{"id":288,"date":"2013-12-20T01:38:04","date_gmt":"2013-12-19T23:38:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=288"},"modified":"2013-12-20T01:45:47","modified_gmt":"2013-12-19T23:45:47","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=288","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (10)"},"content":{"rendered":"<p>Der Vierheber hat, das d\u00fcrften die bisherigen Beispiele gezeigt haben, eine enge Verbindung mit der Geschichtenerz\u00e4hlerei; Selbst wenn ein &#8222;Ich&#8220; vorkommt, geht es weniger um seine Welterfahrung &#8211; sein Leiden an ihr, Gl\u00fcck, Liebe, Tod, alles ausgesprochen im Gedicht: Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Die folgenden beiden Gedichte stammen von Ricarda Huch, ich entnehme sie dem f\u00fcnften Band ihrer &#8222;Gesammelten Werke&#8220;, erschienen 1971 bei Kiepenheuer &amp; Witsch; &#8222;N\u00e4chtliche Meldung&#8220; findet sich dort auf Seite 70, &#8222;Der Nebenbuhler&#8220; auf den Seiten 82-84.<\/p>\n<p>Inhaltlich sind sie eine seltsame Mischung. Immer noch ein Erz\u00e4hlen, aber eben auch ein Berichten \u00fcber die eigene Befindlichkeiten?!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>N\u00e4chtliche Meldung<\/strong><\/p>\n<p>Wachte auf fr\u00fch vor dem Tage,<br \/>\nZwischen Mitternacht und Morgen.<br \/>\nWas bet\u00f6rte meinen Schlummer,<br \/>\nMir vom Auge zu entweichen?<br \/>\nEinen Schleier vor den Augen,<br \/>\nEinen Schleier vor der Seele<br \/>\nF\u00fchl&#8216; ich, kann mich nicht besinnen.<\/p>\n<p>Da die Schleier nun zerrissen,<br \/>\nH\u00f6r ich eines Hundes Bellen,<br \/>\nH\u00f6r ihn wimmern laut und kl\u00e4glich,<br \/>\nEcho ist das n\u00e4cht&#8217;ge Schweigen.<br \/>\nH\u00fcndlein, Kauztier, Leichenk\u00fcnder,<br \/>\nStrich ein Geist an dir vor\u00fcber?<br \/>\nSeele eines j\u00fcngst Gestorbnen?<br \/>\nWessen Tod willst du mir melden?<br \/>\nSchwebt&#8216; er sanft mit leichtem Fluge,<br \/>\nWie ein Vogel aus dem K\u00e4fig,<br \/>\nH\u00fcndlein, war es meine Mutter.<br \/>\nIrrt&#8216; er zitternd auf und nieder,<br \/>\nWie im Winde Kerzen flackern,<br \/>\nH\u00fcndlein, war es mein Geliebter.<br \/>\nOft noch wird er dir erscheinen,<br \/>\nWie ein Hauch aus bangen Seufzern,<br \/>\nWie ein Duft von Blut und Tr\u00e4nen,<br \/>\nBis in einer Nacht ich selber,<br \/>\nH\u00fcndlein, dir vor\u00fcberschwebe,<br \/>\nIn das stille Land zu schweben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir scheint inzwischen, will man als Verfasser mit diesem Vers einen l\u00e4ngeren Text gestalten, so ist daf\u00fcr vor allem eins vonn\u00f6ten: Anschaulichkeit. Nun ists Huchs Text nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig lang, und anschaulich ist er nicht zuletzt durch die vielen Vergleiche sicher auch; trotzdem mischt sich f\u00fcr mich auch ein Gef\u00fchl der Leere ein, als fehlte etwas?! Nicht, dass es dem Gedicht wirklich schadet; aber es ist da.<\/p>\n<p>(Kurzer formaler Zwischenruf: &#8222;H\u00fcndlein, Kauztier, Leichenk\u00fcnder&#8220; ist der einzige Vers in beiden Texten, bei dem W\u00f6rter der Art &#8222;X x&#8220; die Versf\u00fc\u00dfe der Art &#8222;X x &#8220; decken; eine Aufz\u00e4hlung. Hatten wir ja schon!)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Nebenbuhler<\/strong><\/p>\n<p>In des Gl\u00fcckes Wonnemonden,<br \/>\nAls wir beide Hand in Hand noch<br \/>\nDurch das frohe Leben sprangen,<br \/>\nHast du oft zu mir gesprochen,<br \/>\nWenn dein Haupt an meiner Brust lag:<br \/>\n&#8222;K\u00f6nnt ich doch auf diesem Kissen,<br \/>\nDiesem weichen, vielgeliebten,<br \/>\nImmer wann ich wollte ruhen.<br \/>\nDoch mir ahnt, mich wird das Schicksal<br \/>\nWeit von dieser St\u00e4tte bannen,<br \/>\nNichts mir lassend als im Auge<br \/>\nWasser und im Herzen Heimweh.<br \/>\nAber k\u00fchlend, wie der Westwind<br \/>\nWeht an hei\u00dfen Sommertagen,<br \/>\nWird dein Schwur mein Leid erquicken,<br \/>\nDen du oftmals mir geschworen:<br \/>\nNie an dieser teuren St\u00e4tte,<br \/>\nWo dein Liebling selig ruhte,<br \/>\nEinen andren Freund zu hegen,<br \/>\nDenn ich m\u00fcsste daran sterben.&#8220;<br \/>\nOftmals hab ich&#8217;s dir geschworen,<br \/>\nWie ein Wiegenlied, ein altes,<br \/>\nDas man nimmer satt zu h\u00f6ren<br \/>\nwird, dir&#8217;s heimlich zugefl\u00fcstert.<br \/>\nSieh, was hab ich nun begangen?<br \/>\nMir am Busen liegt ein Liebchen,<br \/>\nSchwarz sein K\u00f6pfchen wie das deine,<br \/>\nDu mein fernes, doch ein andres,<br \/>\nSchmiegt und dr\u00e4ngt sich immer dichter,<br \/>\nUnd mit gl\u00e4nzend sch\u00f6nen Augen<br \/>\nSchaut es forschend in die meinen,<br \/>\nUnd mir scheint, es macht nicht Miene,<br \/>\nVon dem Platze je zu weichen.<br \/>\nAch, was sagt nun mein Geliebter?<br \/>\n&#8222;Deinen Schwur hast du gebrochen,<br \/>\nMir, der deiner Seele traute,<br \/>\nWie ein Kind traut seinem Engel,<br \/>\nWie ein Moslim seinem Sterne.<br \/>\nWandle du nun deine Bahnen;<br \/>\nNicht bei Nacht und nicht bei Tage<br \/>\nWirst du deinen Gatten treffen,<br \/>\nDem du Leib und Seele teiltest.&#8220;<br \/>\nH\u00f6re auf, du Vielgeliebter,<br \/>\nH\u00f6re auf mir so zu fluchen.<br \/>\nNimmer hab ich dich verraten,<br \/>\nNicht im Traum und nicht im Wachen;<br \/>\nLiebe hielt ich dir und Treue,<br \/>\nWill sie immerdar dir halten.<br \/>\nDer an meinem Busen schlummert<br \/>\nIst ein kleines junges K\u00e4tzchen,<br \/>\nSchwarz von Pelz, und seine Augen<br \/>\nGr\u00fcn und gl\u00e4nzend wie Smaragden.<br \/>\nF\u00fchl ich&#8217;s warm an meinem Halse,<br \/>\nSchlie\u00df ich oftmals meine Augen,<br \/>\nTr\u00e4ume von den Wonnemonden,<br \/>\nWo dein Haupt an meiner Brust lag,<br \/>\nUnd wir beide Hand in Hand noch<br \/>\nWie zwei gute Kameraden<br \/>\n\u00dcber Berg und Tal des Lebens<br \/>\nWanderten bei Sturm und Sonne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist immer noch eine Art von Erz\u00e4hlen; aber der Eindruck der Leere hat sich verst\u00e4rkt? Es gibt weniger, und unauff\u00e4lligere Vergleiche als in der &#8222;Meldung&#8220;; und der Text um einiges l\u00e4nger. Ich habe den Text gern gelesen (Gedichte mit einer Katze drin sind immer lesenswert), aber ich kann mir gut vorstellen, dass hier mancher die Geduld verliert?! Oder gen\u00fcgt die Schnelligkeit, mit der man durch die Zeilen fliegt, in Zusammenhang mit der Art, wie Huch die Sprache zwar nie besonders, aber doch immer abwechslungsreich in die Verse legt, doch, den Leser bei der Stange zu halten?<\/p>\n<p>Hm &#8230; Wenn es da eine Trennlinie gibt, scheint mir, die &#8222;Meldung&#8220; ist noch auf der richtigen Seite; der &#8222;Nebenbuhler&#8220; aber knapp auf der falschen.<\/p>\n<p>Ich kann es aber nicht wirklich sagen, das sind zwei eigenartige Texte, von denen ich nicht recht wei\u00df, wo ich sie hinstecken soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vierheber hat, das d\u00fcrften die bisherigen Beispiele gezeigt haben, eine enge Verbindung mit der Geschichtenerz\u00e4hlerei; Selbst wenn ein &#8222;Ich&#8220; vorkommt, geht es weniger um seine Welterfahrung &#8211; sein Leiden an ihr, Gl\u00fcck, Liebe, Tod, alles ausgesprochen im Gedicht: Fehlanzeige. Die folgenden beiden Gedichte stammen von Ricarda Huch, ich entnehme sie dem f\u00fcnften Band ihrer&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=288\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (10)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-288","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=288"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":290,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288\/revisions\/290"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}