{"id":2716,"date":"2014-09-11T01:00:07","date_gmt":"2014-09-10T23:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2716"},"modified":"2014-09-11T01:16:04","modified_gmt":"2014-09-10T23:16:04","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-67","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2716","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (67)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gerhart Hauptmanns &#8222;Till Eulenspiegel&#8220; (1)<\/strong><\/p>\n<p>Hauptmann begann mit dem &#8222;Till&#8220; im Fr\u00fchjahr 1920. Wie der vollst\u00e4ndige Titel<\/p>\n<p><em>Des gro\u00dfen Kampffliegers, Landfahrers, Gauklers und Magiers Till Eulenspiegel Abenteuer, Streiche, Gaukeleien, Gesichte und Tr\u00e4ume<\/em><\/p>\n<p>angesichts des darin enthaltenen &#8222;Kampffliegers&#8220; schon vermuten l\u00e4sst, entstand das Epos vor dem Hintergrund des Weltkriegs. Hauptmann selbst sagt:<\/p>\n<p><em>Mein &#8222;Till&#8220; ist ein Werk, das nur aus der Nachkriegszeit entstehen konnte. Durch alle Poren drang die Zeit in diese Dichtung ein. Es war eine Art Notwehr gegen die Tr\u00fcbsal und die albhafte Problematik der Gegenwart.<\/em><\/p>\n<p>Die Figur &#8222;Till&#8220; hatte dabei in Krafft Christian Tesdorpf sogar einen wirklichen Kampfflieger als geschichtliches Urbild!<\/p>\n<p>Insgesamt hat das Epos 15 umfangreiche &#8222;Abenteuer&#8220;, ist also etwas zu lang, um hier ausf\u00fchrlich vorgestellt werden zu k\u00f6nnen. Ich beschr\u00e4nke mich daher auf das erste Abenteuer! Hauptmann hat jedem Abenteuer eine kurze Inhaltsangabe vorangestellt; der so gestaltete Anfang, zu finden in Hauptmanns gesammelten Werken, genauer: im vierten Band, erschienen 1964 bei Propyl\u00e4n, auf Seite 601:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>DAS ERSTE ABENTEUER<\/strong><\/p>\n<p><em>zeigt, wie Till Eulenspiegel sich zu Warmbrunn betr\u00e4gt, und das Spiegel\u00e4rgernis. Alsdann, wie er vom Kriege und einer Granate tr\u00e4umt, von einem Splitter getroffen zu sterben vermeint, aber statt dessen erwacht. Schlie\u00dflich und endlich, was sich am n\u00e4chtlichen Lagerfeuer zwischen Till, dem Blinden und seiner Mutter und \u00fcberhaupt ereignet.<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Nur herein, nur hereinspaziert! meine Damen und Herren!<br \/>\nohne Furcht, ohne Zagen! Der Krieg &#8211; Gott sei Dank &#8211; ist vor\u00fcber!<br \/>\nGold ist freilich nicht mehr im Lande: das haben die Schweizer,<br \/>\nhat vor allem die Wallstreet. Wir aber, wir haben das Nachsehn!&#8220;<br \/>\nDer das rief in den wimmelnden Markt, vor der leinenen Bude,<br \/>\nwar ein Mann von geschmeidigem Wuchse, er trug die Litewka,<br \/>\ntrug die Wickelgamasche, die Erbschaft der feldgrauen Kriegszeit.<br \/>\nUnd der Marktschreier schrie wiederum: &#8222;Nur herein, meine Damen!<br \/>\nWas sie drinnen bei mir zu sehen bekommen, es lohnt sich,<br \/>\neinem armen, entlassnen Soldaten sein Gr\u00f6schlein zu g\u00f6nnen!<br \/>\nGerne geb ich&#8217;s, beim Hunde! zur\u00fcck, wenn Sie irgend entt\u00e4uscht sind.<br \/>\nDoch Sie sind nicht entt\u00e4uscht, sondern treten heraus aus der Bude,<br \/>\naus dem Zelt &#8211; es ist Leinwand, die mir an der Marne gedient hat! -,<br \/>\nganz berauscht von der gr\u00f6\u00dften, der h\u00f6chsten Entdeckung der Neuzeit,<br \/>\nwie der Himmel sie mir zum Entgelt in der Nacht unsres Ungl\u00fccks<br \/>\nf\u00fcr den schm\u00e4hlich verlorenen Krieg gradezu ins Gesicht warf.<br \/>\nWas denn ist es? so werden Sie fragen, ein Serum f\u00fcr Starrkrampf,<br \/>\num den sterbenden K\u00f6rper des Reichs zu entgiften? ein Mittel<br \/>\ngegen Kriegspest und Schie\u00dfruhr? ein Flugzeug, den Mars zu erreichen?<br \/>\noder aber auch nur ein Haar in der Suppe des Str\u00e4flings,<br \/>\njenem ranzigen Fra\u00df, der dem Michel heut t\u00e4gliches Brot ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was der Besucher vorfindet, ist (es wundert nicht) ein Spiegel, in dem er sich selbst sieht. Von einem ver\u00e4rgerten Kunden angezeigt, muss Till auf die Wache, wird dort aber schnell wieder entlassen.<\/p>\n<p>Wie liest sich nun Hauptmanns Hexameter? Ich glaube, man h\u00f6rt schon, dass er viel unruhiger ist als der Vers der klassischen Hexametristen. Ein Beispiel ist der zweite Vers:<\/p>\n<p><strong>oh<\/strong>ne \/ <strong>Furcht<\/strong>, ohne \/ <strong>Za<\/strong>gen! <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Der \/<strong> Krieg<\/strong> &#8211; Gott sei \/ <strong>Dank<\/strong> &#8211; ist vor- \/ <strong>\u00fc<\/strong>ber!<\/p>\n<p>Das erste &#8222;ohne&#8220; ist vorne betont, das zweite ist g\u00e4nzlich ohne Betonung; &#8222;Krieg&#8220; ist betont, das v\u00f6llig gleichwertige &#8222;Gott&#8220; nicht. Das kann man wunderbar so lesen &#8211; das zweite, wiederholende &#8222;ohne&#8220; klingt schw\u00e4cher als das erste, erst Recht hinter dem schweren &#8222;Furcht&#8220;, die Redewendung &#8222;Gott sei Dank&#8220; klingt &#8222;hinten betont&#8220; vollkommen in Ordnung; doch setzt es eine sichere Kenntnis der Hexameterbewegung voraus? Die Sprache gibt aus sich heraus die Bewegung nicht vor, sie arbeitet sogar oft dagegen an und der Vortragende muss sie erst in den Hexameter &#8222;zwingen&#8220;, was f\u00fcr einige Spannung sorgt; aber eben auch sehr lebendig wirkt!<\/p>\n<p>Von klassischem Gleichma\u00df ist jedenfalls nicht mehr viel zu h\u00f6ren, und dementsprechend ist Hauptmann von Kritikern, die Goethes Hexameter im Ohr hatten, auch sehr ger\u00fcgt worden. Aber kann das im 20. Jahrhundert wirklich der alleinige Ma\u00dfstab sein? Eigentlich handhabt Hauptmann den Vers n\u00e4mlich mit Geschick. Joseph Gregor schreibt sogar, Hauptmann &#8222;braucht den Hexameter mit unerh\u00f6rter Virtuosit\u00e4t&#8220;. Ob ich soweit gehen w\u00fcrde, wei\u00df ich nicht; klar ist jedenfalls, dass Hauptmanns Vers nirgendwo nur darum unruhig oder zerrissen wirkt, weil es ihm an handwerklichem K\u00f6nnen mangelt! In sp\u00e4teren Abenteuern kann es da auch schon mal geschehen, dass der Vers in Momenten h\u00f6chster Erregung einfach zerbricht und einige Zeilen lang blo\u00df rhythmische Prosa vernehmbar ist &#8211; aber auch das geh\u00f6rt zum Hauptmannschen Epos, und der Vers findet dann mit der Beruhigung des Beschriebenen immer zur\u00fcck zum hexametrischen Ma\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhart Hauptmanns &#8222;Till Eulenspiegel&#8220; (1) Hauptmann begann mit dem &#8222;Till&#8220; im Fr\u00fchjahr 1920. 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