{"id":3183,"date":"2014-10-31T00:03:26","date_gmt":"2014-10-30T22:03:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3183"},"modified":"2014-10-31T00:03:26","modified_gmt":"2014-10-30T22:03:26","slug":"erzaehlformen-die-alkaeische-strophe-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3183","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (2)"},"content":{"rendered":"<p>Wie im vorigen Vortrag schon angedeutet: Strophen sind mehr als eine Ansammlung von betonten und unbetonten Silben. Jede von ihnen hat ganz bestimmte Eigenschaften, die zusammen ihr Wesen ausmachen.<\/p>\n<p>\u00dcber die alk\u00e4ische Strophe hat Josef Weinheber zum Beispiel gesagt:<\/p>\n<p>&#8222;Keine andere antike Strophe zeichnet rhythmisch so un\u00fcberbietbar die Spannungen und Entladungen des Rhetorisch-Polemischen nach. Keine erm\u00f6glicht eine solche Mannigfaltigkeit, Farbigkeit und Gr\u00f6\u00dfe des Satzes. Der Wechsel der Rhythmen macht diese Strophe zu einer eigenwilligen und streitbaren. Das Auf und Ab der Schlacht ist in ihr, und die Lust am Kampf.&#8220;<\/p>\n<p>(S\u00e4mtliche Werke, Band 4, M\u00fcller 1954, Seite 247)<\/p>\n<p>Das mag nun zutreffen oder nicht; aber es ist jedenfalls die Beschreibung einer ganz eigenen Form, eine Wesens-Bestimmung?! An einer solchen haben sich auch andere versucht, oft mit Bezug auf die verwendeten Verse. Ich f\u00fchre noch drei weitere an; es lohnt sich wahrscheinlich, beim Lesen das im vorigen Beitrag gezeigte Silbenschema im Kopf oder zumindest vor Augen zu haben.<\/p>\n<p>&#8222;Das Wesen dieser kunstvoll gebauten Strophe liegt in dem Widerspiel ihrer Bewegung. Diese ist zun\u00e4chst und zumeist iambisch: ein gleichm\u00e4\u00dfiges Schreiten. So beginnt der erste Vers mit einem Auftakt und regelm\u00e4\u00dfig alternierend. Die Z\u00e4sur in der Versmitte l\u00e4sst diese Bewegung stocken, doch der folgende Daktylus beschleunigt sie wieder. Der zweite Vers wiederholt dieses mutvolle Spiel in respondierender Parallelit\u00e4t. Das Thema ist damit genannt. Jetzt gewinnt die Bewegung Stetigkeit im iambischen Gleichma\u00df des z\u00e4surfreien dritten Verses. Sein unbetonter Schluss deutet auf Weiterf\u00fchrung. Doch nun folgt in rhythmischer Gegenl\u00e4ufigkeit der auftaktlos einsetzende vierte Vers, dessen Doppelsenkungen die Bewegung nochmals deutlich beschleunigen, bis der regelm\u00e4\u00dfige Wechsel der letzten Hebungen und Senkungen ein Ausschwingen erm\u00f6glicht. Daktylisch beginnend und iambisch endend, zeigt der Schlussvers die Figur der Anfangsverse in der Umkehrung. Die Strophe ist eine dynamische, gerundete Form.&#8220;<br \/>\n(<a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/2013\/12\/21\/buecher-und-links-zum-vers-2\/\" target=\"_blank\">Frank, Handbuch der deutschen Strophenformen<\/a>)<\/p>\n<p>&#8222;Die alk\u00e4ische Strophe ist mit hoher Kunst gebildet. Die beiden ersten Verse sind steigend-fallend, und zwar derart, dass das Gewicht des verses sich auf das Versende verlegt. Der dritte Vers ist ruhig steigend und ausgeglichen, ein \u00dcbergang zum vierten, der von Anfang an schnell f\u00e4llt und wie ein Bach niedergeht. Den beiden elfsibigen Anfangsversen folgen ein neunsilbiger und ein zehnsilbiger Vers. Die Gewichtsverteilung ist kunstvoll; man achte darauf, wie die beiden Daktylen am Schluss der beiden ersten Verse und die beiden am Anfang des vierten sich auswiegen. Der dritte Vers ist der langsamste; er tut viel, um den schnellen Fall des vierten vorzubereiten. So ist hier alles aufeinander bezogen, alles in Zusammenwirkung und Verbindung.&#8220;<br \/>\n(<a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/2014\/02\/07\/buecher-zum-vers-13\/\" target=\"_blank\">J\u00fcnger, Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht<\/a>)<\/p>\n<p>&#8222;In der alk\u00e4ischen Strophe treffen an den Vers- und Kolongrenzen immer Hebung und Senkung zusammen, das hei\u00dft, das rhythmische Auf und Ab wird niemals unterbrochen, die Bewegung l\u00e4uft, wenn nicht der Satz von sich aus einen Einschnitt bildet, bruchlos weiter. [&#8230;] In der alk\u00e4ischen Strophe sind jeweils die ersten Teile der Stollen und des Abgesangs iambisch gebaut, sie steigen; die zweiten fallen. Die Bewegungen gleiten flie\u00dfend ineinander \u00fcber. Die Strophe atmet, oder mit einem anderen Bild, sie hebt und senkt sich dreimal, das dritte Mal in einer doppelt so breiten Welle wie zuvor, wie die D\u00fcnung des Meeres. [&#8230;] Da im alk\u00e4ischen Ma\u00df die Vers- und Kolongrenzen nicht eigens markiert sind, ergibt sich die Gliederung nur aus dem Wechsel von Steigen und Fallen. Nur dieser Wechsel wird gef\u00fchlt. Jedes Kolon bestimmt sich in seinem Charakter aus seiner Mitte, denn nur hier ist eindeutige Bewegung (Steigen oder Fallen), die Enden sind unbestimmter \u00dcbergang, rundes Hin\u00fcbergleiten in die umgekehrte Bewegung, oder, wenn man so will, ein sanftes Anhalten, ein momentanes Ruhen auf der Scheitelh\u00f6he des Bogens. Dieses Gleiten [&#8230;] verleiht der alk\u00e4ischen Strophe etwas elementares, naturhaftes, ganz im Sinne des alten Satzes &#8217;natura non facit saltus&#8216;, oder auch etwas seelisches im Sinne der auf und ab flutenden Seelenbewegung.&#8220;<br \/>\n(<a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/2014\/07\/27\/buecher-zum-vers-40\/\" target=\"_blank\">Binder, H\u00f6lderlins Odenstrophe<\/a>)<\/p>\n<p>Zum Abschluss noch eine Beispiel-Strophe &#8211; da Josef Weinheber den Eintrag begonnen hat, soll er ihn auch schlie\u00dfen mit der ersten Strophe einer seiner alk\u00e4ischen Oden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Tiefe stumm, die einsame Gr\u00f6\u00dfe fremd<br \/>\nin Haufens Fug, im Rausch des Maschinensiegs;<br \/>\nund ohne Widerhall die ewge<br \/>\nKlag um der Dinge verlornes Anrecht &#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(S\u00e4mtliche Werke, Band 2, M\u00fcller 1954, Seite 35)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie im vorigen Vortrag schon angedeutet: Strophen sind mehr als eine Ansammlung von betonten und unbetonten Silben. Jede von ihnen hat ganz bestimmte Eigenschaften, die zusammen ihr Wesen ausmachen. \u00dcber die alk\u00e4ische Strophe hat Josef Weinheber zum Beispiel gesagt: &#8222;Keine andere antike Strophe zeichnet rhythmisch so un\u00fcberbietbar die Spannungen und Entladungen des Rhetorisch-Polemischen nach. Keine&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3183\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (2)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3183","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3183"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3186,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3183\/revisions\/3186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}