{"id":2840,"date":"2014-09-28T00:29:01","date_gmt":"2014-09-27T22:29:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2840"},"modified":"2014-09-28T03:00:31","modified_gmt":"2014-09-28T01:00:31","slug":"erzaehlformen-das-reimpaar-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2840","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Reimpaar (9)"},"content":{"rendered":"<p>In <strong>(8)<\/strong> war zu sehen und zu h\u00f6ren, wie auch der iambische Vierheber, als Bestandteil eines Reimpaares, durch kleine Abweichungen aufgelockert werden kann. Wie weit man dabei gehen kann, ohne dass der Vers seine Wiedererkennbarkeit verliert, ist eine spannende Frage! Ich stelle drei Auschnitte aus Gedichten Heinrich Heines vor, zuerst den Anfang von &#8222;Babylonische Sorgen&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mich ruft der Tod \u2013 Es w\u00e4r\u2019 noch besser,<br \/>\nM\u00fcsst\u2019 ich auf hohem Seegew\u00e4sser<br \/>\nVerlassen dich, mein Weib, mein Kind,<br \/>\nWenn gleich der tolle Nordpol-Wind<br \/>\nDort peitscht die Wellen, und aus den Tiefen<br \/>\nDie Unget\u00fcme, die dort schliefen,<br \/>\nHaifisch\u2019 und Krokodile, kommen<br \/>\nMit offnem Rachen emporgeschwommen \u2013<br \/>\nGlaub\u2019 mir, mein Kind, mein Weib, Mathilde,<br \/>\nNicht so gef\u00e4hrlich ist das wilde,<br \/>\nErz\u00fcrnte Meer und der trotzige Wald,<br \/>\nAls unser jetziger Aufenthalt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der etwas verwunderliche &#8222;Wald&#8220; wird in den vohergehenden Versen verhandelt &#8230; Jedenfalls ist der Text zwar aufgelockert &#8211; versetzte Betonungen und eine schwebende Betonung am Versanfang, wiederholte zweisilbig besetzte Senkungen (aber nur einmal zwei davon im selben Vers) -, doch der Vers ist immer noch gut als iambischer Vierheber zu erkennen:<\/p>\n<p>x X \/ x X \/ x X \/ x X \/ (x)<\/p>\n<p>Der zweite Abschnitt stammt aus &#8222;R\u00fcckschau&#8220; (= Lazarus III):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Lorbeerkranz umschloss die Stirn,<br \/>\nEr duftete Tr\u00e4ume mir ins Gehirn,<br \/>\nTr\u00e4ume von Rosen und ewigem Mai &#8211;<br \/>\nEs ward mir so selig zu Sinne dabei,<br \/>\nSo d\u00e4mmers\u00fcchtig, so sterbefaul &#8211;<br \/>\nMir flogen gebratne Tauben ins Maul,<br \/>\nUnd Englein kamen, und aus den Taschen<br \/>\nSie zogen hervor Champagnerflaschen &#8211;<br \/>\nDas waren Visionen, Seifenblasen &#8211;<br \/>\nSie platzten &#8211; Jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen,<br \/>\nDie Glieder sind mir rheumatisch gel\u00e4hmt,<br \/>\nUnd meine Seele ist tief besch\u00e4mt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier h\u00f6rt sich die Sache anders an?! Der erste Vers ist zwar ein fester iambischer Vierheber, aber schon der zweite und der dritte weisen zwei doppelt besetzte Senkungen auf, und im vierten sind gleich alle drei Senkungen im Versinnern doppelt besetzt!<\/p>\n<p>Es <strong>ward<\/strong> \/ mir so <strong>se<\/strong>&#8211; \/ lig zu <strong>Sin<\/strong>&#8211; \/ ne da<strong>bei<\/strong>,<\/p>\n<p>x X \/ x x X \/ x x X \/ x x X<\/p>\n<p>Und wenn auch die folgenden Verse diesen Wert nicht mehr erreichen, ohne doppelt besetzte Senkung kommt keiner aus. Das ist, denke ich, schon kein iambischer Vierheber mehr, sondern ein freierer Vers, den man so darstellen kann:<\/p>\n<p>x X \/ x (x) X \/ x (x) X \/ x (x) X \/ (x)<\/p>\n<p>(Mit <strong>X<\/strong> = betonte Silbe, <strong>x<\/strong> = unbetonte Silbe, <strong>(x)<\/strong> = unbetonte Silbe, die stehen kann, aber nicht muss.) <\/p>\n<p>&#8211; Und der iambische Vierheber ist dann eine M\u00f6glichkeit unter vielen, die dieser (sch\u00f6ne!) Vers zur Verf\u00fcgung hat bez\u00fcglich seiner Bewegunglinie!<\/p>\n<p>Ich habe ihn auch schon einmal kurz vorgestellt hier beim <strong>Verserz\u00e4hler<\/strong> &#8211; in <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/2014\/04\/24\/der-knittel-5\/\" target=\"_blank\">Der Knittel (5)<\/a>. Dort mit dem Hinweis, es sei ein &#8222;m\u00e4\u00dfig freier Vers&#8220;. Eben ein Vers in der Mitte, genau zwischem dem sehr strengen Auf und Ab des iambischen Vierhebers und der un\u00fcberschaubaren Bewegungsvielfalt des Knittels!<\/p>\n<p>Der dritte Abschnitt ist die erste H\u00e4lfte von &#8222;Leib und Seele&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die arme Seele spricht zum Leibe:<br \/>\nIch lass nicht ab von dir, ich bleibe<br \/>\nBei dir \u2013 Ich will mit dir versinken<br \/>\nIn Tod und Nacht, Vernichtung trinken!<br \/>\nDu warst ja stets mein zweites Ich,<br \/>\nDas liebevoll umschlungen mich,<br \/>\nAls wie ein Festkleid von Satin,<br \/>\nGef\u00fcttert weich mit Hermelin \u2013<br \/>\nWeh mir! jetzt soll ich gleichsam nackt,<br \/>\nGanz ohne K\u00f6rper, ganz abstrakt,<br \/>\nHinlungern als ein sel\u2019ges Nichts<br \/>\nDort oben in dem Reich des Lichts,<br \/>\nIn jenen kalten Himmelshallen,<br \/>\nWo schweigend die Ewigkeiten wallen<br \/>\nUnd mich ang\u00e4hnen \u2013 sie klappern dabei<br \/>\nLangweilig mit ihren Pantoffeln von Blei.<br \/>\nO das ist grauenhaft; o bleib\u2019,<br \/>\nBleib\u2019 bei mir, du geliebter Leib!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele gleichm\u00e4\u00dfige Reimpaare zu Beginn, ehe dann mit &#8222;Wo schweigend &#8230;&#8220; drei bewegtere Verse einsetzen, deren letzter dann wieder die drei doppelt besetzten Senkungen aufweist! Aber hier ist es eben Ausnahme, nicht Regel, und das &#8222;Blei&#8220; gleichsam Programm: Im abschlie\u00dfenden Reimpaar kehrt die Bewegung \u00fcbergangslos zum strengen, schweren Auf und Ab zur\u00fcck. Ein recht heftiger Wechsel, der aber den Unterschied in der Bewegung gut h\u00f6rbar macht?!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In (8) war zu sehen und zu h\u00f6ren, wie auch der iambische Vierheber, als Bestandteil eines Reimpaares, durch kleine Abweichungen aufgelockert werden kann. Wie weit man dabei gehen kann, ohne dass der Vers seine Wiedererkennbarkeit verliert, ist eine spannende Frage! 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