{"id":2980,"date":"2014-10-12T00:13:46","date_gmt":"2014-10-11T22:13:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=2980"},"modified":"2014-10-13T00:50:31","modified_gmt":"2014-10-12T22:50:31","slug":"der-sapphische-elfsilber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2980","title":{"rendered":"Die Bewegungsschule (36)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der sapphische Elfsilber (1)<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Der &#8222;sapphische Vers&#8220; taucht dreimal in der sapphischen Oden-Strophe auf. In der deutschen Nachbildung dieser Strophe wird der Vers zumeist so wiedergegeben:<\/p>\n<p>X x \/ X x \/ X x x \/ X x \/ X x<\/p>\n<p>&#8211; Also mehr oder weniger ein f\u00fcnfhebiger Troch\u00e4us, der im dritten Fu\u00df durch eine zus\u00e4tzliche unbetonte Silbe aufgelockert wird. Versucht man selbst, diesen Vers zu schreiben, stellt man schnell fest: Es f\u00e4llt schwer, den Vers zum Klingen zu bringen &#8211; oft bleibt er matt und weist keine Spannung auf, er lebt nicht und atmet nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Die sapphische gilt im Deutschen, mit Recht, als die schwierigste unter den antiken Strophen. Es ist nicht leicht, die drei gleichgebauten sapphischen Elfsilber als rhythmische Gestalt so auszupr\u00e4gen, dass sie erkennbar werden, das hei\u00dft vom f\u00fcnfhebigen Troch\u00e4us deutlich geschieden, und dass, zum anderen, Monotonie vermieden wird.&#8220;<\/p>\n<p>So Harald Hartung zur sapphischen Strophe und zum sapphischen Vers anl\u00e4sslich eines Textes \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.britting.de\/Sekund\/KolHart.pdf\" target=\"_blank\">Georg Britting<\/a>.<\/p>\n<p>Andere Urteile klingen \u00e4hnlich:<\/p>\n<p>&#8222;Wechselnde syntaktische Einschnitte m\u00fcssen einer Monotonie der gleichlautenden Elfsilber entgegenwirken.&#8220; &#8211; Horst Joachim Frank im &#8222;Handbuch der deutschen Strophenformen&#8220; (S. 266).<\/p>\n<p>Wie aber l\u00e4sst sich diese Scheidung erreichen, wie die Monotonie vermeiden? Da hilft am ehesten der Blick auf die Beispiele der guten Odendichter. Ich m\u00f6chte hier nur eine M\u00f6glichkeit vorstellen, den R\u00fcckgriff auf die Form des sapphischen Elfsilbers, wie sie von Horaz in seinen (lateinischen) Oden verwendet wurde. Da dabei auch das Silbengewicht eine Rolle spielt, stelle ich den Vers so dar, wie ich Verse hier in der &#8222;Bewegungsschule&#8220; darstelle:<\/p>\n<p><strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> TAM <strong>TAM<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ta ta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> ta<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: &#8222;<strong>TAM<\/strong>&#8220; = &#8222;schwere&#8220; Silbe&#8220; (langer Vokal, konsonantenreich, Sinnsilbe) mit Hauptbetonung; &#8222;TAM&#8220; = &#8222;schwere Silbe&#8220; mit Nebenbetonung; &#8222;ta&#8220; = &#8222;leichte Silbe&#8220; (kurzer Vokal, konsonantenarm, keine Sinnsilbe); <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> = Z\u00e4sur.<\/p>\n<p>Als letzte Silbe kann auch ein &#8222;TAM&#8220; stehen anstelle des &#8222;ta&#8220;; dann sieht der Vers so aus:<\/p>\n<p><strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> TAM <strong>TAM<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ta ta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> TAM<\/p>\n<p>Gelingt es, diese Bewegung im deutschen Vers nachzubilden, sind beide oben genannten Schwierigkeiten beseitigt:<\/p>\n<p>&#8211; Statt &#8222;Monotonie&#8220; herrscht Abwechslung, da die zweite Versh\u00e4lfte sich v\u00f6llig anders bewegt als die erste.<\/p>\n<p>&#8211; Die Unterscheidung vom &#8222;fallenden&#8220; troch\u00e4ischen F\u00fcnfheber gelingt gut, da die zweite Versh\u00e4lfte &#8222;steigt&#8220;, gut h\u00f6rbar durch die zwei leichten Silben zu Beginn.\u00a0 Welche eigenartige Kraft diese Bewegung hat, zeigen die letzten beiden Strophen von Johann Heinrich Vo\u00df&#8216; &#8222;Die erneute Menschheit&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bald, wie Glut fortglimmt in der Asch&#8216;, am Windhauch<br \/>\nF\u00fcnkchen hellt, rot wird und in Feuerflammen<br \/>\nLicht und W\u00e4rm&#8216; ausgie\u00dft: so erhub der Menschheit<br \/>\nSchlummernder Geist sich,<\/p>\n<p>Lebensfroh! Hin sank die verj\u00e4hrte Fessel,<br \/>\nSank der Bannaltar und die Burg des Zwingherrn;<br \/>\nRege Kraft, Sch\u00f6nheit und des Volks Gemeinsinn<br \/>\nBl\u00fchten mit Heil auf!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zugegeben: Da setzt Voss auch noch manch anderes Mittel ein, zum Beispiel seine ber\u00fcchtigten &#8222;geschleiften Spondeen&#8220;; aber trotzdem sind die jeweils ersten drei Verse jeder Strophe beeindruckend, auch wegen der streng beachteten Z\u00e4sur nach der f\u00fcnften Silbe!<\/p>\n<p>Allerdings ist diese &#8222;Horaz-Form&#8220; des sapphischen Elfhebers im Deutschen nicht durchg\u00e4ngig machbar.\u00a0 &#8222;Eigentlich ist die Strophe im Deutschen nicht nachahmbar&#8220;, schreibt zum Beispiel Josef Weinheber (im vierten Band seiner &#8222;s\u00e4mtlichen Werke&#8220;, M\u00fcller 1954, auf Seite 245); immer mal wieder hat er trotzdem zumindestens einzelne Verse an dieses Muster angelehnt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tot ist alles Buch und das Wort der Schriften.<br \/>\nUnd die Fracht ward leicht, ihr beschwingten, zarten<br \/>\nstillen V\u00f6gel, die ihr heraufzieht \u00fcber<br \/>\npurpurne Meerflut<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Das ist die erste Strophe einer sapphischen Ode, die sich im zweiten Band der &#8222;s\u00e4mtlichen Werke&#8220; auf Seite 12 findet. In den ersten beiden Versen hat Weinheber die Z\u00e4sur nach der f\u00fcnften Silbe von Horaz \u00fcbernommen, und das leistet schon viel! Der dritte Vers gliedert sich anders; und in allen drei Versen verzichtet Weinheber darauf, die vierte Silbe bemerkbar &#8222;schwer&#8220; zu gestalten!<\/p>\n<p>Weinheber hat im 20. Jahrhundert sicher die besten sapphischen Strophen geschrieben; will man die Form selbst versuchen, geht an diesen Gedichten kein Weg vorbei! Aber auch seine Auffassung von der Strophe ist nur eine unter vielen. Ein anderer Dichter des 20. Jahrhunderts, dessen sapphische Oden einen genaueren Blick wert sind, ist Rudolf Alexander Schr\u00f6der; er hat in allen seinen sapphischen Elfsilbern <em>kein einziges Mal<\/em> die Z\u00e4sur hinter der f\u00fcnften Silbe! Der Gleichf\u00f6rmigkeit tritt er durch eine abwechslungsreiche Untergliederung der Verse entgegen, mit am deutlichsten in dieser Strophe (R. A. Schr\u00f6der, Gesammelte Werke, Band 1, Suhrkamp 1952, S. 56):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Schl\u00e4fst du, Freund? Ich wei\u00df es, du wachst, ich wei\u00df es,<br \/>\nWei\u00df, kein Schlaf, kein Wachen vergn\u00fcgt uns beide,<br \/>\nEines nur, dies einzige: Mund auf Munde,<br \/>\nHerz \u00fcber Herzen&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; &#8222;Auf Munde&#8220;, \u00fcber Herzen&#8220;, wohl statt &#8222;auf dem Munde&#8220;,\u00a0 &#8222;\u00fcber dem Herzen&#8220;? Klingt leicht wunderlich, aber das ist Absicht, kein Unverm\u00f6gen in diesem Fall &#8230; Jedenfalls: Von Gleichf\u00f6rmigkeit nichts zu vernehmen!<\/p>\n<p>Man merkt: Dieser Vers ist wirklich nicht einfach zu schreiben. Aber die M\u00fche, sich hineinzufinden, lohnt sich &#8230; Die sapphische Strophe habe &#8222;erhabenen, wehm\u00fctigen oder leidenschaftlichen Empfindungen eine gemessene dichterische Form zu geben vermocht&#8220;, schreibt Frank in Fortf\u00fchrung des Zitas vom Anfang dieses Eintrags;\u00a0 Weinheber erg\u00e4nzt seine obigen Anf\u00fchrungen um: &#8222;Zur Charakteristik der sapphischen Strophe m\u00f6chte ich anf\u00fchren, dass sie sich wegen ihrer Vorliebe zur Synaphie, das hei\u00dft zur Verschleifung einer Zeile in die andere, insbesondere durch Wortbrechung, besonders eignet zur Darstellung des gro\u00dfen rhythmischen Satzes, wie \u00fcberhaupt dieser Strophe etwas Erhabenes, Priesterliches und Heldisches gegeben ist.&#8220;<\/p>\n<p>&#8211; &#8222;Erhaben&#8220; also, nach Meinung der Kundigen. Gut denn!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der sapphische Elfsilber (1) Der &#8222;sapphische Vers&#8220; taucht dreimal in der sapphischen Oden-Strophe auf. In der deutschen Nachbildung dieser Strophe wird der Vers zumeist so wiedergegeben: X x \/ X x \/ X x x \/ X x \/ X x &#8211; Also mehr oder weniger ein f\u00fcnfhebiger Troch\u00e4us, der im dritten Fu\u00df durch eine&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=2980\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Die Bewegungsschule (36)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-2980","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2980","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2980"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2980\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2993,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2980\/revisions\/2993"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2980"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2980"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2980"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}