{"id":3702,"date":"2015-01-07T00:31:19","date_gmt":"2015-01-06T23:31:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3702"},"modified":"2015-01-07T11:33:41","modified_gmt":"2015-01-07T10:33:41","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-88","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3702","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (88)"},"content":{"rendered":"<p>Hexameter und Reimverse unterscheiden sich sehr voneinander; wie gro\u00df dieser Unterschied wirklich ist, erkennt man eigentlich erst, wenn beide unmittelbar aufeinandertreffen. Ein Beispiel daf\u00fcr ist Josef Franz Ratschkys &#8222;Der Kakod\u00e4mon der Hexametromanie&#8220;, ein etwas l\u00e4ngeres Erz\u00e4hlst\u00fcck, das in ganz schlichten, gereimten Vierhebern einsetzt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>J\u00fcngst, als ich, wie ich \u00f6fters pflege,<br \/>\nMich fern vom L\u00e4rm der Stadt erging,<br \/>\nUnd einsam wandelnd Grillen fing,<br \/>\nStie\u00df pl\u00f6tzlich mir auf meinem Wege<br \/>\nEin wunderliches Wesen auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Der im Titel genannte D\u00e4mon! Er ist, wie einige Verse sp\u00e4ter klar wird, von wunderlichem Aussehen, dabei aber &#8222;hexametergerecht&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Des Ungeheuers K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe<br \/>\nWar schrecklich; denn man sagt, es esse<br \/>\nTagt\u00e4glich hundert Schock Spond\u00e4&#8217;n,<br \/>\nDie, wie bekannt, gewaltig bl\u00e4hn.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nSechs F\u00fc\u00dfe, die oft ungew\u00f6hnlich<br \/>\nAnschwollen, oft sich, Stelzen \u00e4hnlich,<br \/>\nVerd\u00fcnnten, hatte die Gestalt,<br \/>\nWorauf sie \u00fcber Z\u00e4un&#8216; und Hecken,<br \/>\nDer Gemse gleich, bald sprang und bald,<br \/>\nSich m\u00fchsam schleppend, kroch wie Schnecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Ich&#8220; f\u00fcrchtet um Leib und Leben und bittet um Schonung; worauf der D\u00e4mon zu reden beginnt, und das selbstverst\u00e4ndlich &#8211; in Hexametern!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Bebe nur, feiges Gesch\u00f6pf! Du des Staubes verworfner Bewohner,<br \/>\nBebe! Denn wisse, du siehst vor dir den gewaltigen D\u00e4mon,<br \/>\nDem das r\u00fcstige Volk teutonischer Hexametristen<br \/>\nHuldigt und den du, dein Ohr an dem Schellengeklingel des Reimes<br \/>\nLabend, noch stets dich erfrechst mit frevelndem Trotz zu verschm\u00e4hen.<br \/>\nMir, dem&#8217;s gelang, das eiserne Joch des grammatischen Zwanges<br \/>\nDurch herkulischen Mut vom Nacken der Sprache zu w\u00e4lzen,<br \/>\nDer ich das Adjektiv dem Substantive zu folgen<br \/>\nN\u00f6tigte, der ich das sonst ins Hintertreffen verwiesne<br \/>\nZeitwort, k\u00fchn das Gesetz der Taktik Adelungs \u00e4ndernd,<br \/>\nNun in das Zentrum hinein beorderte, mir, der dies alles<br \/>\nUnd wohl noch mehr zum Erstaunen der Welt ruhmw\u00fcrdig vollbrachte,<br \/>\nMir erdreistest du dich, des Gehorsams Pflicht zu verweigern?<br \/>\nT\u00f6richter! Noch ist es Zeit, dich reuig der Schuld zu entladen.<br \/>\nSchw\u00f6r im B\u00fc\u00dfergewand die irrige Lehre des Reims ab,<br \/>\nUnd dann komm und folge mir nach! Mit dem Fluge des Aars hebt<br \/>\nEilig mein stets gesattelter Sphinx dich empor von der Erde<br \/>\nZu den wolkichten H\u00f6hn des hexameterischen Pindus.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Auch wenn diese Verse vieles aufspie\u00dfen, was schlechte Hexameter ausmacht &#8211; sie selbst sind dabei gar nicht mal schlecht?! (&#8222;Adelung&#8220; war ein damals &#8211; der Text entstand 1797 &#8211; ber\u00fchmter Grammatiker.) Aber &#8222;Ich&#8220; ist nicht zu \u00fcberzeugen, und der Text f\u00e4llt entsprechend zur\u00fcck in die gereimten Vierheber:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dieser stolzen Rede machte<br \/>\nDer Kobold alsobald sich fort,<br \/>\nUnd ich, mich fassend, \u00fcberdachte,<br \/>\nWas er gesprochen, Wort f\u00fcr Wort:<br \/>\nAllein ich f\u00fchlte kein Behagen,<br \/>\nDen Ritt auf seinem Sphinx zu wagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie gesagt: Das Nebeneinander der beiden Versarten &#8211; hier der &#8222;Klangvers&#8220;, dort der &#8222;Bewegungsvers&#8220; &#8211; ist schon sehr deutlich und aufschlussreich. Vielleicht vesteht sich dann auch besser, warum man diese beiden grundlegegenden Ordungsarten besser nicht vermischt, also Hexameter nicht reimen sollte?<\/p>\n<p>Aber zum Schluss soll noch einmal das sich (scheinbar) bescheidende &#8222;Ich&#8220; zu Wort kommen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir, dacht ich, ist ein Fleckchen Erde<br \/>\nGer\u00e4umig gnug zu einem Ritt<br \/>\nAuf meinem kleinen Dichterpferde,<br \/>\nDem ich, damit es zahmer werde,<br \/>\nDie Fl\u00fcgel vorsichtsvoll beschnitt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hexameter und Reimverse unterscheiden sich sehr voneinander; wie gro\u00df dieser Unterschied wirklich ist, erkennt man eigentlich erst, wenn beide unmittelbar aufeinandertreffen. Ein Beispiel daf\u00fcr ist Josef Franz Ratschkys &#8222;Der Kakod\u00e4mon der Hexametromanie&#8220;, ein etwas l\u00e4ngeres Erz\u00e4hlst\u00fcck, das in ganz schlichten, gereimten Vierhebern einsetzt: &nbsp; J\u00fcngst, als ich, wie ich \u00f6fters pflege, Mich fern vom L\u00e4rm&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3702\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (88)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-3702","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3702"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3702\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3706,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3702\/revisions\/3706"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3702"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}