{"id":365,"date":"2013-12-27T22:06:39","date_gmt":"2013-12-27T20:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=365"},"modified":"2013-12-27T22:06:39","modified_gmt":"2013-12-27T20:06:39","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=365","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (13)"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt eine kleine Schwierigkeit beim Vorstellen von verserz\u00e4hlenden Texten: Ihre L\u00e4nge. Wenn wirklich erz\u00e4hlt werden soll, m\u00fcssen die Texte einen gewissen Umfang haben; dann passen sie aber nicht mehr recht in die hier gew\u00e4hlte Art der Darstellung &#8211; ein Blog-Beitrag mit mehreren hundert Versen wirkte eigenartig? Ich gehe da im weiteren einen MIttelweg und stelle viele Blankvers-Texte ein, die zwischen 50 und 100 Verse lang sind; oder Ausschnitte dieser L\u00e4nge!<\/p>\n<p>Den Anfang macht ein zu Recht bekannter Text Theodor Fontanes, &#8222;Fritz Katzfu\u00df&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fritz Katzfu\u00df war ein siebzehnj\u00e4hr&#8217;ger Junge,<br \/>\nRothaarig, sommersprossig, etwas faul,<br \/>\nUnd stand in Lehre bei der Witwe Marzahn,<br \/>\nDie geizig war und einen Laden hatte,<br \/>\nDrin Hering, Schlackwurst, Datteln, Schweizerk\u00e4se,<br \/>\nSamt Pumpernickel, Lachs und Apfelsinen<br \/>\nEin friedlich Dasein miteinander f\u00fchrten.<br \/>\nUnd auf der hohen, etwas schmalen Leiter,<br \/>\nMit ihren halb schon weggetretnen Sprossen,<br \/>\nSprang unser Katzfu\u00df, wenn die M\u00e4dchen kamen<br \/>\nUnd Soda, Waschblau, Grie\u00df, Korinthen wollten,<br \/>\nGesch\u00e4ftig hin und her.<br \/>\nJa, sprang er wirklich?<br \/>\nDie Wahrheit zu gestehn, das war die Frage.<br \/>\nDie M\u00e4dchen, deren Schatz oft drau\u00dfen passte,<br \/>\nVermeinten ganz im Gegenteil, er &#8222;n\u00f6le&#8220;,<br \/>\nSei wie verbiestert und durchaus kein &#8222;Katzfu\u00df&#8220;.<br \/>\nIm Laden, wenn Frau Marzahn auf ihn passe,<br \/>\nDa ging&#8216; es noch, wenn auch nicht grad&#8216; aufs beste,<br \/>\nDas Schlimme k\u00e4m&#8216; erst, wenn er wegen Selter-<br \/>\nUnd Sodawasser in den Keller m\u00fcsse,<br \/>\nDas sei dann manchmal gradzu zum Verzweifeln,<br \/>\nUnd w\u00e4r&#8216; er nicht solch herzensguter Junge,<br \/>\nDer nie was sage, nie zu wenig gebe,<br \/>\nJa, meistens, dass die Waagschal&#8216; \u00fcberklappe,<br \/>\nSo w\u00e4r&#8217;s nicht zu beleben.<br \/>\nUnd nicht besser<br \/>\nKlang, was die Herrin selber von ihm sagte,<br \/>\nDie Witwe Marzahn. &#8222;Wo der dumme Junge<br \/>\nNur immer steckt? Hier vorne muss er flink sein,<br \/>\nDoch soll er \u00fcbern Hof und auf den Boden,<br \/>\nSo dauert&#8217;s ewig, und ist gar Geburtstag<br \/>\nVon Kaiser Wilhelm oder Sedanfeier<br \/>\nUnd soll der Stock&#8216; raus mit der preu\u00df&#8217;schen Fahne<br \/>\n(Mein sel&#8217;ger Marzahn war nicht f\u00fcr die deutsche),<br \/>\nFritz darf nicht &#8218;rauf &#8211; denn bis Dreiviertelstunden<br \/>\nIst ihm das Mind&#8217;ste.&#8220;<br \/>\nSo sprach Witwe Marzahn.<br \/>\nUnd kurz und gut, Fritz Katzfu\u00df war ein R\u00e4tsel,<br \/>\nUnd nur das Eine war noch r\u00e4tselvoller,<br \/>\nDass, wie&#8217;s auch drohn und donnerwettern mochte,<br \/>\nJa, selbst wenn Blitz und Schlag zusammenfielen,<br \/>\nDass Fritz nie maulte, greinte, w\u00fctend wurde;<br \/>\nNein, unver\u00e4ndert blieb sein stilles L\u00e4cheln<br \/>\nUnd schien zu sagen: &#8222;Arme Kreaturen,<br \/>\nIhr glaubt mich dumm, ich bin der \u00dcberlegne.<br \/>\nKramladenlehrling! Eure Welt ist Kram,<br \/>\nUnd wenn ihr Waschblau fordert oder St\u00e4rke,<br \/>\nBlaut zu, so viel ihr wollt. Mein Blau der Himmel.&#8220;<\/p>\n<p>So ging die Zeit, und Fritz war wohl schon siebzehn<br \/>\nEin Oxhoft Apfelwein war angekommen<br \/>\nUnd lag im Hof. Von da sollt&#8217;s in den Keller.<br \/>\nFritz schlang ein Tau herum, und weil die Hitze<br \/>\nGro\u00df war und dr\u00fcckend, was er wenig liebte,<br \/>\nSo warf er seinen Shirting-Rock beiseite,<br \/>\nNicht recht geschickt, so dass der Kragenh\u00e4ngsel<br \/>\nNach unten hing. Und aus der Vordertasche<br \/>\nGlitt was heraus und fiel zur Erde. Lautlos.<br \/>\nFritz merkt&#8216; es nicht. Die Witwe Marzahn aber<br \/>\nSchlich sich heran und nahm ein Buch (das war es)<br \/>\nVom Boden auf und sah hinein: &#8222;Gedichte.<br \/>\nGedichte, erster Teil, von Wolfgang Goethe.&#8220;<br \/>\nZerlesen war&#8217;s und schlecht und abgesto\u00dfen<br \/>\nUnd Zeichen eingelegt: ein Endchen Strippe,<br \/>\nBriefmarkenr\u00e4nder, und als dritt&#8216; und letztes<br \/>\n(Zu glauben kaum) ein Streifen Schlackwurstpelle.<br \/>\nDie Seiten links und rechts befleckt, befettet,<br \/>\nUnd oben stand, nun was? stand &#8222;Mignonlieder&#8220;,<br \/>\nUnd Witwe Marzahn las: &#8222;Dahin, dahin<br \/>\nM\u00f6cht&#8216; ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.&#8220;<\/p>\n<p>Nun war es klar. Um so was tr\u00e4g und langsam,<br \/>\nUm Goethe, Verse, Mignon.<br \/>\nArmer Lehrling,<br \/>\nIch wei\u00df dein Schicksal nicht, nur eines wei\u00df ich:<br \/>\nWie dir die Lehrzeit hinging bei Frau Marzahn,<br \/>\nGing mir das Leben hin. Ein Band von Goethe<br \/>\nBlieb mir bis heut mein bestes Wehr und Waffen,<br \/>\nUnd wenn die Witwe Marzahns mich gepeinigt<br \/>\nUnd dumme Dinger, die nach Waschblau kamen,<br \/>\nMich langsam fanden, kicherten und lachten,<br \/>\nIch l\u00e4chelte, grad&#8216; so wie du gel\u00e4chelt,<br \/>\nFritz Katzfu\u00df, du mein Ideal, mein Vorbild.<br \/>\nDer Band von Goethe gab mir Kraft und Leben,<br \/>\nVielleicht auch D\u00fcnkel. All genau dasselbe,<br \/>\nNur andres Haar und &#8211; keine Sommersprossen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt eine kleine Schwierigkeit beim Vorstellen von verserz\u00e4hlenden Texten: Ihre L\u00e4nge. Wenn wirklich erz\u00e4hlt werden soll, m\u00fcssen die Texte einen gewissen Umfang haben; dann passen sie aber nicht mehr recht in die hier gew\u00e4hlte Art der Darstellung &#8211; ein Blog-Beitrag mit mehreren hundert Versen wirkte eigenartig? 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