{"id":2889,"date":"2014-10-03T00:46:36","date_gmt":"2014-10-02T22:46:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2889"},"modified":"2014-10-03T00:52:22","modified_gmt":"2014-10-02T22:52:22","slug":"erzaehlformen-das-madrigal-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2889","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Madrigal (8)"},"content":{"rendered":"<p>Das Madrigal steht f\u00fcr eine weitgehende Freiheit in der Gestaltung des Reimverses; nur die Alternation, das stetige Auf und Ab von betonten und unbetonten Silben, bleibt fast immer gleich. Was, wenn dieser feste Halt auch noch verloren geht?! Einen Eindruck davon gibt Christoph Martin Wielands &#8222;Der neue Amadis&#8220;. Das ist eine sehr lange Verserz\u00e4hlung, also eigentlich kein Madrigal, das ja um ein Dutzend Verse hat; aber sie nutzt zehnzeilige Strophen (&#8222;Stanzen&#8220;, sagt Wieland), und eine davon (die 14. aus dem vierten Gesang) kann gut als Beispiel dienen. Sie handelt von Schatulli\u00f6se, die aus einer Ohnmacht in der Grotte eines Tritonen erwacht &#8211; und der nicht ganz wohl ist bei dem Gedanken, mit einem Meergott in seiner H\u00f6hle allein zu sein:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von diesen Gedanken emp\u00f6rt, f\u00e4hrt sie mit beiden H\u00e4nden<br \/>\nIn ihre Locken, zerrei\u00dft ihr Halstuch, springt an den W\u00e4nden<br \/>\nHinauf und deklamiert mit tragischem Anstand aus mehr<br \/>\nAls zwanzig Opern die tollsten Stellen her.<br \/>\nDann wirf sie, atemlos, sich auf die Erde nieder,<br \/>\nReibt ihre Augen, weint, f\u00e4hrt wieder<br \/>\nWie eine Medea herum, spricht Unsinn, apostrophiert<br \/>\nDie halbe Natur, und schw\u00f6rt, den Triton ewig zu hassen,<br \/>\nWofern er &#8211; kurz, sie spielt die Tugend, wie sich&#8217;s geb\u00fchrt,<br \/>\nUnd muss &#8211; was ist zu tun? &#8211; am Ende doch sich fassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigenartiges Verhalten &#8230; Aber auch eigenartige Verse?! Im wesentlichen sind das dieselben drei Verse, die Wieland in seinem in <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/2014\/08\/20\/erzaehlformen-das-madrigal-5\/\" target=\"_blank\">Das Madrigal (5)<\/a> vorgestellten Text verwandt hat; nur, dass hier neben der M\u00f6glichkeit, Senkungsstellen mit einer unbetonten Silbe zu f\u00fcllen, die M\u00f6glichkeit besteht, dort auch zwei unbetonte Silben zu verwenden. Also so:<\/p>\n<p><strong>Vierheber:<\/strong><\/p>\n<p>x X \/ x (x) X \/ x (x) X \/ x (x) X \/ (x)<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnfheber:<\/strong><\/p>\n<p>x X \/ x (x) X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x (x) X \/ x (x) X \/ x (x) X \/ (x)<\/p>\n<p><strong>Sechsheber:<\/strong><\/p>\n<p>x X \/ x (x) X \/ x (x) X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x (x) X \/ x (x) X \/ x (x) X \/ (x)<\/p>\n<p>&#8211; Und da l\u00e4sst schon das reine Silbenbild ahnen, wie sinnverwirrend viele Bewegungslinien ein derart gestalteter Text aufweisen kann? Zumal ja auch die Z\u00e4sur beweglich wird und bei den F\u00fcnf- und Sechshebern um eine Silbe nach rechts rutschen kann! Ein Beispiel daf\u00fcr ist dieser Vers:<\/p>\n<p>Als <strong>zwan<\/strong> \/ zig <strong>O<\/strong>&#8211; \/ pern <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> die\u00a0 <strong>toll<\/strong>&#8211; \/ sten <strong>Stel<\/strong>&#8211; \/ len <strong>her<\/strong>.<\/p>\n<p>x X \/ x X \/ x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x X<\/p>\n<p>&#8211; Ein eigentlich recht ruhiger Vers, der die M\u00f6glichkeit der zweisilbigen Senkung nur an einer Stelle verwendet, eben genau bei der Z\u00e4sur; wodurch diese zwischen die beiden unbetonten Silben f\u00e4llt.<\/p>\n<p>An den Vortrag stellt diese Art Versmischung ziemlich hohe Anforderungen! Aber auch hier hilft, sich das Zusammenspiel von Vers und Satz zu verdeutlichen.<\/p>\n<p>Wo<strong>fern<\/strong> \/ er &#8211; <strong>kurz<\/strong>, \/ sie <strong>spielt<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> die <strong>Tu<\/strong>&#8211; \/ gend, <strong>wie<\/strong> \/ sich&#8217;s ge<strong>b\u00fchrt<\/strong>,<\/p>\n<p>x X \/ x X \/ x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x x X<\/p>\n<p>Auch hier nur eine doppelt besetzte Senkung. Der Vers ist aber trotzdem recht bewegt durch die drei Einschnitte, die der Satz aufweist; und die Z\u00e4sur, die mit keinem von diesen deckungsgleich ist! Sollen sowohl Satz als auch Vers zu ihrem Recht kommen und erkennbar werden, sollte man also nach &#8222;spielt&#8220; kurz verz\u00f6gern, eine ganz kleine Pause lesen?! Es ginge auch ohne, aber besser klingt es, denke ich, ist die Pause da!<\/p>\n<p>Insgesamt l\u00e4sst sich \u00fcber diese Art der Gestaltung viel denken und sagen, und ich werde deshalb auch wieder darauf zur\u00fcckkommen. Hier aber, als Abschluss des heutigen Eintrags, noch die anschlie\u00dfende 15. Stanze des vierten Gesangs &#8211; wer mag, kann ja versuchen, sie laut zu lesen! Auch wenn es nicht sofort gl\u00fcckt, am Ende wird die Sprache bewegt und doch geb\u00e4ndigt flie\u00dfen &#8230; (Aber: an die Z\u00e4suren denken!)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sehr ihr auch des Meermanns Ungestalt<br \/>\nMissf\u00e4llt, so ist sie nun einmal in seiner Gewalt;<br \/>\nRingsum ist See; sie kann nicht schwimmen<br \/>\nNoch unter Wasser gehn. Wisst ihr sonst einen Rat,<br \/>\nAls allgemach die Saiten herunter zu stimmen?<br \/>\nDies war&#8217;s denn auch, was ihre Tugend tat.<br \/>\n&#8222;Das Schicksal&#8220;, spricht sie, &#8222;mein Herr, hat \u00fcber uns zu gebieten;<br \/>\nIndessen hoff&#8216; ich, Sie haben, so lang ich mich selbst nicht empfand,<br \/>\nSich in den Schranken der Ehrfurcht, die meinem Geschlecht und Stand<br \/>\nVon jedem geb\u00fchrt, gehalten! Ein Zweifel nur machte mich w\u00fcten!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Madrigal steht f\u00fcr eine weitgehende Freiheit in der Gestaltung des Reimverses; nur die Alternation, das stetige Auf und Ab von betonten und unbetonten Silben, bleibt fast immer gleich. Was, wenn dieser feste Halt auch noch verloren geht?! Einen Eindruck davon gibt Christoph Martin Wielands &#8222;Der neue Amadis&#8220;. Das ist eine sehr lange Verserz\u00e4hlung, also&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2889\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Das Madrigal (8)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-2889","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2889","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2889"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2889\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2895,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2889\/revisions\/2895"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2889"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2889"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2889"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}