{"id":3622,"date":"2014-12-25T01:36:36","date_gmt":"2014-12-24T23:36:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3622"},"modified":"2014-12-25T16:54:32","modified_gmt":"2014-12-25T14:54:32","slug":"erzaehlformen-das-sonett-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3622","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Sonett (11)"},"content":{"rendered":"<p>Im wesentlichen gilt das, was der gestrige Eintrag zum dreiteiligen Bau vieler alter Lieder gesagt hat, auch f\u00fcr das Sonett: Ein Aufgesang aus zwei Stollen (V1-V4, V5-V8), ein Abgesang, l\u00e4nger als ein Stollen, aber k\u00fcrzer als der Aufgesang (V9-V14); die Reime des Abgesangs sind neu, ihre Anordnung unterscheidet sich von der Reimanordnung des Aufgesangs (an diesem Bau \u00e4ndern die drei Leerzeilen, mit denen ein Sonett heute dargestellt wird, nicht wirklich etwas!) Passend zum Tage soll das vor Augen f\u00fchren ein Sonett von Hermann Kurz:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weihnachten<\/strong><\/p>\n<p>Am schmucken Baume flimmern hundert Kerzen,<br \/>\nMit lichtem Blick, mit Jauchzen h\u00fcpft der Knabe<br \/>\nUnd mustert halb im Traume seine Habe;<br \/>\nSelbst Alte lockt der Glanz zu frischen Scherzen.<\/p>\n<p>Mein Auge, sollte dich die Helle schmerzen?<br \/>\nDenkst du, o Herz, an manche sch\u00f6ne Gabe<br \/>\nVon ihnen, die da schlummern in dem Grabe?<br \/>\nMahnt dich dies Fest an zwei gebrochne Herzen?<\/p>\n<p>Frisch, Seele! deiner eignen Weihnacht denke,<br \/>\nWie eine Flamme festlich dich durchdrang,<br \/>\nWie dich begr\u00fc\u00dften himmlische Geschenke,<\/p>\n<p>Der Sonnengeist einzog durch alle Tore,<br \/>\nUnd jenes schmerzlich stolze Lied erklang,<br \/>\nDas Opferlied: Anch&#8216; io sono pittore!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Vielleicht kein wirklich gro\u00dfes Gedicht, aber doch eins, in das man hineinschauen kann &#8230; Ziemlich klassisch im Aufbau kommt es daher, eines der Sonette, f\u00fcr die man den so oft geforderten und so selten verwirklichten &#8222;These-Antithese-Synthese&#8220;-Aufbau vielleicht wirklich einmal gelten lassen darf; und eines, dessen Reime zu denken geben!<\/p>\n<p>V1 schlie\u00dft mit &#8222;Kerzen&#8220;; wenn dieses Wort als Reim in den Quartetten auftaucht, wei\u00df man als Sonett-Leser sofort, was folgen wird: &#8222;Herzen, Schmerzen, Scherzen&#8220;. Sicher, da g\u00e4be es auch &#8222;Terzen&#8220; oder &#8222;Nerzen&#8220;, aber das w\u00e4re eine ziemliche \u00dcberraschung &#8211; die Frage ist ab dem Ende von V1 eigentlich nicht mehr das &#8222;Was&#8220;, sondern nur noch das &#8222;Wie&#8220;: die Bez\u00fcge und die Reihenfolge!<\/p>\n<p>Kurz ordnet an, wie zu lesen ist. Bemerkenswert, wie das &#8222;Herz&#8220; im Inneren von V6 anklingt, ehe die &#8222;Herzen&#8220; in V8 die Quartette \/ den Aufgesang schlie\u00dfen, w\u00e4hrend das &#8222;schmerzlich&#8220;, V13, das &#8222;Schmerzen&#8220; aus V5 im Vers noch einmal aufnimmt.<\/p>\n<p>Den zweiten Reim der Quartette legt &#8222;Knabe&#8220; fest; und da ist nicht ganz so klar, wie es weitergehen wird. Von daher ist die Hinwendung zu &#8222;Grabe&#8220; vielleicht eine kleine \u00dcberraschung, erst recht in einem Weihnachtsgedicht, das ja auch &#8222;weihnachtsstimmig&#8220; einsetzte?!<\/p>\n<p>Immerhin hat Kurz so eine Reihe von Weihnachts-Sonetten begonnen, in denen andere Dichter Weihnachten mit dem Tod in Verbindung gebracht haben &#8211; ein Beispiel w\u00e4re Paul Heyse, in dessen Gedichten sich im Abschnitt &#8222;Meinen Toten&#8220; unter &#8222;Weihnachten in Rom&#8220; drei Sonette solchen Inhalts finden: &#8222;Drei Kinder in der Ferne, drei begraben&#8220; sagt ein Quartett-Vers des ersten Sonetts, die anderen\u00a0 Reimworte sind, wie bei Kurz, &#8222;-gaben&#8220;, &#8222;haben&#8220; (das Verb) und &#8222;Knaben&#8220;!<\/p>\n<p>Im zweiten Terzett schlie\u00dflich reimt Kurz W\u00f6rter aus verschiedenen Sprachen. Das ist dann sicher vollst\u00e4ndig unerwartet, andererseits aber schon beim Einsetzen des bekannten Zitats sicher. &#8222;Auch ich bin Maler!&#8220; soll Correggio gerufen haben, als er vor einem Bild Raffaels stand; das ist, zum Guten\u00a0 oder Schlechten des Sonetts, allerdings eine Gewichtsklasse, in die Kurz bei weitem nicht geh\u00f6rt &#8230; Aber gut:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies Lied hat schroffe Z\u00fcge, und es ist,<br \/>\nAls reihten sich Felsbl\u00f6cke aneinander<br \/>\nZu Strichen eines Bildes, &#8211; aber doch,<br \/>\nWenn auch nicht mir, ist&#8217;s meinem Schatten \u00e4hnlich.<br \/>\nJa mancher einzle Zug trifft zu und malt<br \/>\nMir seltsam l\u00e4ngst vergessne Wirklichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das sind sechs Blankverse von Kurz, aus einem ganz anderen Text; die hier als Schlusswort stehen m\u00f6gen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im wesentlichen gilt das, was der gestrige Eintrag zum dreiteiligen Bau vieler alter Lieder gesagt hat, auch f\u00fcr das Sonett: Ein Aufgesang aus zwei Stollen (V1-V4, V5-V8), ein Abgesang, l\u00e4nger als ein Stollen, aber k\u00fcrzer als der Aufgesang (V9-V14); die Reime des Abgesangs sind neu, ihre Anordnung unterscheidet sich von der Reimanordnung des Aufgesangs (an&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3622\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Das Sonett (11)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3622","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3622","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3622"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3622\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3634,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3622\/revisions\/3634"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3622"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3622"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3622"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}