{"id":3020,"date":"2014-10-16T00:11:33","date_gmt":"2014-10-15T22:11:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3020"},"modified":"2014-10-16T00:29:54","modified_gmt":"2014-10-15T22:29:54","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-72","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3020","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (72)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hexameter in Goethes &#8222;Faust&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Hexameter im Faust? Gibt es nicht. Im ersten Teil sind die Bez\u00fcge zur Antike ohnehin rar, und als Goethe den zweiten Teil schrieb, hatte er zwar Bedarf an antiken Versma\u00dfen, sich vom Hexameter aber schon abgewandt; stattdessen schrieb er viel im iambischen Trimeter &#8211; <em>Bewundert viel und viel gescholten Helena<\/em> &#8230; Auch gro\u00dfartige Verse, aber eben keine Hexameter.<\/p>\n<p>Warum also dann dieser Eintrag? Nun, wie Markus Ciupke in seinem recht lesenswerten Buch <em>Des Geklimpers vielverworrner T\u00f6ne Rausch. Die metrische Gestaltung in Goethes &#8222;Faust&#8220;<\/em> anmerkt, gibt es unter den 12111 Faust-Versen wohl doch einen Hexameter &#8211; allerdings nicht auf Deutsch, sondern auf Lateinisch; und es ist auch eigentlich kein Vers, sondern ein Zitat aus einem Prosa-Werk, der lateinischen Bibel n\u00e4mlich, sprich, der Vulgata:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1. Mose 3,5 in der Bibel, im Faust Bestandteil der &#8222;Sch\u00fcler-Szene&#8220; (Vers 2048). Metrisch betrachtet:<\/p>\n<p><strong>E<\/strong>ritis \/ <strong>si<\/strong>cut \/ <strong>De<\/strong>us, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> sci- \/ <strong>en<\/strong>tes \/ <strong>bo<\/strong>num et \/ <strong>ma<\/strong>lum<\/p>\n<p><em>Gott gleich werdet ihr sein, und wissen vom Guten und B\u00f6sen<\/em> w\u00e4re, mal so aus dem hohlen Bauch, der Versuch einer Hexameter-\u00dcbersetzung; die evangelische &#8222;Bibel nach Luther&#8220; \u00fcbersetzt eher alternierend, <em>Und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und b\u00f6se ist<\/em>; die katholische &#8222;Einheits\u00fcbersetzung&#8220; ist sprachlich noch anspruchsloser, <em>Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und B\u00f6se<\/em>.<\/p>\n<p>Spannend wird dieser etwas eigene Hexameter nun durch die beiden ihm folgenden Verse:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange,<br \/>\nDir wird gewiss einmal bei deiner Gott\u00e4hnlichkeit bange!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was sind das f\u00fcr Verse? Gut, man k\u00f6nnte einfach auf eine Einordnung verzichten &#8211; die Verse werden dadurch ja nicht schlechter. Aber es geh\u00f6rt wohl auch zum Mensch-Sein, auf alles einen Namen kleben zu wollen; und indirekt geht es ja auch darum, mit welcher &#8222;Bewegung&#8220; die Verse gelesen werden!<\/p>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit ist, die Verse als Alexandriner zu lesen, also nach diesem Schema:<\/p>\n<p>x X \/ x X \/ x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x X \/ x<\/p>\n<p>Folg <strong>nur<\/strong> \/ dem <strong>al-<\/strong> \/ ten <strong>Spruch<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und <strong>mei<\/strong>&#8211; \/ ner <strong>Muh<\/strong>&#8211; \/ me, <span style=\"color: #ff0000\">der<\/span> <strong>Schlan<\/strong>&#8211; \/ ge,<br \/>\nDir <strong>wird<\/strong> \/ ge<strong>wiss<\/strong> \/ ein<strong>mal<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> bei <strong>dei-<\/strong> \/ ner <span style=\"color: #ff0000\">Gott<\/span><strong>\u00e4hn<\/strong>&#8211; \/ lich<span style=\"color: #ff0000\">keit<\/span> <strong>ban<\/strong>&#8211; \/ ge!<\/p>\n<p>Die Sechshebigkeit ist da, die feste Z\u00e4sur nach der dritten Hebung auch; die Verse sind, wie es sich f\u00fcr Alexandriner geh\u00f6rt, gereimt. Allerdings haben sich in den zweiten Versh\u00e4lten die rot markierten \u00fcberz\u00e4hligen Silben eingeschlichen!<\/p>\n<p>Man kann die Verse aber auch als Hexameter auffassen:<\/p>\n<p><strong>Folg<\/strong> nur dem \/ <strong>al<\/strong>ten \/ <strong>Spruch<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und \/ <strong>mei<\/strong>ner \/ <strong>Muh<\/strong>me, der \/ <strong>Schlan<\/strong>ge,<br \/>\n<strong>Dir<\/strong> wird ge- \/ <strong>wiss<\/strong> ein- \/ <strong>mal<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> bei \/ <strong>dei<\/strong>ner Gott- \/ <strong>\u00e4hn<\/strong>lichkeit \/ <strong>ban<\/strong>ge!<\/p>\n<p>Der erste Hexameter ist da etwas besser als der zweite, aber auszusetzen gibt es, finde ich, nicht so viel; nur, dass die Verse halt gereimt sind. Gereimte Hexameter! Ein Unding!<\/p>\n<p>Wenn ich mich entscheiden m\u00fcsste, w\u00fcrde ich wahrscheinlich &#8222;Alexandriner&#8220; sagen. Eben wegen der Reime. Aber es ist auch bestimmt kein Zufall, dass Goethe die dann \u00fcberz\u00e4hligen Silben an genau den Stellen gesetzt hat, wo sie zum den Hexameter kennzeichnenden Versschluss &#8222;<strong>Tam<\/strong> ta ta \/ <strong>Tam<\/strong> ta&#8220; f\u00fchren, samt solcherart erfolgter Anbindung an den lateinischen Vers?!<\/p>\n<p>Also ist es wahrscheinlich am weisesten, zu sagen: Eine alexandrinisch-hexametrische Mischform. Und es damit gut sein lassen, vielleicht noch mit Verweis auf diese kurz zuvor zwischen Sch\u00fcler und Mephistopheles gewechselten Worte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sch\u00fcler<\/strong><br \/>\nDoch ein Begriff muss bei dem Worte sein.<\/p>\n<p><strong>Mephistopheles<\/strong><br \/>\nSchon gut! Nur muss man sich nicht allzu \u00e4ngstlich qu\u00e4len,<br \/>\nDenn eben, wo Begriffe fehlen,<br \/>\nDa stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ah! Ist da nicht der erste Mephistopheles-Vers ein lupenreiner Alexandriner? Nein, sagt zumindest Markus Ciupke, das ist, &#8222;umfeldbedingt&#8220;, ein Madrigalvers.<\/p>\n<p>Ojemine!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hexameter in Goethes &#8222;Faust&#8220; Hexameter im Faust? Gibt es nicht. Im ersten Teil sind die Bez\u00fcge zur Antike ohnehin rar, und als Goethe den zweiten Teil schrieb, hatte er zwar Bedarf an antiken Versma\u00dfen, sich vom Hexameter aber schon abgewandt; stattdessen schrieb er viel im iambischen Trimeter &#8211; Bewundert viel und viel gescholten Helena &#8230;&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3020\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (72)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3020","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3020","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3020"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3020\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3025,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3020\/revisions\/3025"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3020"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3020"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3020"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}