{"id":348,"date":"2013-12-26T21:39:17","date_gmt":"2013-12-26T19:39:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=348"},"modified":"2013-12-26T21:39:17","modified_gmt":"2013-12-26T19:39:17","slug":"erzaehlverse-der-iambische-trimeter-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=348","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der iambische Trimeter (5)"},"content":{"rendered":"<p>Neben der &#8222;antiken Auflockerung Spond\u00e4us&#8220; , die im letzten Beitrag vorgestellt wurde, besitzt der Trimeter noch einige andere M\u00f6glichkeiten, das starre &#8222;Auf und Ab&#8220; zu mildern. Allerdings werden diese M\u00f6glichkeiten sehr sparsam eingesetzt &#8211; kein Vergleich etwa zum Blankvers! Es m\u00fcssen schon besondere Umst\u00e4nde vorliegen, wenn derlei geh\u00e4uft auftreten soll.<\/p>\n<p>Als Beispiel habe ich &#8222;Kriegerisches&#8220; ausgesucht. Einmal, als Beispiel f\u00fcr den nicht abgewandelten Trimeter, einige Vers aus August von Platens &#8222;Der romantische \u00d6dipus&#8220;. Der war auch ganz wirklich Teil einer kriegerischen Auseinandersetzung: Heinrich Heine hatte in ein Werk Epigramme von Karl Immermann aufgenommen, von denen Platen sich angegriffen f\u00fchlte &#8211; da lie\u00df er im &#8222;\u00d6dipus&#8220; also einen &#8222;Nimmermann&#8220; auftreten, an den gegen Ende der &#8222;Verstand&#8220; sein Verdammungsurteil spricht:<\/p>\n<p>Und kraft der Vollmacht, welche mir die Kunst verlieh,<br \/>\nUnd kraft des Scherzes, welchen ich bemeistere,<br \/>\nDer unter meinen H\u00e4nden fast erhaben klingt,<br \/>\nAls w\u00e4r&#8217;s der Andacht hoher Ernst, und kraft der Kraft<br \/>\nZerst\u00f6r&#8216; ich dich und gebe dich dem Nichts anheim.<\/p>\n<p>Da ist kein Wackeln, keine Lockrung; unerbittlich schreitet der Vers seinen strengen Gang! Ein paar Verse sp\u00e4ter:<\/p>\n<p>Und aus dem Scho\u00dfe sch\u00fctteln dich die wenigen,<br \/>\nDie noch geneigt dir waren, wie gemeinen Staub.<br \/>\nIn meinen Waffen spiegle dich, erkenne dich,<br \/>\nErschrick vor deiner H\u00e4sslichkeit und stirb sodann!<\/p>\n<p>Alles nicht sonderlich nett, aber nichts im Vergleich zu dem Angriff gegen Heine, der gegen dessen Judentum ging; und nichts gegen Heines Gegenangriff, der von Platens Homosexualit\u00e4t aufs Korn nahm. Unsch\u00f6ne Szenen, h\u00fcben wie dr\u00fcben &#8230;<\/p>\n<p>Na, f\u00fcr den Vers ist wichtig: Keine Aufl\u00f6sungen, keine Abweichungen! Dagegen stelle ich einen Ausschnitt aus Friedrich Schillers &#8222;Die Jungfrau von Orleans&#8220;, wo die &#8222;Montgomery-Szene&#8220; in Trimetern gehalten ist. Montgomery fleht Johanna auf dem Schlachtfeld um sein Leben an; sie anwortet:<\/p>\n<p>Stirb Freund! Warum so zaghaft zittern vor dem Tod,<br \/>\nDem unentfliehbaren Geschick? &#8211; Sieh <em>mich<\/em> an! Sieh!<br \/>\nIch bin nur eine Jungfrau, eine Sch\u00e4ferin<br \/>\nGeboren, nicht des Schwerts gewohnt ist diese Hand,<br \/>\nDie den unschuldig frommen Hirtenstab gef\u00fchrt.<br \/>\nDoch weggerissen von der heimatlichen Flur,<br \/>\nVom Vatersbusen, von der Schwester lieber Brust<br \/>\nMuss ich <em>hier<\/em>, ich <em>muss<\/em>, mich treibt die G\u00f6tterstimme, nicht<br \/>\nEignes Gel\u00fcsten &#8211; <em>euch<\/em> zu bittrem Harm, <em>mir<\/em> nicht<br \/>\nZur Freude, ein Gespenst des Schreckens w\u00fcrgend gehn,<br \/>\nDen Tod verbreiten und sein Opfer sein zuletzt!<br \/>\nNoch vielen von den euren werd ich t\u00f6dlich sein,<br \/>\nNoch viele Witwen machen, aber endlich werd<br \/>\nIch selbst umkommen und erf\u00fcllen mein Geschick.<br \/>\n&#8211; Erf\u00fclle du auch deines. Greife frisch zum Schwert,<br \/>\nUnd um des Lebens s\u00fc\u00dfe Beute k\u00e4mpfen wir.<\/p>\n<p>Auch hier ein ruhiger Beginn, bestenfalls ein Zeilensprung w\u00e4re erw\u00e4hnenswert; aber dann diese beiden Verse:<\/p>\n<p>Muss ich <em>hier<\/em>, ich <em>muss<\/em>, mich treibt die G\u00f6tterstimme, nicht<br \/>\nEignes Gel\u00fcsten &#8211; <em>euch<\/em> zu bittrem Harm, <em>mir<\/em> nicht<br \/>\n(zur Freude, &#8230;)<\/p>\n<p>Hier l\u00f6st sich, dem Inhalt und Johannas Gem\u00fctszustand entsprechend, der Grundaufbau des Trimeters fast auf! &#8222;Muss ich&#8220; ist eine zweisilbige Eingangssenkung, die erste Betonung ist das herausgehobene &#8222;hier&#8220;; dann folgt ein scharfer Zeilensprung, der das &#8222;nicht&#8220; noch einmal heraushebt. Der zweite Vers beginnt mit einer versetzten Betonung, statt &#8222;x X x X x&#8220; geht es bis zum Einschnitt &#8222;X x x X x&#8220;, &#8222;<strong>Eig<\/strong>nes Ge<strong>l\u00fcs<\/strong>ten&#8220;! Schlie\u00dflich das herausgehobene &#8222;mir&#8220; am Ende: alle bisherigen Heraushebungen waren betonte Silben, hier wird jetzt eine eigentlich unbetonte Silbe ausgezeichnet und muss daher vom Sprecher verst\u00e4rkt vorgetragen werden; es entsteht also gleichsam ein &#8222;Spond\u00e4us&#8220; am Versende, denn &#8222;nicht&#8220; ist keinesfalls unbetont: &#8222;<strong>mir nicht<\/strong>&#8222;, &#8222;X X&#8220;!<br \/>\nNach diesem Ausbruch beruhigt sich der Vers wieder und findet in sein regelm\u00e4\u00dfiges &#8222;Auf und Ab&#8220; zur\u00fcck; auch die Zeilenspr\u00fcge sind weniger hart.<\/p>\n<p>Wobei diese &#8222;doppelt besetzte Eingangssenkung&#8220; ein klein wenig gef\u00e4hrlich ist, den der Leser muss sie ja auch sehen und hat an dieser Stelle &#8211; links steht nichts! &#8211; weniger Halt daf\u00fcr als im Versinneren. Da kommt die zweisilbige Senkung auch vor bei Schiller, gleich im Anschluss! Montgomerry ist gefallen, Johanna ergreift noch einmal das Wort:<\/p>\n<p>In Mitleid schmilzt die Seele und die Hand erbebt,<br \/>\nAls br\u00e4che sie in eines Tempels heil&#8217;gen Bau,<br \/>\nDen bl\u00fchenden Leib des Gegners zu verletzen,<br \/>\nSchon vor des Eisens blanker Schneide schaudert mir,<br \/>\nDoch wenn es Not tut, alsbald ist die Kraft mir da,<br \/>\nUnd nimmer irrend in der zitternden Hand regiert<br \/>\nDas Schwert sich selbst, als w\u00e4r es ein lebend&#8217;ger Geist.<\/p>\n<p>&#8222;bl\u00fchenden&#8220;, &#8222;zitternden&#8220; (sehr sinnig) sind zwei Beispiele f\u00fcr eine doppelt besetzte Innensenkung. Das Schiller die schon ganz bewusst gesetzt hat, l\u00e4sst sich auch vermuten angesichts der verk\u00fcrzten &#8222;heil&#8217;gen&#8220; und &#8222;lebend&#8217;gen&#8220;?!<\/p>\n<p>Bemerkenswert noch:<\/p>\n<p><em>Den bl\u00fchenden Leib des Gegners zu verletzen,<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Dieser Vers ist au\u00dferdem auch noch f\u00fcnfhebig, und endet auf eine unbetonte Silbe! Eigentlich also ein Blankvers inmitten all der Trimeter. Oder eben, durch die Umgebung bedingt, ein stark aufgelockerter Trimeter; wie mans sehen will &#8230;<\/p>\n<p>Auf jeden Fall ganz starke Verse meiner Meinung nach! Und Schiller hat der Trimeter auch sehr zugesagt; aber er ist als Vers eben doch weniger beweglich und anpassungsf\u00e4hig als der Blankvers und hat sich auch darum als Dramenvers nicht durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben der &#8222;antiken Auflockerung Spond\u00e4us&#8220; , die im letzten Beitrag vorgestellt wurde, besitzt der Trimeter noch einige andere M\u00f6glichkeiten, das starre &#8222;Auf und Ab&#8220; zu mildern. Allerdings werden diese M\u00f6glichkeiten sehr sparsam eingesetzt &#8211; kein Vergleich etwa zum Blankvers! Es m\u00fcssen schon besondere Umst\u00e4nde vorliegen, wenn derlei geh\u00e4uft auftreten soll. Als Beispiel habe ich &#8222;Kriegerisches&#8220;&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=348\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der iambische Trimeter (5)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-348","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/348","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=348"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/348\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":349,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/348\/revisions\/349"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=348"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=348"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=348"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}