{"id":3676,"date":"2015-01-02T00:23:06","date_gmt":"2015-01-01T23:23:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3676"},"modified":"2015-01-02T00:51:02","modified_gmt":"2015-01-01T23:51:02","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-87","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3676","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (87)"},"content":{"rendered":"<p>Um 1740 machte sich unter den deutschen Dichtern eine gewisse Unzufriedenheit breit in Bezug auf den Alexandriner, der lange Zeit einer der am meisten benutzten Verse gewesen war: man empfand ihn zumehmend als starr und unbeweglich und schaute sich nach M\u00f6glichkeiten um, Verse weniger einf\u00f6rmig und schwungvoller zu gestalten.<\/p>\n<p>Am Ende landete man beim Hexameter; aber der Ausgangspunkt der Bem\u00fchungen war trotz allem der Alexandriner! Der ist ein Reimvers und sieht bekanntlich so aus:<\/p>\n<p>x X \/ x X \/ x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x X \/ (x)<\/p>\n<p>Also ein sechshebiger Iambus mit zw\u00f6lf oder dreizehn Silben und einem festen Einschnitt nach der sechsten\u00a0 Silbe. Dieses recht starre Schema begann man nun aufzulockern; am weitesten ging dabei Ewald von Kleist.<\/p>\n<p>Kleist lie\u00df den Reim fallen, der Vers endet bei ihm immer weiblich (mit einer unbetonten Silbe); und er f\u00fcllte die Senkungsstellen entweder mit einer oder mit zwei unbetonten Silben! Die in der Versmitte zumindest; der Auftakt blieb einsilbig, und die sechste Senkung wurde immer zweisilbig besetzt. Damit sieht der Vers so aus:<\/p>\n<p>x X \/ x (x) X \/ x (x) X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x (x) X \/ x (x) X \/ x\u00a0 x X \/ x<\/p>\n<p>Vier Verse aus Kleists zu seiner Zeit sehr bekanntem &#8222;Fr\u00fchling&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf fernen Wiesen am See stehn majest\u00e4tische Rosse,<br \/>\nSie werfen den Nacken empor und fliehn und wiehern f\u00fcr Wollust,<br \/>\nDass Hain und Felsen erschallt. Gefleckte K\u00fche durchwaten,<br \/>\nGef\u00fchrt vom ernsthaften Stier, des Meyerhofs b\u00fcschichte S\u00fcmpfe<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf <strong>fer<\/strong>&#8211; \/ nen <strong>Wie<\/strong>&#8211; \/ sen am <strong>See<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> stehn <strong>ma<\/strong>&#8211; \/ jes<strong>t\u00e4<\/strong>&#8211; \/ tische <strong>Ros<\/strong>&#8211; \/ se,<br \/>\nx X \/ x X \/ x x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x x X \/ x<\/p>\n<p>Sie <strong>wer<\/strong>&#8211; \/ fen den <strong>Nack<\/strong>&#8211; \/ en em<strong>por<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und <strong>fliehn<\/strong> \/ und <strong>wie<\/strong>&#8211; hern f\u00fcr <strong>Woll<\/strong>&#8211; \/ lust,<br \/>\nx X \/ x x X \/ x x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x x X \/ x<\/p>\n<p>Dass <strong>Hain<\/strong> \/ und <strong>Fel<\/strong>&#8211; \/ sen er<strong>schallt<\/strong>. <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Ge<strong>fleck<\/strong>&#8211; \/ te <strong>K\u00fc<\/strong>&#8211; \/ he durch<strong>wa<\/strong>&#8211; \/ ten,<br \/>\nx X \/ x X \/ x x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x x X \/ x<\/p>\n<p>Ge<strong>f\u00fchrt<\/strong> \/ vom <strong>ernst<\/strong>&#8211; \/ haften <strong>Stier<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> des <strong>Mey<\/strong>&#8211; \/ erhofs <strong>b\u00fc<\/strong>&#8211; \/ schichte <strong>S\u00fcm<\/strong>&#8211; \/ pfe<br \/>\nx X \/ x X \/ x x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x x X \/ x x X \/ x<\/p>\n<p>Das klingt schon ziemlich hexametrisch?! Die unbetonte Anfangssilbe macht keinen wirklichen Unterschied; der feste Einschnitt in der Versmitte aber schon, denn der ist beim Hexameter ja sehr beweglich! Aber auch hier hat sich Kleist etwas ausgedacht:<\/p>\n<p>Wenn die vierte Senkung zweisilbig besetzt ist, rutscht der Einschnitt hinter die erste der beiden unbetonten Silben! Drei Beispielverse:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Du drohst den St\u00fcrmen, sie schweigen, ber\u00fchrst die Berge, sie rauchen,<br \/>\nDas Heulen aufr\u00fchrischer Meere, die zwischen w\u00e4ssernen Felsen<br \/>\nDen Sand des Grundes entbl\u00f6ssen, ist deiner Herrlichkeit Loblied.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Du <strong>drohst<\/strong> \/ den <strong>St\u00fcr<\/strong>&#8211; \/ men, sie <strong>schwei<\/strong>&#8211; \/ gen, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> be<strong>r\u00fchrst<\/strong> \/ die <strong>Ber<\/strong>&#8211; \/ ge, sie <strong>rau<\/strong>&#8211; \/ chen,<br \/>\nx X \/ x X \/ x x X \/ x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x x X \/ x<\/p>\n<p>Das <strong>Heu<\/strong>&#8211; \/ len auf<strong>r\u00fch<\/strong>&#8211; \/ rischer <strong>Mee<\/strong>&#8211; \/ re, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> die <strong>zwisch<\/strong>&#8211; \/ en <strong>w\u00e4ss<\/strong>&#8211; \/ ernen <strong>Fel<\/strong>&#8211; \/ sen<br \/>\nx X \/ x x X \/ x x X \/ x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x x X \/ x<\/p>\n<p>Den <strong>Sand<\/strong> \/ des <strong>Grun<\/strong>&#8211; \/ des ent<strong>bl\u00f6s<\/strong>&#8211; \/ sen, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ist <strong>dei<\/strong>&#8211; \/ ner <strong>Herr<\/strong>&#8211; \/ lichkeit <strong>Lob<\/strong>&#8211; \/ lied.<br \/>\nx X \/ x X \/ x x X \/ x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X \/ x X \/ x x X \/ x<\/p>\n<p>&#8211; Werden jetzt diese beiden Einschitte bunt gemischt, gewinnt der Vers noch mehr \u00c4hnlichkeit mit dem Hexameter!<\/p>\n<p>Gar nicht mal so selten geht Kleist sogar den Schritt zu einem richtigen Hexameter, was meint: er schreibt einen Vers, der in einem &#8222;hexametrischen Umfeld&#8220; ohne Bedenken als Hexameter verstanden w\u00fcrde. Das geschieht immer dann, wenn die erste, im Silbenbild unbetonte Silbe ein einsilbiges Wort von einigem Gewicht ist; folgt dahinter ein weiterer Einsilber, der recht leicht ist, kann die Betonung nach vorn rutschen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zeigt sich voll laufender Wolken der Himmel und ferne Gefilde<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zeigt<\/strong> sich voll \/ <strong>lau<\/strong>fender \/ <strong>Wol<\/strong>ken <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> der \/ <strong>Him<\/strong>mel und \/ <strong>fer<\/strong>ne Ge- \/ <strong>fil<\/strong>de<br \/>\nX x x \/ X x x \/ X x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x \/ X x x \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>&#8211; Das fiele in keinem Hexameter-Text dieser Welt auf &#8230; Aber es gibt sogar noch st\u00e4rker zum Hexameter hinklingende Verse, n\u00e4mlich dann, wenn zu dieser auf die Anfangsilbe rutschenden Betonung ein schwacher Verseinschnitt kommt, der von einem starken Satzeinschnitt \u00fcbert\u00f6nt wird; wodurch die Z\u00e4sur vom letzteren gebildet wird!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Setzt \u00fcber Kl\u00fcfte, Gew\u00e4sser und Rohr. Mor\u00e4ste vermissen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Setzt<\/strong> \u00fcber \/ <strong>Kl\u00fcf<\/strong>te, Ge- \/ <strong>w\u00e4s<\/strong>ser und \/ <strong>Rohr<\/strong>. <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Mo- \/ <strong>r\u00e4s<\/strong>te ver- \/ <strong>mis<\/strong>sen<br \/>\nX x x \/ X x x \/ X x x \/ X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>&#8211; Der Verseinschnitt liegt vor &#8222;und&#8220;, aber den h\u00f6rt man nun wirklich nicht? Ein lupenreiner Hexameter mit Z\u00e4sur im vierten Fu\u00df &#8230;<\/p>\n<p>Es ist schon eigenartig, wie sich die Dichter dieser Zeit vom Alexandriner vorgearbeitet haben in Richtung auf den Hexameter hin; den dann Klopstock in seinem Messias mit einem Schlag in die deutsche Dichtung hineinhob! Er war zu seinem Vers \u00fcber das Beispiel des antiken Hexameters gekommen, und der Messias war so eindrucks- und wirkungsvoll, dass der dabei benutzte Vers sofort anerkannt wurde.<\/p>\n<p>Ewald von Kleist hatte seinen &#8222;Fr\u00fchling&#8220; fr\u00fcher vollendet als Klopstock den &#8222;Messias&#8220;; gedruckt worden ist er allerdings sp\u00e4ter, und der von ihm verwendete Vers hat so keine Nachahmer gefunden, wenn Klopstock selbst auch recht angetan war von diesem &#8222;aufgel\u00f6sten Alexandriner&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00e4re es anders gekommen, h\u00e4tte Kleist seinen Text zuerst ver\u00f6ffentlicht?! Ich denke mal, nein; daf\u00fcr war ihm Klopstock als Dichter einfach zu weit voraus. Aber lesenswert ist der &#8222;Fr\u00fchling&#8220; trotzdem! Manchmal ein wenig dr\u00f6ge, mit einigem Leerlauf, das sicher; aber auch immer wieder mit sch\u00f6nen, ausdrucksstarken und einpr\u00e4gsamen Versen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um 1740 machte sich unter den deutschen Dichtern eine gewisse Unzufriedenheit breit in Bezug auf den Alexandriner, der lange Zeit einer der am meisten benutzten Verse gewesen war: man empfand ihn zumehmend als starr und unbeweglich und schaute sich nach M\u00f6glichkeiten um, Verse weniger einf\u00f6rmig und schwungvoller zu gestalten. Am Ende landete man beim Hexameter;&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3676\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (87)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3676","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3676","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3676"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3676\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3681,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3676\/revisions\/3681"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3676"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3676"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3676"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}