{"id":3073,"date":"2014-10-21T01:02:55","date_gmt":"2014-10-20T23:02:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3073"},"modified":"2014-10-21T11:14:09","modified_gmt":"2014-10-21T09:14:09","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-74","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3073","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (74)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paul Heyses &#8222;Hexameter-Brief&#8220; (2)<\/strong><\/p>\n<p>Weiter geht es mit den Versen 23 &#8211; 52:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, nicht darf ich es leugnen, o Freund: ich f\u00fchle mich schuldig,<br \/>\nDoch weit anderer S\u00fcnden. Mit meinen Hexametern w\u00e4r&#8216; ich<br \/>\nSelbst wohl besser zufrieden, \u2013 dafern sie schlechter gerieten.<br \/>\nHab&#8216; ich doch einst mit saurem Bem\u00fchn die geduldige Thekla<br \/>\nSanft zu befreien gesucht vom l\u00e4hmenden Zwang der Korrektheit,<br \/>\nFroh um jeden bequemeren Fu\u00df, auf welchem die Rede<br \/>\nMit treuherzig behaglichem Gang hinschlenderte, nicht mehr<br \/>\nK\u00fcnstlich die Zehen gespreizt und die r\u00f6mischen Pas nachzirkelnd.<br \/>\nManches geriet mir zu Dank, doch anderes f\u00fcgte sich nimmer.<br \/>\nDenn was H\u00e4nschen nicht lernt, \u2013 vielmehr, was H\u00e4nschen gelernt hat,<br \/>\nKann mit steiferen Gliedern ein Hans nicht wieder verlernen.<br \/>\nWarum ward uns Knaben die Platensche Zucht auf der Schulbank<br \/>\nFest in die Ohren geschmiedet und ein harmloser Troch\u00e4us,<br \/>\nEin zweisilbiges Wort, als doppelte K\u00fcrze gemessen,<br \/>\nEin daktylisches &#8222;Vaterland&#8220; gar mit r\u00f6terer Tinte,<br \/>\nAls ein Ut mit dem Indikativ, am Rande gebrandmarkt!<br \/>\nDamals konntst du an mir viel Ehr&#8216; und Freuden erleben.<br \/>\nDoch mir ward auf immer im Schn\u00fcrleib klassischer Hoffahrt<br \/>\nMeines Hexameters fr\u00f6hlicher Wuchs unheilbar zerr\u00fcttet.<br \/>\nSah ich doch achselzuckend herab selbst auf den gewalt&#8217;gen,<br \/>\nDen schon fr\u00fch mit der Glut des freiauflodernden Herzens<br \/>\nIch vor allen verehrt. Nur zum Hexameter, w\u00e4hnt&#8216; ich,<br \/>\nHab&#8216; ihm ein feindlich Geschick den g\u00fcltigen Stempel verweigert,<br \/>\nDass er falsch ihn gepr\u00e4gt und sein gediegenes Gold nun<br \/>\nLeider in solcher Gestalt nicht Vollwert habe dem Kenner.<br \/>\nO ich pfuschender Knabe! Zu sp\u00e4t erst fielen die Schuppen<br \/>\nMir vom Aug&#8216;; ich erkannte, wie blind an ihm ich gefrevelt,<br \/>\nWie sein Genius ihn auch hier weit sichrer geleitet<br \/>\nMit nur tastendem Schritt, als unsern prosodischen Grafen<br \/>\nSeine Gelehrsamkeit und alexandrinischer Kunsttrieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; <strong>Mit treuherzig<\/strong>: &#8222;Ein geschleifter Spondeus&#8220; &#8211; einer der Wege, auf dem die antikisierenden Hexameteristen den antiken Spondeus nachbilden wollten, indem sie zwei genau gleich schwere Silben erzeugen. Der Grundgedanke: Eine eigentlich &#8222;leichte&#8220; Silbe&#8220; &#8211; hier das &#8222;Mit&#8220; &#8211; wird auf die Hebungs-Stelle gesetzt und damit verst\u00e4rkt, eine eigentlich &#8222;schwere Silbe&#8220; &#8211; hier das &#8222;-treu-&#8220; wird auf die Senkungs-Stelle gesetzt und damit geschw\u00e4cht; dadurch sind am Ende beide Silben gleich schwer und damit ein Spondeus.<\/p>\n<p><strong>Mit<\/strong> treu- \/ <strong>her<\/strong>zig be- \/ <strong>hag<\/strong>lichem \/ <strong>Gang<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> hin- \/ <strong>schlen<\/strong>derte, \/ <strong>nicht<\/strong> mehr<\/p>\n<p><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014 \/ \u2014 v\u00a0 v \/ \u2014 v<\/span><\/p>\n<p>&#8211; Mit &#8222;L\u00e4ngen&#8220; (<span class=\"postbody\">\u2014<\/span>) und &#8222;K\u00fcrzen&#8220; (v) dargestellt. Man sieht: Der vierte Fu\u00df, der auch die Z\u00e4sur aufnimmt, ist auch so ein &#8222;geschleifter Spondeus&#8220;! An dieser Stelle geht das ganz gut, am Versanfang ist das einem heutigen Ohr kaum noch zu vermitteln; es braucht viel \u00dcbung, um daraus im Vortrag etwas zu machen? Vielleicht f\u00e4hrt man am besten, liest man die Stelle einfach als &#8222;versetzte Betonung&#8220;:<\/p>\n<p>Mit <strong>treu<\/strong>&#8211; \/ <strong>her<\/strong>zig be- \/ &#8230;<\/p>\n<p>Heyse hat in allen seinen Hexameter-Texten solche Spondeen; es lohnt sich, auf sie zu achten und ihnen nachzuh\u00f6ren!<\/p>\n<p>&#8211; <strong>zweisilbiges Wort<\/strong>: Inwieweit man ein zweisilbiges Wort als zwei unbetonte Silben betrachten darf &#8211; &#8222;als doppelte K\u00fcrze gemessen&#8220; &#8211; ist eine offene Frage geblieben bis heute. Manche Hexametristen meiden diese M\u00f6glichkeit ganz, manche nutzen sie ausgiebig, und manche lassen es auf die Umst\u00e4nde ankommen. Hier beim <strong>Verserz\u00e4hler<\/strong> tauchte diese Frage gleichfalls schon auf, siehe Plektrons Kommentar zu <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/2014\/09\/24\/stillstand\/\" target=\"_blank\">Stillstand<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Ein &#8230; ein &#8230; ein<\/strong>: In diesen Versen &#8230;<\/p>\n<p><em>Fest in die Ohren geschmiedet und ein harmloser Troch\u00e4us,<\/em><br \/>\n<em> Ein zweisilbiges Wort, als doppelte K\u00fcrze gemessen,<\/em><br \/>\n<em> Ein daktylisches &#8222;Vaterland&#8220; gar mit r\u00f6terer Tinte,<\/em><\/p>\n<p>&#8230; erscheint &#8222;ein&#8220; als Zahlwort, nicht als unbestimmter Artikel; und als solches ist es durchaus &#8222;hebungsf\u00e4hig&#8220;; oder eben ein hinnehmbarer Teil eines &#8222;geschleiften Spondeus&#8220;, wodurch die vom Sinn her gegebene Betonung der &#8222;ein&#8220; auch verstechnisch umgesetzt wird. Wieder &#8222;lang-kurz&#8220; dargestellt:<\/p>\n<p><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<br \/>\n<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v \/ <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<br \/>\n<span class=\"postbody\">\u2014 v \/\u00a0\u2014 v v \/\u00a0\u2014 v \/\u00a0\u2014 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> v v\u00a0 \/\u00a0\u2014 v v \/\u00a0\u2014 v<\/span><\/p>\n<p>&#8230; Wobei Heyse &#8222;Vaterland&#8220; nun gerade nicht daktylisch gebraucht, sondern sowohl &#8222;Va-&#8220; als auch &#8222;-land&#8220; auf die Hebungsstelle setzt. Wie so oft: Auch hier haben\u00a0 die verschiedenen Hexametristen zu verschiedenen Ansichten gefunden. (Aber eine bewusste Ansicht hatte jeder!)<\/p>\n<p>&#8211; <strong>am Rande gebrandmarkt<\/strong>: Im 19. Jahrhundert musste man in der Schule und Universit\u00e4t nicht nur Latein sprechen und schreiben; sondern auch Hexameter zu Papier bringen. Lange ist&#8217;s her!<\/p>\n<p>&#8211; <strong>im Schn\u00fcrleib klassischer Hoffahrt<\/strong>: &#8222;im Korsett klassischen Hochmuts \/ D\u00fcnkels&#8220;.<\/p>\n<p>&#8211; <strong>Sah ich doch achselzuckend<\/strong>: Wen Heyse hier meint, wei\u00df ich nicht. Ich tippe auf Goethe?! Der hat sich jedenfalls von den Theoretikern manches anh\u00f6ren m\u00fcssen bez\u00fcglich seiner Hexameter, zu Lebzeiten und im Tode; vieles klang so \u00e4hnlich wie Heyse&#8217;s Ausf\u00fchrungen, nur oft noch sch\u00e4biger. So schreibt M. W. G\u00f6tzinger in seinem Buch &#8222;Die deutsche Sprache und ihre Literatur&#8220; (1839) zum Beispiel:<\/p>\n<p><em>Es gereicht in der Tat Goethen zum Vorwurf, dass er so gar schlechte Hexameter geschaffen. Entweder konnte er keine bessern machen, und dann h\u00e4tte er es billiger ganz gelassen; oder er vermochte es, und dann h\u00e4tte er mehr Flei\u00df darauf wenden sollen.<\/em><\/p>\n<p>Na, sch\u00f6nen Dank auch &#8230; Aber insgesamt sind hier mit den Jahren, wie bei Heyse, viele &#8222;Schuppen vom Aug gefallen&#8220;, und heute z\u00e4hlen Goethes Hexameter zu den besten, die es im Deutschen gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Heyses &#8222;Hexameter-Brief&#8220; (2) Weiter geht es mit den Versen 23 &#8211; 52: &nbsp; Ja, nicht darf ich es leugnen, o Freund: ich f\u00fchle mich schuldig, Doch weit anderer S\u00fcnden. Mit meinen Hexametern w\u00e4r&#8216; ich Selbst wohl besser zufrieden, \u2013 dafern sie schlechter gerieten. 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