein als Liedstrophe, und da hilft sicher auch die Melodie, die Stropheneinheit zu wahren. Aber sogar dann schadet es nichts, die beiden Reimpaare zu verleimen. Das wusste schon Martin Luther:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Himmel hoch, da komm ich her.<br \/>\nIch bring euch gute, neue M\u00e4r.<br \/>\nDer guten M\u00e4r bring ich so viel,<br \/>\nDavon ich sing&#8217;n und sagen will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Die dritte Zeile nimmt die zweite inhaltlich auf, und auch den (M)\u00e4r-Reimklang des ersten Reimpaars?! (Und ja, es ist beinahe noch Sommer und sicher noch nicht Weihnachten. Aber es gibt im Supermarkt ja auch schon Lebkuchen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Reim ist immer ein Ende&#8220;, hat Josef Weinheber einmal festgestellt. 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