{"id":3339,"date":"2014-11-17T00:58:16","date_gmt":"2014-11-16T22:58:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3339"},"modified":"2014-11-17T11:55:55","modified_gmt":"2014-11-17T09:55:55","slug":"erzaehlformen-die-alkaeische-strophe-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3339","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (9)"},"content":{"rendered":"<p>In Theodor Fontanes erstem Roman, &#8222;Vor dem Sturm&#8220;, hat die alk\u00e4ische Strophe in Form von Friedrich H\u00f6lderlins &#8222;An die Parzen&#8220; einen recht bemerkenswerten Auftritt &#8211; ich denke, es lohnt gleich aus mehreren Gr\u00fcnden, den kurzen Auschnitt zu lesen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hansen-Grell hatte mittlerweile alles gefunden, was ihm w\u00fcnschenswert erschien, und pr\u00e4sentierte jetzt, nachdem er, \u00e4ngstlich die Diele haltend, den weiten Weg zwischen Ofen und Fenster zur\u00fcckgelegt hatte, seinem Gaste eine bis an den Rand hin gef\u00fcllte Tasse Kaffee.<\/p>\n<p>Dieser nahm, schl\u00fcrfte und lobte und sagte dann: &#8222;Ich bin \u00fcberrascht, Sie bei H\u00f6lderlin zu finden. Nach dem Bilde, das ich mir von Ihnen gemacht habe, mussten Sie mit der <em>ums Morgenrot fahrenden Lenore<\/em> f\u00fcr dieses und jenes Leben verbunden sein. Ich kann Ihnen auch allenfalls den <em>wilden J\u00e4ger<\/em> oder die <em>Chevyjagd<\/em> gestatten, aber H\u00f6lderlin? Nein.&#8220;<\/p>\n<p>Hansen-Grell hatte sich auf den gegen\u00fcberliegenden Binsenstuhl gesetzt und sagte, w\u00e4hrend er seine beiden H\u00e4nde auf das bequem \u00fcbergeschlagene Knie legte: &#8222;Sie ber\u00fchren da einen feinen Punkt, wenn Sie wollen, einen Widerspruch in meiner Natur. Vielleicht auch in mancher andern. Es ist ganz richtig, dass ich meiner Empfindung und, wenn ich von so Unbedeutendem sprechen darf, auch meiner Dichtung nach ganz in die neue Schule hineingeh\u00f6re; ich halte es wohl oder \u00fcbel mit den Romantikern und werde nie von etwas anderem tr\u00e4umen als von nordischen Prinzessinnen und siegreichen Schlangent\u00f6tern. Und wird es mir gelegentlich des romantischen Apparates zu viel, so pfleg&#8216; ich mich, nach der Lehre vom Gegensatz, mit einer Art Passion auf Rokokodinge zu werfen und vor Puder und Reifrock nicht zu erschrecken. Aber etwas Klassisches nie, weder nach Form noch Inhalt.&#8220;<\/p>\n<p>Lewin l\u00e4chelte und wies auf das zwischen ihnen liegende Buch.<\/p>\n<p>&#8222;Ich komme darauf&#8220;, fuhr Hansen-Grell fort, &#8222;das ist es ja eben, was mich von einem Widerspruche sprechen lie\u00df. Ich werde nie klassisch empfinden, nie auch nur den Versuch machen, einen Hexameter oder gar eine alk\u00e4ische Strophe aufzubauen, und doch, wo immer ich mit dieser Welt des Klassischen in Ber\u00fchrung komme, f\u00fchl&#8216; ich mich in ihrem Banne und sehe, solange dieser Zauber anh\u00e4lt, auf alles Volksliedhafte wie auf blo\u00dfe B\u00e4nkels\u00e4ngereien herab. Ich habe dann pl\u00f6tzlich aller naiven Dichtung gegen\u00fcber ein Gef\u00fchl, als ob ich h\u00fcbsche Dorfm\u00e4dchen auf einem Hofball erscheinen s\u00e4he; sie bleiben h\u00fcbsch, aber die Buntheit und die Willk\u00fcrlichkeit ihres Aufputzes l\u00e4sst selbst ihren wirklichen Reiz als untergeordnet erscheinen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich kann Ihnen darin nicht zustimmen&#8220;, erwiderte Lewin. &#8222;Sie sprachen schon selbst das Wort aus, auf das es mir anzukommen scheint, <em>solange der Zauber anh\u00e4lt<\/em>. Da liegt es. Auch in der Kunst gilt das <em>Toujours perdrix<\/em>, und jedes Zuviel weckt das Verlangen nach einem Gegenteil.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;M\u00f6glich, dass Sie es mit dem <em>Toujours perdrix<\/em> getroffen haben&#8220;, sagte Hansen-Grell, &#8222;aber nach meiner eigenen pers\u00f6nlichen Erfahrung muss ich es doch in etwas anderem suchen. Vielleicht haben Sie \u00c4hnliches beobachtet. Unsere dichterische Produktion, und das ist der Punkt, auf den ich Gewicht lege, entspricht unserer Natur, aber nicht notwendig unserem Geschmack. Dieser kann sich \u00fcber jene erheben. Wollen wir einen Einklang herstellen, soll unser Geschmack, der unsere Lekt\u00fcre bestimmt, auch unsere Produktion bestimmen, so l\u00e4sst uns die Natur, die andere Wege ging, im Stich, und wir scheitern. Wir haben dann unseren Willen gehabt, aber das Geborene ist tot.&#8220;<\/p>\n<p>Lewin wollte antworten, Hansen-Grell indes fuhr in Entwickelung seines Gedankens mit Lebhaftigkeit fort: &#8222;Im \u00fcbrigen, was unseren schw\u00e4bischen Hyperion angeht\u00ab, und dabei schlug er mit dem Finger auf das vor ihm liegende B\u00e4ndchen, &#8222;so l\u00f6st sich der Widerspruch, den ich Ihnen anf\u00e4nglich zugestand, auf eine vielleicht viel einfachere Weise. H\u00f6lderlin, aller Klassizit\u00e4t seiner Form unerachtet, ist Romantiker von Grund aus. Darf ich Ihnen meine Lieblingsstrophen vorlesen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich bitte darum.&#8220;<\/p>\n<p>Es dunkelte schon. Da Hansen-Grell aber die Strophen so gut wie auswendig wusste, so gen\u00fcgte jede Beleuchtung, und er las:<\/p>\n<p><em>Nur einen Sommer g\u00f6nnt, ihr Gewaltigen,<\/em><br \/>\n<em> Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,<\/em><br \/>\n<em> Dass williger mein Herz, vom s\u00fc\u00dfen<\/em><br \/>\n<em> Spiele ges\u00e4ttiget, dann mir sterbe!<\/em><\/p>\n<p><em>Die Seele, der im Leben ihr g\u00f6ttlich Recht<\/em><br \/>\n<em> Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;<\/em><br \/>\n<em> Doch ist mir einst das Heil&#8217;ge, das am<\/em><br \/>\n<em> Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen:<\/em><\/p>\n<p><em>Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!<\/em><br \/>\n<em> Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel<\/em><br \/>\n<em> Mich nicht hinabgeleitet; einmal<\/em><br \/>\n<em> Lebt&#8216; ich wie G\u00f6tter, und mehr bedarfs nicht.<\/em><\/p>\n<p>Er legte das Buch aus der Hand und fuhr ohne Pause fort: &#8222;Das sind alk\u00e4ische Strophen, klassisch in Bau und Form, und doch klingt es in ihnen romantisch trotz Orkus und aller Schatten- und G\u00f6tterwelt der Klassizit\u00e4t.&#8220; Nun erst sah er auf Lewin.<\/p>\n<p>Dieser schwieg noch immer. Aber sein Schweigen sagte mehr, als es die enthusiastischsten Worte gekonnt h\u00e4tten. Endlich sprach er vor sich hin: &#8222;Wie sch\u00f6n, und wie ist die Stimmung getroffen!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Theodor Fontanes erstem Roman, &#8222;Vor dem Sturm&#8220;, hat die alk\u00e4ische Strophe in Form von Friedrich H\u00f6lderlins &#8222;An die Parzen&#8220; einen recht bemerkenswerten Auftritt &#8211; ich denke, es lohnt gleich aus mehreren Gr\u00fcnden, den kurzen Auschnitt zu lesen! &nbsp; Hansen-Grell hatte mittlerweile alles gefunden, was ihm w\u00fcnschenswert erschien, und pr\u00e4sentierte jetzt, nachdem er, \u00e4ngstlich die&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3339\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Die alk\u00e4ische Strophe (9)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3339","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3339","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3339"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3339\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3347,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3339\/revisions\/3347"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}