{"id":3300,"date":"2014-11-12T01:07:46","date_gmt":"2014-11-11T23:07:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3300"},"modified":"2014-11-15T01:05:31","modified_gmt":"2014-11-14T23:05:31","slug":"erzaehlformen-die-alkaeische-strophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3300","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (7)"},"content":{"rendered":"<p>Das antike Vorbild der &#8222;deutschen alk\u00e4ischen Strophe&#8220; sieht im Silbenbild so aus:<\/p>\n<p>v \u2014 v \u2014 v <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> \u2014 v v \u2014 v \u2014<br \/>\nv \u2014 v \u2014 v <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> \u2014 v v \u2014 v \u2014<br \/>\nv \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 v<br \/>\n\u2014 v v \u2014 v v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Wobei, wie immer in der Antike, nicht betonte und unbetonte Silben, sondern lange (\u2014) und kurze (v) Silben betrachtet werden. Allerdings ist die Silbenverteilung damit noch nicht hinreichend beschrieben; denn an manchen Stellen im Vers konnten sowohl eine lange wie eine kurze Silbe stehen! Ich kennzeichne die entsprechenden Stellen durch ein &#8222;#&#8220;:<\/p>\n<p># \u2014 v \u2014 # <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> \u2014 v v \u2014 v #<br \/>\n# \u2014 v \u2014 # <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> \u2014 v v \u2014 v #<br \/>\n# \u2014 v \u2014 # \u2014 v \u2014 #<br \/>\n\u2014 v v \u2014 v v \u2014 v \u2014 #<\/p>\n<p>&#8211; Wie man sieht,\u00a0 weisen die ersten drei Verse je drei solche Stellen auf, der letzte Vers eine.<\/p>\n<p>In der deutschen alk\u00e4ischen Strophe ist die M\u00f6glichkeit zumeist unbeachtet geblieben, nur bei Verfassern, die sich die antike Strophe ausdr\u00fccklich zum Vorbild genommen haben, ist etwas davon zu sp\u00fcren. Zu diesen geh\u00f6rt auch Friedrich Gottlieb Klopstock, der die Strophe in die deutsche Dichtung eingef\u00fchrt hat und daher ohnehin noch stark am Vorbild entlangdenkt!<\/p>\n<p>Betrachtet man die ersten beiden Verse, so wird klar, dass, setzt man das antike Vorbild um in Bezug auf die letzte Silbe, diese in der deutschen Strophe betont oder unbetont sein kann; ist sie unbetont, schlie\u00dft der Vers mit zwei unbetonten Silben. Das gibt es bei Klopstock durchaus &#8211; eine Strophe aus &#8222;der Abschied&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die heilge Tugend, Gottes erhabenste,<br \/>\nHier nicht erkannte Sch\u00f6pfung, und selige,<br \/>\nVon ihrem Jubel volle Freuden<br \/>\nM\u00fcssen dein jugendlich Haupt umschweben,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier sind sowohl im ersten als auch im zweiten Vers die Schluss-Silben unbetont, das Silbenbild sieht also so aus (die beiden abweichenden Silben sind rot):<\/p>\n<p>x X x X x <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> X x x X x <span style=\"color: #ff0000\">x<\/span><br \/>\nx X x X x <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> X x x X x <span style=\"color: #ff0000\">x<\/span><br \/>\nx X x X x X x X x<br \/>\nX x x X x x X x X x<\/p>\n<p>Und wenn sich auch im Laufe der Jahre die betonte Silbe am Ende der ersten beiden Verse durchgesetzt hat (zwei unbetonte Silben am Versende klingen im Deutschen etwas eigen), ist die unbetonte Schluss-Silbe nie ganz au\u00dfer Gebrauch gekommen. F\u00fcnfzig Jahre nach Klopstocks ersten Versuchen schreibt zum Beispiel Friedrich H\u00f6lderlin diese beiden Strophen, sie sind der Schluss von &#8222;Der Prinzessin Amalie von Dessau&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wie auf dunkler Wolke der schweigende,<br \/>\nDer sch\u00f6ne Bogen bl\u00fchet, ein Zeichen ist<br \/>\nEr k\u00fcnftger Zeit, ein Angedenken<br \/>\nSeliger Tage, die einst gewesen,<\/p>\n<p>So ist dein Leben, heilige Fremdlingin!<br \/>\nWenn du Vergangnes \u00fcber Italiens<br \/>\nZerbrochnen S\u00e4ulen, wenn du neues<br \/>\nGr\u00fcnen aus st\u00fcrmischer Zeit betrachtest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; In beiden Strophen sind die Ausg\u00e4nge der ersten beiden Verse mit sehr schwachen Silben besetzt?! Das &#8222;ist&#8220; k\u00f6nnte man sicher betonen, aber man kann es auch unbetont lesen; &#8222;-de&#8220; und &#8222;-gin&#8220; zu betonen, kl\u00e4nge schon einigerma\u00dfen seltsam; und sp\u00e4testens bei &#8222;-ens&#8220; geht es gar nicht mehr!<\/p>\n<p>Wie man sich selbst verh\u00e4lt in diesem Fall, muss jeder Verfasser selbst wissen; man kann die unbetonte Silbe am Schluss vollst\u00e4ndig missachten, man kann sie dann und wann erlauben, man kann sie h\u00e4ufig verwenden &#8230;<\/p>\n<p>Die Schluss-Silben der ersten beiden Verse sind also in der gew\u00f6hnlichen deutschen alk\u00e4ischen Strophe betont, k\u00f6nnen aber unter dem Einfluss des antiken Vorbilds manchmal auch unbetont sein; die anderen oben mit &#8222;#&#8220; gekennzeichneten Silben sind in der deutschen alk\u00e4ischen Strophe dagegen unbetont, k\u00f6nnen sich aber unter dem Einfluss des antiken Vorbilds manchmal &#8222;auf die Betonung hin ausrichten&#8220; (um es vorsichtig auszudr\u00fccken). Welche Auswirkungen das auf die Strophe hat, und welche Wirkungen damit erzielt werden k\u00f6nnen: wei\u00df der n\u00e4chste Eintrag zur alk\u00e4ischen Strophe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das antike Vorbild der &#8222;deutschen alk\u00e4ischen Strophe&#8220; sieht im Silbenbild so aus: v \u2014 v \u2014 v | \u2014 v v \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 v | \u2014 v v \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 v v \u2014 v v \u2014 v \u2014 v&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3300\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (7)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3300","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3300"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3323,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3300\/revisions\/3323"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}