{"id":3095,"date":"2014-10-23T01:13:10","date_gmt":"2014-10-22T23:13:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3095"},"modified":"2014-10-23T01:50:42","modified_gmt":"2014-10-22T23:50:42","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-75","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3095","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (75)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paul Heyses &#8222;Hexameter-Brief&#8220; (3)<\/strong><\/p>\n<p>Die Verse 53 &#8211; 90 besch\u00e4ftigen sich nicht unmittelbar mit dem Hexameter, sondern widmen sich der Einsch\u00e4tzung August von Platens. Erst am Ende geht es wieder in Richtung Hexameter, aber das wird dann der Inhalt des n\u00e4chsten Eintrags sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch fern sei&#8217;s, den Toten zu schm\u00e4hn, der wahrlich vollauf schon<br \/>\nLeid im Leben erfuhr, Missurteil, Hohn und des Ungl\u00fccks<br \/>\nL\u00e4hmenden Druck. Denn arm und ein Graf, Poet und ein Deutscher,<br \/>\nHeimischem Ruhm nachtrachtend in selbsterw\u00e4hlter Verbannung,<br \/>\nStatt des lebendigen Lebens ein Wolkengebild umarmend,<br \/>\nWandelt&#8216; er unter den Fremden dahin und lauschte begierig,<br \/>\nOb ihm \u00fcber die Alpen ein Laut nachfolge des Beifalls,<br \/>\nDem er stolz zu entsagen sich r\u00fchmt&#8216;, um nur von der Nachwelt<br \/>\nSp\u00e4te Genugtuung zu empfahn und s\u00fchnenden Lorbeer.<br \/>\nDoch nie soll ein Dichter sich selbst entfremden der Heimat,<br \/>\nDie, wie immer gescholten und scheltenswert, mit den fr\u00fchsten<br \/>\nS\u00e4ften der Seele gen\u00e4hrt, und der zu entwachsen so wenig<br \/>\nGl\u00fcckt und geziemt, wie je ein Sohn von der Mutter sich losmacht.<br \/>\nWer gewaltsam l\u00f6st das Band der Natur, dem r\u00e4cht sich&#8217;s<br \/>\nNicht am Leben allein, dem freud&#8216;- und friedeberaubten,<br \/>\nAuch an der Kunst. Und fl\u00f6h&#8216; er zu jenem seligen Eiland,<br \/>\nWo ihm Sch\u00f6nheit winkt vom lachenden Strand, aus den H\u00fctten,<br \/>\nWie aus hohen Pal\u00e4sten und herrlichen Meistergebilden,<br \/>\nNie doch f\u00e4nd er Ersatz des W\u00fcnschenswertesten: Einklang<br \/>\nMit sich selbst und dem eigenen Volk. Ja, selber die Sprache<br \/>\nWird ihm ein leblos Wesen, geschickt zu manchem Gebrauch wohl,<br \/>\nDoch ein k\u00fcnstlich Phantom, nicht mehr aus Kinder- und Ammen-<br \/>\nMund mit r\u00fchrender Macht uns Ohr und Seele bewegend,<br \/>\nWie es der Dichter bedarf, auf dass im Busen die Kraft ihm<br \/>\nNicht verdorre, das Herz verbr\u00fcderter Menschen zu r\u00fchren.<br \/>\nSieh im Bauer den Vogel; man lehrt ihn k\u00fcnstliche Weisen,<br \/>\nUnd er fl\u00f6tet gelehrig sie nach; doch bleibt es ein seltsam,<br \/>\nSchier unheimlich Get\u00f6n, und nicht wie schlichter Naturlaut<br \/>\nHarmlos munterer S\u00e4nger erquickt sein Trillern das Herz dir.<br \/>\nSo entfremdet&#8216; auch er sich der echt anheimelnden Tonart,<br \/>\nNicht vom warnenden Beispiel belehrt des schweifenden Helden,<br \/>\nDer mit Wachs sich die Ohren verwahrt, um an der Sirenen<br \/>\nKlippen vor\u00fcberzuschiffen. Zu Haus wohl deuchte das Grunzen<br \/>\nIn des g\u00f6ttlichen Sauhirts Pferch ihm trauterer Wohlklang,<br \/>\nAls im purpurnen Meer der gef\u00e4hrlichen Jungfraun Lockruf.<br \/>\nPlaten jedoch umstrickte die feinaufhorchende Seele<br \/>\nGriechischer Rhythmen Gewalt; er verga\u00df, dass anderen V\u00f6lkern<br \/>\nAndere Kraft und Sitte verliehn und andres Bed\u00fcrfnis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0 <strong>Doch nie soll<\/strong>: Heyses Hexameter bewegen sich in diesem Abschnitt recht ungezwungen, oder jedenfalls: sind in ihrer Bewegung unmittelbar erfahrbar?! Nur dieser Vers macht, denke ich, an seinem Beginn ein wenig Schwierigkeiten:<\/p>\n<p><strong> Doch<\/strong> nie \/ <strong>soll<\/strong> ein \/ <strong>Dich<\/strong>ter <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> sich \/ <strong>selbst<\/strong> ent- \/ <strong>frem<\/strong>den der \/ <strong>Hei<\/strong>mat,<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt es schwer, die erste Versh\u00e4lfte bis zur Z\u00e4sur mit einer \u00fcberzeugenden Bewegungslinie vorzutragen?!<\/p>\n<p>&#8211; <strong>Platen jedoch<\/strong>: Heyse braucht bis hierher ziemlich viel Raum, um nicht sonderlich viel zu sagen?! Die Besch\u00e4ftigung mit Platen war allerdings\u00a0 im 19. Jahrhundert n\u00f6tig &#8211; irgendwie musste man sich verhalten zu dessen \u00dcberbetonung der Form, sie einordnen; zustimmend oder ablehnend. Viele Dichter haben das im Vers getan &#8211; ich f\u00fcge hier als Abschluss dieses Eintrags ein Gedicht von Friedrich Hebbel an, &#8222;Platen&#8220;: Ich denke, Hebbel erfasst Platens Eigenheit \u00fcberzeugender als Heyse &#8211; und vor allem bringt er seine Meinung besser auf den Punkt! Die Distichen seines Textes gefallen mir sehr gut, und auch, wie die Sprache durch sie hindurchflie\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vieles hast du getan, man soll es mit Liebe dir danken,<br \/>\nHast der \u00e4u\u00dferen Form streng wie kein zweiter gen\u00fcgt,<br \/>\nHast die innre erkannt und alle Reifen der Sprache,<br \/>\nWelche der Leichtsinn sprengt, wieder zusammengeschwei\u00dft.<br \/>\nEines fehlt dir jedoch, die sanfte Wallung des Lebens,<br \/>\nDie in ein reizendes Spiel gaukelnder Willk\u00fcr den Ernst<br \/>\nDes Gesetzes verwandelt und das im Tiefsten Gebundne<br \/>\nSo weit l\u00f6st, bis es scheint, dass es sich selbst nur gehorcht.<br \/>\nDennoch verschmilzt nur dies die \u00e4u\u00dfere Form mit der innern,<br \/>\nUnd man erreicht es nur so, dass die Gebilde der Kunst<br \/>\nWirken wie die der Natur, und dass, wie Blumen und B\u00e4ume,<br \/>\nKeiner sich auch ein Gedicht anders noch denkt, als es ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Heyses &#8222;Hexameter-Brief&#8220; (3) Die Verse 53 &#8211; 90 besch\u00e4ftigen sich nicht unmittelbar mit dem Hexameter, sondern widmen sich der Einsch\u00e4tzung August von Platens. 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