{"id":3203,"date":"2014-11-02T00:13:50","date_gmt":"2014-11-01T22:13:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3203"},"modified":"2014-11-02T00:19:18","modified_gmt":"2014-11-01T22:19:18","slug":"erzaehlformen-die-alkaeische-strophe-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3203","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (3)"},"content":{"rendered":"<p>Um mit dem ganz eigenen Klang der alk\u00e4ischen Strophe vertraut zu werden, empfiehlt es sich, viele Gedichte zu lesen, die dieses Ma\u00df benutzen; und bevorzugt die der besseren Dichter.<\/p>\n<p>Das meint in diesem Fall zuallererst die Oden H\u00f6lderlins!<\/p>\n<p>H\u00f6lderlin hat viele alk\u00e4ische Oden geschrieben, und man kann seine Werke sogar nutzen, um der Klangwirkung von Abweichungen im Aufbau der Strophen nachzusp\u00fcren!<\/p>\n<p>Eine kurze derartige Ode ist &#8222;Der Sonnenuntergang&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo bist du? Trunken d\u00e4mmert die Seele mir<br \/>\nVon aller deiner Wonne; denn eben ist&#8217;s,<br \/>\nDass ich gelauscht, wie, goldner T\u00f6ne<br \/>\nVoll, der entz\u00fcckende Sonnenj\u00fcngling<\/p>\n<p>Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt&#8216;;<br \/>\nEs t\u00f6nten rings die W\u00e4lder und H\u00fcgel nach.<br \/>\nDoch fern ist er zu fremden V\u00f6lkern,<br \/>\nDie ihn noch ehren, hinweggegangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sch\u00f6n! Da ist nun freilich nichts von einer Abweichung zu entdecken; die beiden Strophen sollen auch nur die Grundbewegung wieder in Erinnerung rufen.<\/p>\n<p>Unter H\u00f6lderlins sp\u00e4testen Gedichten, also denen aus der Zeit seiner Krankheit, findet sich gleichfalls eine zweistrophige Ode, &#8222;An Zimmern&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von einem Menschen sag ich, wenn der ist gut<br \/>\nUnd weise, was bedarf er? Ist irgend eins<br \/>\nDer einer Seele gn\u00fcget? Ist ein Halm, ist<br \/>\nEine gestreifteste Reb auf Erden<\/p>\n<p>Gewachsen, die ihn n\u00e4hre? Der Sinn ist des<br \/>\nAlso. Ein Freund ist oft die Geliebte, viel<br \/>\nDie Kunst. O Teurer, dir sag ich die Wahrheit:<br \/>\nD\u00e4dalus Geist und des Walds ist deiner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine andere Sprache, auch; aber vor allem sind die beiden dritten Verse um zwei Silben verl\u00e4ngert zu einem f\u00fcnfhebigen Iambus anstelle des gew\u00f6hlichen vierhebigen &#8211; und das bringt den ausgeglichenen Bau der Strophe doch in Schieflage, es klingt nicht unbedingt schlecht, aber eben nicht mehr wie eine alk\u00e4ische Strophe?!<\/p>\n<p>Aus derselben Zeit gibt es noch eine andere alk\u00e4ische Ode H\u00f6lderlins, von der ich die letzten drei Strophen vorstellen m\u00f6chte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da, wo des Stromes regsame Wellen sind,<br \/>\nDass einer, der vor\u00fcber des Weges kommt,<br \/>\nFroh hinschaut, da erhebt der Berge<br \/>\nSanfte Gestalt und der Weinberg hoch sich.<\/p>\n<p>Zwar gehn die Treppen unter den Reben hoch<br \/>\nHerunter, wo der Obstbaum bl\u00fchend dar\u00fcber steht<br \/>\nUnd Duft an wilden Hecken weilet,<br \/>\nWo die verborgenen Veilchen sprossen;<\/p>\n<p>Gew\u00e4sser aber rieseln herab, und sanft<br \/>\nIst h\u00f6rbar dort ein Rauschen den ganzen Tag;<br \/>\nDie Orte aber in der Gegend<br \/>\nRuhen und schweigen den Nachmittag durch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Inhalt abgesehen: die drittletzte Strophe setzt den Aufbau der alk\u00e4ischen Strophe ohne Abweichung um. In der vorletzten aber ist der zweite Vers ver\u00e4ndert &#8211; auch hier sind zwei zus\u00e4tzliche Silben eingeschoben! Und auch die letzte Strophe zeigt besonderes, zumindest w\u00e4re es f\u00fcr heutige Sprecher sehr ungewohnt, den letzten Vers so zu lesen, wie das Metrum es verlangte:<\/p>\n<p><strong>Ru<\/strong>hen und <strong>schwei<\/strong>gen den <strong>Nach<\/strong>mit<strong>tag<\/strong> durch.<\/p>\n<p>Viel n\u00e4her liegt:<\/p>\n<p><strong>Ru<\/strong>hen und <strong>schwei<\/strong>gen den <strong>Nach<\/strong>mittag <strong>durch<\/strong>.<\/p>\n<p>&#8211; Und da ist erstaunlich deutlich der Unterschied zu h\u00f6ren zwischen dem &#8222;gew\u00f6hnlichen&#8220; Vers, in dem die vier Schluss-Silben die zuvor schnelle Bewegung wieder einfangen und die Strophe ruhig ausklingen lassen, und dem &#8222;Weiterrasen&#8220;, das durch den &#8222;<strong>Nach<\/strong>mittag&#8220; in den Vers kommt?! Zum Vergleich:<\/p>\n<p><strong>Wo<\/strong> die ver<strong>bor<\/strong>genen <strong>Veil<\/strong>chen <strong>spros<\/strong>sen;<\/p>\n<p>Deutlich andere Bewegung, das.<\/p>\n<p>Aber so nachh\u00f6renswert solche Abweichungen auch sind; viel lohnender sind bestimmt die &#8222;richtigen&#8220; Oden H\u00f6lderlins. Wie anfangs gesagt: wer alk\u00e4isch schreiben m\u00f6chte, sollte\u00a0 sich mit ihnen vertraut machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um mit dem ganz eigenen Klang der alk\u00e4ischen Strophe vertraut zu werden, empfiehlt es sich, viele Gedichte zu lesen, die dieses Ma\u00df benutzen; und bevorzugt die der besseren Dichter. Das meint in diesem Fall zuallererst die Oden H\u00f6lderlins! H\u00f6lderlin hat viele alk\u00e4ische Oden geschrieben, und man kann seine Werke sogar nutzen, um der Klangwirkung von&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3203\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (3)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3203","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3203","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3203"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3203\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3206,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3203\/revisions\/3206"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}