{"id":3270,"date":"2014-11-09T02:40:55","date_gmt":"2014-11-09T00:40:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3270"},"modified":"2014-11-09T13:20:00","modified_gmt":"2014-11-09T11:20:00","slug":"erzaehlformen-die-alkaeische-strophe-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3270","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (6)"},"content":{"rendered":"<p>Den Faden wiederaufnehmend, den ich am Ende von <strong>(5)<\/strong> aus der Hand gelegt habe:<\/p>\n<p>Wolfgang Binder nimmt in der alk\u00e4ischen Strophe drei &#8222;Wellen&#8220; wahr, zwei kleine, die den ersten und den zweiten Vers f\u00fcllen; und eine gro\u00dfe, doppelt so breite, die den dritten und den vierten Vers f\u00fcllt.<\/p>\n<p>Da diese beiden Verse nur f\u00fcr das Auge getrennt sind, in der Bewegung aber eine Einheit, sind harte Zeilenspr\u00fcnge vom dritten in den vierten Vers keine Besonderheit, wie ein Blick auf H\u00f6lderlins &#8222;Ganymed&#8220; best\u00e4tigt; vom ersten in den zweiten Vers sind sie seltener und schw\u00e4cher.<\/p>\n<p>Hm. Nun ist es aber auch so, dass schon der Bau der einzelnen Verse solches nahelegt?!<\/p>\n<p>x X x X x <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> X x x X x X<br \/>\nx X x X x <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> X x x X x X<br \/>\nx X x X x X x X x<br \/>\nX x x X x x X x X x<\/p>\n<p>Der dritte Vers schlie\u00dft unbetont, der vierte beginnt betont; da ist es, Welle hin oder her, einfach bequem, den dritten Vers mit einem Artikel oder einer Pr\u00e4position oder der Ableitungssilbe eines zweisilbigen Adjektivs zu schlie\u00dfen und dann den vierten Vers mit einem Substantiv oder Adjektiv zu beginnen?! Und da die im Deutschen h\u00e4ufig die Form &#8222;X x&#8220; haben, ger\u00e4t man hier, ohne etwas daf\u00fcr zu k\u00f6nnen, in eine &#8222;fallende&#8220; Bewegung.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlich harter Einschnitt zwischen eng aufeinander bezogenen W\u00f6rtern bietet sich zwischen dem ersten Vers, der betont schlie\u00dft, und dem zweiten Vers, der unbetont einsetzt, dagegen nicht an!<\/p>\n<p>Wohlwollend betrachtet hei\u00dft das dann, die deutsche Sprache und die Silbenverteilung der alk\u00e4ischen Strophe kommen\u00a0 gut miteinander zurecht &#8211; die sapphische Strophe zum Beispiel bietet da einiges mehr an Widerstand!<\/p>\n<p>Was aber geschieht, wenn man sich dieser naheliegenden F\u00fcllung des Silbenbilds widersetzt und den vierten Vers nicht fallend, sondern steigend gestaltet? Das gelingt ja ohne Schwierigkeit, wird die erste Silbe als eigene Sinneinheit gew\u00e4hlt; der am deutlichsten steigende Vers sieht dann so aus:<\/p>\n<p>X \/ x x X \/ x x X \/ x X X<\/p>\n<p>Also vier Sinneinheiten, die letzte ein &#8222;x X X&#8220;, was meint: mit starker Nebenhebung auf der letzten Silbe. Das klingt dann in etwa so:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ersten Verse k\u00fcmmern mich weiter nicht<br \/>\nUnd ziehen hin auf ihrem gewohnten Weg,<br \/>\nBis sie zum <em>vierten<\/em> Vers gelangen:<br \/>\nH\u00f6rt, wie der steigt, ja sich k\u00fchnst emporrei\u00dft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die oben angedeutete Verteilung der Sinnabschnitte, die dem Vers einen steigenden Ausdruck geben:<\/p>\n<p><strong>H\u00f6rt<\/strong>, \/ wie der <strong>steigt<\/strong>, \/ ja sich <strong>k\u00fchnst<\/strong> \/ em<strong>por-rei\u00dft<\/strong>!<\/p>\n<p>Gar nicht so ungew\u00f6hnlich?! Ich w\u00fcsste aber im Augenblick keine Ode mit einem solchen Strophenschluss (schaue aber ab jetzt bewusst darauf) &#8211; die allermeisten alk\u00e4ischen Strophen\u00a0 haben keine solche, sondern eben eine fallende Schluss-Bewegung. In schwacher Form in diesem Vers, m\u00f6glicherweise:<\/p>\n<p><strong>Wem<\/strong> \/ und wo<strong>hin<\/strong> \/ du den <strong>Raub<\/strong> \/ ver<strong>schenkt hast<\/strong><\/p>\n<p>&#8211; Rudolf Alexander Schr\u00f6der<\/p>\n<p>Vielleicht lohnt noch der Blick auf einen anderen &#8222;nicht-fallenden&#8220; Vers aus <em>drei<\/em> Sinneinheiten:<\/p>\n<p>X x x X \/ x x X \/ x X X<\/p>\n<p>&#8211; Das halte ich f\u00fcr eine sehr sch\u00f6ne, starke, einpr\u00e4gsame Bewegungslinie! Aber auch sie kommt selten vor. Einige Beispiele:<\/p>\n<p>(nun sie vom leeren Himmel laut die)<br \/>\n<strong>Stil<\/strong>le be<strong>schreit<\/strong> \/ und den <strong>L\u00e4rm<\/strong> \/ zum <strong>Gott nimmt<\/strong><\/p>\n<p>&#8211; Josef Weinheber; mit &#8222;heftigem&#8220; Zeilensprung!<\/p>\n<p>(Durch alle Frist, die dir das enge,)<br \/>\n<strong>Poch<\/strong>ende <strong>Herz<\/strong> \/ in der <strong>Brust<\/strong> \/ her<strong>um-warf<\/strong>.<\/p>\n<p>&#8211; Rudolf Alexander Schr\u00f6der<\/p>\n<p>(wenn ihm das Haus bebt und der Boden)<br \/>\n<strong>Un<\/strong>ter ihm <strong>dr\u00f6hnt<\/strong> \/ und der <strong>Berg<\/strong> \/ es <strong>nach-hallt<\/strong><\/p>\n<p>&#8211; Friedrich H\u00f6lderlin; da alterniert allerdigs auch schon der dritte Vers nicht wirklich, ist mithin die ganze &#8222;Welle&#8220; in ihrem Steigen und Brechen und Fallen schwer in Unordnung &#8230;<\/p>\n<p>Nun gut. Ich glaube, an den Schluss stelle ich nach all den Besonderheiten noch ein ganz gew\u00f6hnliche (aber sch\u00f6ne!) Strophe, die letzte eines Gedichts von Ludwig H\u00f6lty:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>O Freund, des Griffels Ewigkeit ist ein Traum,<br \/>\nDer selten wahrsagt. Gleich dem Tithonus, zirpt<br \/>\nUnsterblich mancher Wicht; es schweiget<br \/>\nIn der Vergessenheit Nacht Alc\u00e4us.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Tithonus<\/em>, Geliebter der Eos, von Zeus unsterblich gemacht auf deren Wunsch hin &#8211; allerdings alterte er weiter; schrumpfte schlie\u00dflich so zusammen, dass er eine Zikade wurde.<em> Alc\u00e4us, der Vergessenheit Nacht:<\/em> Abwarten!<\/p>\n<p>&#8211; Der vierte Vers, jedenfalls: F\u00e4llt, wie es die vierten Verse (fast) immer tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Faden wiederaufnehmend, den ich am Ende von (5) aus der Hand gelegt habe: Wolfgang Binder nimmt in der alk\u00e4ischen Strophe drei &#8222;Wellen&#8220; wahr, zwei kleine, die den ersten und den zweiten Vers f\u00fcllen; und eine gro\u00dfe, doppelt so breite, die den dritten und den vierten Vers f\u00fcllt. 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