{"id":2735,"date":"2014-09-13T00:01:28","date_gmt":"2014-09-12T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2735"},"modified":"2014-09-13T00:03:44","modified_gmt":"2014-09-12T22:03:44","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-68-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2735","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (68)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gerhart Hauptmanns &#8222;Till Eulenspiegel&#8220; (2)<\/strong><\/p>\n<p>Wie angek\u00fcndigt: Der Rest des &#8222;ersten Abenteuers&#8220;. Nach der Begegnung mit den Beh\u00f6rden baut Till seine &#8222;Bude&#8220; ab und zieht mit seinem Karren los. Hauptmann beschreibt Tills Gef\u00e4hrten so (wieder aus Hauptmanns gesammelten Werken, vierter Band, erschienen 1964 bei Propyl\u00e4n, Seite 601-613):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und im Grund des Gef\u00e4hrts sa\u00df ein K\u00e4uzlein. Es r\u00fchrte sich wenig.<br \/>\nGift und Galle: So nannte der fahrende Landschelm die Pferdchen,<br \/>\nder, als lachender Gott, sie regierte und so eines wei\u00dfen<br \/>\nPudels Dienste genoss, den, wie manchen der Gilde, man Prinz rief.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weit au\u00dferhalb der Stadt schl\u00e4gt Till sein Lager auf. Dort begegnen ihm Ulrich, ein blinder ehemaliger Soldat, der den Krieg genausowenig los wird wie Till, und dessen Mutter. Till l\u00e4d sie ein, und:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser a\u00df h\u00f6chst vergn\u00fcgt und genoss von dem Weine des Gauklers,<br \/>\nward gespr\u00e4chig und schien seiner Blindheit sich nicht zu erinnern.<br \/>\n&#8222;K\u00f6stlich&#8220;, sprach er, &#8222;ist so eine Nacht, wenn die Schauer der Stille<br \/>\nmit den wohligen Str\u00f6men der laulichen Luft sich vereinen,<br \/>\ngleichsam unter das Weltengewimmel der Sterne sich fl\u00fcchten!<br \/>\nUnd wie bleich das Gebirge sich dehnt in der schummrigen Ferne,<br \/>\n\u00fcberirdischem Horte gediegenen Silbers vergleichbar<br \/>\nin den n\u00e4chtlichen Tempeln und Sch\u00e4tzegew\u00f6lben der Gottheit!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der Naturschilderung gl\u00e4ttet sich auch der Vers, und die Hexameter klingen fast schon etwas kitschig. Doch der Ton \u00e4ndert sich gleich wieder, den nun wird vom &#8222;Krieg geplauscht&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;\u00dcber Zion&#8220;, sprach Till, &#8222;hing ich, kreisend, im dr\u00f6hnenden Flugzeug.<br \/>\nDen gewaltigsten Traum, den ich jemals getr\u00e4umt, tr\u00e4umt&#8216; ich damals,<br \/>\nvon der Gr\u00f6\u00dfe des Reichs, von der l\u00e4nderumgreifenden Weltmacht<br \/>\ndeutscher Art und dem heilgen Beruf, der uns damit gesetzt war.<br \/>\nDeutschland tr\u00e4umte in mir, und sein Traum war geharnischt &#8211; das war er! -,<br \/>\neisenschmetternd und Feuer auswerfend und donnernden Rauchdampf!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Unterschied zu den vorigen Versen l\u00e4sst sich auch beim Vergleich der Versausg\u00e4nge erkennen: Stille, fl\u00fcchten, Ferne, aber Flugzeug, Weltmacht, Rauchdampf! Bei Till sind die Schlusssilben viel schwerer und eigentlich nie mit &#8222;schwachem e&#8220; besetzt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich spielt Till noch auf der Zither und singt, er schildert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rossewiehern, Trompeten und brausenden Ruf der Begeistrung,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>doch dann bricht er pl\u00f6tzlich ab: Ihm sind tote Soldaten erschienen, die seine Musik nicht dulden. Einer sagt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie du wei\u00dft: wir sind tot. Unser Vaterland hat uns erschlagen.<br \/>\nGrausam trieb&#8217;s mich hinein in den h\u00f6llischen Sturm der Geschosse,<br \/>\nstolpernd starb ich, ins eigne Geschlinke die F\u00fc\u00dfe verwickelt,<br \/>\nund ich lag zwanzig Tage, verwesend im eigenen Kote,<br \/>\nstank, solange die L\u00fcfte verderbend mit giftigem Pesthauch!<br \/>\nAls man endlich den irdischen Rest zu bestatten die Zeit fand,<br \/>\ntat man es mit verbundenem Maul, unter Fl\u00fcchen und Zoten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist also wirklich viel vom Krieg die Rede, und das bleibt auch so. In den folgenden Abenteuern erweitert sich der abgeschrittene Raum aber, es kommen mehrere Themen hinzu (der Pudel etwa bleibt nicht die einzige Verkn\u00fcpfung mit Goethes &#8222;Faust&#8220;), und das ganze l\u00e4sst den Leser nur schwer wieder los. Was in meinem Fall nat\u00fcrlich auch an Hauptmanns Hexameter liegt &#8211; ein seltsamer Vers, gleichzeitig anziehend und absto\u00dfend. Oskar Loerke hat \u00fcber ihn geschrieben:<\/p>\n<p><em>Der Vers misst nicht, er er-misst, er z\u00e4hlt nicht, er er-z\u00e4hlt. Der Till-Vers ist einem Atemzuge vergleichbar, in sechs rhythmischen Schl\u00e4gen zieht er vor\u00fcber; diese stellen sich unbefangen ein und setzen sich nicht gleichsam dem Vers auf den Nacken. Sie schalten nicht gleichmacherisch mit ihrem Inhalt. Der Atem wiederholt nicht das Unwiederholbare der Dinge, aber er freut sich an den Dingen, die nicht da w\u00e4ren, wenn er sich nicht wiederholte. Er hat durchblutende, ansaugende, erhaltende Kraft.<\/em><\/p>\n<p>Das kann man so gelten lassen, denke ich?! Jedenfalls, wer Mu\u00dfe und Gelegenheit hat, sollte den &#8222;Till&#8220; auf jeden Fall zur Hand nehmen &#8211; ein lohnender Text!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhart Hauptmanns &#8222;Till Eulenspiegel&#8220; (2) Wie angek\u00fcndigt: Der Rest des &#8222;ersten Abenteuers&#8220;. 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Hauptmann beschreibt Tills Gef\u00e4hrten so (wieder aus Hauptmanns gesammelten Werken, vierter Band, erschienen 1964 bei Propyl\u00e4n, Seite 601-613): &nbsp; Und im Grund des Gef\u00e4hrts sa\u00df ein&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2735\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (68)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-2735","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2735","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2735"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2735\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2737,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2735\/revisions\/2737"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2735"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2735"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2735"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}