{"id":3360,"date":"2014-11-19T00:26:22","date_gmt":"2014-11-18T22:26:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3360"},"modified":"2014-11-19T01:45:32","modified_gmt":"2014-11-18T23:45:32","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-80","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3360","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (80)"},"content":{"rendered":"<p><strong>August von Platens &#8222;Das Fischerm\u00e4dchen in Burano&#8220; (1)<\/strong><\/p>\n<p>Im vor kurzem hier vorgestellten &#8222;Hexameter-Brief&#8220; Paul Heyses spielte August von Platen eine gewichtige Rolle &#8211; Grund genug, auch einmal einen seiner Hexameter-Texte vorzustellen?! Ich habe daf\u00fcr aber nicht &#8222;Die Fischer auf Capri&#8220; ausgesucht, sondern &#8222;Das Fischerm\u00e4dchen in Burano&#8220;, ein mittellanger Text, den ich auf zwei Eintr\u00e4ge verteilen m\u00f6chte. Hier der Anfang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Strickt mir flei\u00dfig am Netz, ihr Schwestern! Es soll&#8217;s der Geliebte<br \/>\nHeut noch haben, sobald im besegelten Nachen er heimkehrt.<\/p>\n<p>Weshalb zaudert er heute so lang? Die Lagune verflacht sich<br \/>\nSchon, und es legt sich der Wind; um das leuchtende hohe Venedig,<br \/>\nWie es den Wassern entsteigt, ausbreitet sich Abendgew\u00f6lk schon.<br \/>\nOstw\u00e4rts fuhren sie heut mit dem Fahrzeug gegen Altino,<br \/>\nWo in den Schutt hinsank ehmals die bev\u00f6lkerte Seestadt.<br \/>\nH\u00e4ufig erbeuten sie dort Goldm\u00fcnzen und pr\u00e4chtige Steine,<br \/>\nWenn sie das Netz einziehn, die betagteren Fischer erz\u00e4hlen&#8217;s:<br \/>\nM\u00f6chtest du auch, o Geliebter, und recht was K\u00f6stliches finden!<br \/>\nSch\u00f6n wohl ist es zu fischen am Abende, wann die Lagune<br \/>\nBlitzt, und das schimmernde Netz vom hangenden Meergras funkelt,<br \/>\nJegliche Masche wie Gold, und die zappelnden Fische vergoldet;<br \/>\nAber ich liebe vor Allem den Festtag, wann du daheimbleibst.<br \/>\nAuf dem besuchteren Platz dann wandelt die kr\u00e4ftige Jugend,<br \/>\nJeder im Staat, mein Freund vor den \u00dcbrigen sch\u00f6n und bescheiden.<br \/>\nOftmals lauschen wir dann dem Erz\u00e4hler, und wie er verk\u00fcndigt<br \/>\nWorte der Heiligen uns, und die Taten des frommen Albanus,<br \/>\nWelcher gemalt hier steht in der Kirche, des Orts Wohlt\u00e4ter.<br \/>\nDoch als seine Gebeine hieher einst brachten die Schiffer,<br \/>\nKonnten sie nicht ans Ufer den Sarg ziehn, weil er so schwer schien;<br \/>\nLange bem\u00fchten die starken gewaltigen M\u00e4nner umsonst sich,<br \/>\nTriefend von Schwei\u00df, und zuletzt lie\u00df Jeglicher ab von der Arbeit.<br \/>\nSiehe, da kamen heran unm\u00fcndige lockige Kinder,<br \/>\nSpannten, als w\u00e4r&#8217;s zum Scherz, an das Seil sich, zogen den Sarg dann<br \/>\nLeicht an den Strand, ganz ohne Beschwerde, mit freundlichem L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ersten vier Hexameter sind nicht weiter auff\u00e4llig &#8211; sch\u00f6ne, sichere Verse. Dann aber beginnt die Zeit des &#8222;geschleiften Spond\u00e4us&#8220;, den Platen in vier der f\u00fcnf folgenden Versen einsetzt, immer in der Versmitte, was einen ganz eigenen Klang schafft:<\/p>\n<p><strong>Wie<\/strong> es den \/ <strong>Was<\/strong>sern ent- \/ <span style=\"color: #993366\"><strong>steigt<\/strong>,<\/span> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <span style=\"color: #993366\">aus-<\/span> \/ <span style=\"color: #993366\"><strong>brei<\/strong><\/span>tet sich \/ <strong>A<\/strong>bendge- \/ <strong>w\u00f6lk<\/strong> schon.<br \/>\n<strong>Ost<\/strong>w\u00e4rts \/ <strong>fuh<\/strong>ren sie \/ <strong>heut<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> mit dem \/ <strong>Fahr<\/strong>zeug \/ <strong>ge<\/strong>gen Al- \/ <strong>ti<\/strong>no,<br \/>\n<strong>Wo<\/strong> in den \/ <span style=\"color: #993366\"><strong>Schutt<\/strong> hin<\/span>&#8211; \/ <span style=\"color: #993366\"><strong>sank<\/strong><\/span> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <span style=\"color: #993366\">eh<\/span>&#8211; \/<span style=\"color: #993366\"><strong>mals<\/strong><\/span> die be- \/ <strong>v\u00f6l<\/strong>kerte \/ <strong>See<\/strong>stadt.<br \/>\n<strong>H\u00e4u<\/strong>fig er- \/ <strong>beu<\/strong>ten sie \/<span style=\"color: #993366\"> <strong>dort<\/strong><\/span> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <span style=\"color: #993366\">Gold<\/span>&#8211; \/ <span style=\"color: #993366\"><strong>m\u00fcn<\/strong><\/span>zen und \/ <strong>pr\u00e4ch<\/strong>tige \/ <strong>Stei<\/strong>ne,<br \/>\n<strong>Wenn<\/strong> sie das \/ <span style=\"color: #993366\"><strong>Netz<\/strong> ein-<\/span> \/ <span style=\"color: #993366\"><strong>ziehn<\/strong><\/span>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> die be- \/ <strong>tag<\/strong>teren \/ <strong>Fi<\/strong>scher er- \/ <strong>z\u00e4h<\/strong>len&#8217;s:<\/p>\n<p>Alle geschleiften Spond\u00e4en sind <strong><span style=\"color: #993366\">farbig<\/span><\/strong> gekennzeichnet; der Vers &#8222;Wo in den &#8230;&#8220; hat sogar zwei davon! Wie heftig sie das Gef\u00fcge des Verses ver\u00e4ndern, l\u00e4sst sich vielleicht an zwei anderen Versen zeigen.<\/p>\n<p>Blitzt, und das schimmernde Netz vom hangenden Meergras funkelt,<\/p>\n<p>Hier hat Platen von der M\u00f6glichkeit Gebrauch gemacht, die vorletzte Einheit nicht dreisilbig, sondern zweisilbig zu gestalten:<\/p>\n<p><strong>Blitzt<\/strong>, und das \/ <strong>schim<\/strong>mernde \/ <strong>Netz<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> vom \/ <strong>han<\/strong>genden \/ <strong>Meer<\/strong>gras \/ <strong>fun<\/strong>kelt,<\/p>\n<p>Der Vers ist sehr achtsam gebaut! Wenn die f\u00fcnfte Einheit zweisilbig ist, ist meistens die vierte dreisilbig, was einen gunten Klang gibt; so macht es Platen hier auch. Und er l\u00e4sst in der f\u00fcnten Einheit nicht einfach eine unbetonte Silbe weg, sondern er ersetzt die beiden unbetonten, leichten Silben in antiker Denkweise durch ein &#8222;schwere&#8220; Silbe, das eine starke Nebenbetonung tragende &#8222;-gras&#8220;! Das das &#8222;-gras&#8220; aber in der Senkungs-Stelle steht, klingt der Vers dem &#8222;deutschen Ohr&#8220; vollkommen unauff\u00e4llig und vertraut. Jetzt aber dieser Vers:<\/p>\n<p>Welcher gemalt hier steht in der Kirche, des Orts Wohlt\u00e4ter.<\/p>\n<p>&#8211; Wieder ist die f\u00fcnfte Einheit zweisilbig (und die vierte dreisilbig), aber diesmal hat Platen die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit an dieser Stelle noch verst\u00e4rkt durch einen &#8222;geschleiften Spond\u00e4us&#8220;!<\/p>\n<p><strong>Wel<\/strong>cher ge- \/ <strong>malt<\/strong> hier \/ <strong>steht<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> in der \/ <strong>Kir<\/strong>che, des \/ <span style=\"color: #800080\"><strong>Orts<\/strong><\/span> <span style=\"color: #800080\">Wohl-<\/span> \/ <strong><span style=\"color: #800080\">t\u00e4<\/span><\/strong>ter.<\/p>\n<p>&#8211; Und das klngt dann doch schon ganz ordentlich schr\u00e4g und ist eine Herausforderung im Vortrag?! Aber Platen hat eben sehr &#8222;antikisierend&#8220; gedacht und gedichtet, und ich will keinesfalls sagen, die Verse klingen <em>schlecht<\/em>; sie haben durchaus ihre eigene Kraft und Sch\u00f6nheit. Nur wirken sie im ersten H\u00f6ren eben fremd.<\/p>\n<p>Der Schluss dieses ersten Teils gef\u00e4llt mir ausnehmend gut:<\/p>\n<p>Lange bem\u00fchten die starken gewaltigen M\u00e4nner umsonst sich,<br \/>\nTriefend von Schwei\u00df, und zuletzt lie\u00df Jeglicher ab von der Arbeit.<br \/>\nSiehe, da kamen heran unm\u00fcndige lockige Kinder,<br \/>\nSpannten, als w\u00e4r&#8217;s zum Scherz, an das Seil sich, zogen den Sarg dann<br \/>\nLeicht an den Strand, ganz ohne Beschwerde, mit freundlichem L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>&#8211; Vielleicht auch, weil hier nur ein einziger &#8222;geschleifter Spond\u00e4us&#8220; vorkommt, der nicht weiter auff\u00e4llt, dem Text aber trotzdem eine sch\u00f6ne klangliche Abwechslung verschafft?!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>August von Platens &#8222;Das Fischerm\u00e4dchen in Burano&#8220; (1) Im vor kurzem hier vorgestellten &#8222;Hexameter-Brief&#8220; Paul Heyses spielte August von Platen eine gewichtige Rolle &#8211; Grund genug, auch einmal einen seiner Hexameter-Texte vorzustellen?! Ich habe daf\u00fcr aber nicht &#8222;Die Fischer auf Capri&#8220; ausgesucht, sondern &#8222;Das Fischerm\u00e4dchen in Burano&#8220;, ein mittellanger Text, den ich auf zwei Eintr\u00e4ge&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3360\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (80)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3360","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3360","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3360"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3360\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3366,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3360\/revisions\/3366"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3360"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3360"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3360"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}