{"id":3806,"date":"2015-01-28T01:09:06","date_gmt":"2015-01-28T00:09:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=3806"},"modified":"2015-01-28T01:13:11","modified_gmt":"2015-01-28T00:13:11","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-91","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=3806","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (91)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ludwig Kosegartens &#8222;Hymne an das Eisen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>In Kosegartens Gedichtsammlung machen die Hymnen den Anfang, und wenn man die \u00dcberschriften \u00fcberfliegt, f\u00e4llt erst einmal nichts besonderes auf: &#8222;Hymne an die Sch\u00f6nheit&#8220;, &#8222;Hymne an die Liebe&#8220;, &#8222;Hymne an die Tugend&#8220;, &#8222;Hymne an die Natur&#8220; &#8211; nichts, was man von Kosegarten und seiner Zeit nicht erwarten w\u00fcrde. Doch dann stutzt man: Das n\u00e4chste St\u00fcck ist die &#8222;Hymne an das Eisen&#8220;! Das ist doch ein Thema, das absticht, und ein Grund, sich das Werk einmal n\u00e4her anzusehen &#8230;<\/p>\n<p>Los geht es, in dem f\u00fcr einen Hymnus typischen feierlichen Ton:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heil dir, Mark der Natur, der gabenspendenen Erde<br \/>\nStilles Erzeugnis, doch gro\u00df an Kraft und herrlich an Taten.<br \/>\nNimmer r\u00fchmt&#8216; ich das Gold, und dein, jungfr\u00e4uliches Silber,<br \/>\nDacht&#8216; ich nimmer im Liede. Dir aber, Preis der Metalle,<br \/>\nWill ich Ehre verleihn, und deine Tugenden singen.<br \/>\nHeil dir, \u00e4ltestes Kind der Geb\u00fcrg! und ihr edelstes Kleinod,<br \/>\nErstgeborner im Reiche der vielgestalteten Erze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine handwerklich ordentliche Einleitung, finde ich &#8211; lediglich das &#8222;Dir aber&#8220; in V4, wo man das &#8222;Dir&#8220; gerne betonen w\u00fcrde und doch unbetont lassen muss, st\u00f6rt etwas?! In V3 gibt es einen geschleiften Spond\u00e4us zu bewundern.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf spricht Kosegarten nun die verschiedenen Formen und Funktionen an, die Eisen in der Natur und in der Welt der Menschen aufweist. Das Eisen in der Erde, etwa:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bald gel\u00fcstet es dich, als Druse zu blinken. Bescheidner<br \/>\nBirgst du ein anderes Mal dich in unscheinbarer Stuffe;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hm. Was eine &#8222;Druse&#8220; ist, wusste ich noch (&#8222;mit Kristallen gef\u00fcllter Hohlraum im Gestein&#8220;), aber bei der &#8222;Stuffe&#8220;, normal &#8222;Stufe&#8220;, bin ich arg unsicher &#8211; die allgemeine heutige Bedeutung scheint &#8222;erzhaltiges Gestein&#8220; zu sein, was ja passen w\u00fcrde, aber die alten Lexika weichen davon teils stark ab&#8230; Versbautechnisch gesehen ist &#8222;-barer Stuffe&#8220; jedenfalls eine Ausnahme, da hier der normale Versschluss &#8222;X x x \/ X x&#8220; durch das sehr viel seltenere &#8222;X x \/ X x&#8220; ersetzt wird. Das Eisen in der belebten Natur schildert Kosegarten mit Versen wie diesen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glanz und Heitre verleiht dein fr\u00f6hlicher Pinsel der Tierwelt<br \/>\nEdleren Formen. Das Rad der Pfauen, des Schmetterlings Schwingen<br \/>\nTauchst du in nimmer verblassende Tinten. Es danket die Taube<br \/>\nDir den smaragdenen Hals, den schimmernden Fittig das Goldhuhn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Heitre&#8220;, laut Grimm &#8222;Klarheit&#8220;, &#8222;Glanz&#8220;, &#8222;Helligkeit&#8220;; &#8222;Tinte&#8220;, auch &#8222;Farbenton, Abstufung und \u00dcberg\u00e4nge der Farben&#8220; &#8211; ich gestehe, bei diesem Gedicht viel nachgeschlagen zu haben &#8230; Zudem zeigt sich Kosegarten hier als Freund des Chiasmus. &#8222;Glanz und Heitre&#8220; eben auch hier! Das Eisen im menschlichen Gebrauch wird naheliegend aufgef\u00e4chert, einmal die &#8222;zivile&#8220; Nutzung:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dein ist, friedliches Erz, die Pflugschar, welche die Scholle<br \/>\nLockert, den strengeren Klo\u00df bereitet, dass er des Samens<br \/>\nGoldenen Regen empfang, und ihn getreulich bewahre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00c4h, &#8222;den strengeren Klo\u00df&#8220;?! Na gut, das lese ich nach dem Nachschlagen im Grimm mal als &#8222;schweren, z\u00e4hen Boden, Erdklumpen&#8220;&#8230; Die Steigerung ist dabei ein Trick, dessen sich die Hexametristen gern bedient haben. Das Gegenst\u00fcck ist inhaltlich die kriegerische Verwendung:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dein ist, sch\u00fctzendes Erz, das Schwert, das das Vaterland rettet,<br \/>\nDein das donnernde Rohr, mit dessen Toden die Freien<br \/>\nNiederschmettern der Feigen Volk in br\u00fcllender Feldschlacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon klar &#8211; nur dass die &#8222;Feigen&#8220; eben auch \u00fcber &#8222;Donnerrohre&#8220; verf\u00fcgen, was die Unterscheidung schwieriger macht &#8230; Vielleicht ger\u00e4t Kosegarten ja darum im ersten Vers ins Stottern &#8211; das, das, das?! Weiter geht es jedenfalls mit dem Eisen in Kunst und Wissenschaft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heil dir, versch\u00f6nerndes Erz, auch der Kunst, der menschlichen, mildern,<br \/>\nWelche den Stoffen Gestalt verleihet und Seele dem Toten;<br \/>\nAuch der Lieblichen j\u00fcngrer, wiewohl tiefsinng&#8217;rer Schwester,<br \/>\nAuch der Wissenschaft dienst du, ein ewig \u00e4nderndes Werkzeug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja aber?! Was ist denn das f\u00fcr ein Satzbau &#8211; geh\u00f6rt &#8222;der Kunst&#8220; wirklich zum &#8222;dienst du&#8220;? Unversch\u00e4mtheit &#8230; Ein Beispiel f\u00fcr dieses Dienen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dein der Verfinsterer Schrecken, die tausendz\u00fcngige Letter,<br \/>\nWelche des Weisen Wort den lauschenden V\u00f6lkern verk\u00fcndet<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; den V\u00f6lkern, die den Worten der &#8222;Verfinsterer&#8220; allerdings noch viel aufmerksamer lauschen, f\u00fcrchte ich &#8230; Aber nun ist Kosegarten am Ende angelangt, wo er den Anfang noch einmal aufnimmt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heil dir, Kronions Geschenk, der Gesellschaft f\u00f6rdernster Segen,<br \/>\nErstes der Erze und Letztes! Vor deinen strahlenden Br\u00fcdern<br \/>\nWill ich singen dein Lob und deiner Preise gedenken!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Puh, das liest sich ja schon in diesen knappen Ausz\u00fcgen ziemlich abenteuerlich?! Wer sich an das gesamte Werk traut, muss sich also auf noch einiges mehr gefasst machen. Trotzdem habe ich es gerne gelesen &#8211; diese Hymnen haben einfach Schwung und Begeisterung, und da macht es dann nicht viel aus, dass manches vom heutigen Standpunkt aus doch merkw\u00fcrdig bis peinlich wirkt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heil dir, begeisterter Dichter, der hymnischen Tons du die Welt preist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hmja, ich sehe ein, dass ich da noch \u00fcben muss &#8230; Gar nicht so leicht zu treffen, dieser Ton!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Kosegartens &#8222;Hymne an das Eisen&#8220; In Kosegartens Gedichtsammlung machen die Hymnen den Anfang, und wenn man die \u00dcberschriften \u00fcberfliegt, f\u00e4llt erst einmal nichts besonderes auf: &#8222;Hymne an die Sch\u00f6nheit&#8220;, &#8222;Hymne an die Liebe&#8220;, &#8222;Hymne an die Tugend&#8220;, &#8222;Hymne an die Natur&#8220; &#8211; nichts, was man von Kosegarten und seiner Zeit nicht erwarten w\u00fcrde. 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