{"id":411,"date":"2014-01-02T02:25:10","date_gmt":"2014-01-02T00:25:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=411"},"modified":"2014-01-02T02:25:10","modified_gmt":"2014-01-02T00:25:10","slug":"erzaehlformen-das-distichon-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=411","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Distichon (1)"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"postbody\">Das Distichon, genauer: das elegische Distichon ist ein seit 2700 Jahren bekanntes Verspaar, das schon in der Antike weitverbreitet war. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gelangte die deutsche Entsprechung des antiken Distichons in die deutsche Dichtung und wurde von Schiller, Goethe und H\u00f6lderlin in einigen ihrer besten Werke genutzt; sp\u00e4tere Meister der Form waren unter anderem M\u00f6rike und Hebbel. Aber auch zahllose andere gute Dichter haben das Distichon benutzt; und noch viel mehr weniger gute.<\/span><\/p>\n<p>Gereihte Verspaare dieser Art kamen in antiker Tradition in der Elegie, der Idylle und dem Lehrgedicht zum Einsatz; das einzelne Distichon wurde vor allem als Epigramm genutzt. In dieser Form findet es sich im &#8222;Verserz\u00e4hler&#8220; aber nur unter meinen eigenen Texten; hier sollen dagegen k\u00fcrzere Erz\u00e4hltexte vorgestellt werden, die in Distichen geschrieben wurden!<\/p>\n<p><span class=\"postbody\">Formal gesehen besteht ein deutsches Distichon aus einem Hexameter (erster Vers) und einem Pentameter (zweiter Vers). Das Schema der betonten und unbetonten Silben sieht so aus:<\/span><\/p>\n<p>X x (x) \/ X x (x) \/ X x (x) \/ X x (x) \/ X x x \/ X x<br \/>\nX x (x) \/ X x (x) \/ X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> X x x \/ X x x \/ X<\/p>\n<p>Dabei ist: <span style=\"font-weight: bold\">X<\/span> = betonte Silbe; <span style=\"font-weight: bold\">x<\/span> = unbetonte Silbe; <span style=\"font-weight: bold\">(x)<\/span> = Diese Silbe kann, muss aber nicht stehen; <span style=\"font-weight: bold;color: #ff0000\">||<\/span> = Vers-Einschnitt.<\/p>\n<p>Beide Verse haben ihre Eigenarten und werden daher in folgenden einzeln vorgestellt; eine kurze Betrachtung \u00fcber ihr Zusammenwirken im Distichon schlie\u00dft sich an.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Der Hexameter<\/span><\/p>\n<p>Der Hexameter ist schon durch die vielen m\u00f6glichen Anordnungen von Daktylen (X x x ) und Troch\u00e4en (X x) in den ersten vier Versf\u00fc\u00dfen ein rhythmisch sehr vielgestaltiger Vers. Dazu kommen noch die verschiedenen Z\u00e4suren! Trotzdem bleibt der Vers immer als Hexameter erkennbar, wozu auch die typische Schlussformel &#8222;X x x \/ X x&#8220; beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Eine Z\u00e4sur (meint: einen Einschnitt in etwa in der Mitte des Verses) ist n\u00f6tig, um den vergleichsweise langen Vers zu unterteilen und ihm so eine feste Gestalt zu geben. Andererseits sollte der Einschnitt aber auch nicht zu tief gehen, da sonst die Gefahr besteht, dass der Vers in zwei Teilverse zerf\u00e4llt. Es gibt im wesentlichen vier Z\u00e4suren. Alle liegen <span style=\"font-weight: bold\">im<\/span> entsprechenden Versfu\u00df:<\/p>\n<p><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\">X x (x) \/ X x (x) \/ X <\/span><\/span><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\"><span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span><\/span>x <\/span><\/span><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\"><span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span><\/span>(x) \/ X <\/span><\/span><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\"><span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span><\/span>x <\/span><\/span><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\"><span class=\"postbody\"><span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span><\/span>(x) \/ X x x \/ X x <\/span><\/span><\/p>\n<p><span class=\"postbody\"> Dazu kommt noch die seltenere &#8222;bukolische Di\u00e4rese&#8220;, also der Einschnitt <span style=\"font-weight: bold\">nach<\/span> dem vierten Versfu\u00df. Eigentlich sollte man den Einschnitt nach einem Versfu\u00df vermeiden, weil so Metrum und Satzstruktur zusammenfallen und leicht ein &#8222;klappernder&#8220; Eindruck entsteht; Der Schnitt nach dem vierten Fu\u00df hat aber Vorteile, die dieses kompensieren: zum einen erm\u00f6glicht die sehr sp\u00e4te Z\u00e4sur eine Nebenz\u00e4sur im zweiten Versfu\u00df, wodurch der Vers eher eine Dreigliederung erf\u00e4hrt, was zu Vielfalt beitr\u00e4gt; zum anderen kann so der typische Hexameterschluss &#8222;X x x \/ X x&#8220; besser hervorgehoben werden. Der Einschnitt nach dem <span style=\"font-weight: bold\">dritten<\/span> Fu\u00df dagegen ist unbedingt zu vermeiden!<\/span><\/p>\n<p>Nebenz\u00e4suren sind h\u00e4ufig. Insgesamt ist der Hexameter ein daktylischer Vers, daher sollte man von der theoretisch vorhandenen M\u00f6glichkeit, die ersten vier F\u00fc\u00dfe komplett mit Troch\u00e4en zu f\u00fcllen, nur sehr vorsichtig Gebrauch machen.<\/p>\n<p>Soviel in aller K\u00fcrze zum Hexameter. In der Kategorie &#8222;Der Hexameter&#8220; gibt es aber weitere Angaben zu diesem Vers, und vor allem viele Beispiele!<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Der Pentameter<\/span><\/p>\n<p>Der Pentameter kommt nur als Begleiter des Hexameters im Distichon vor. Seine rhythmische Vielfalt ist durch den festen Einschnitt in der Versmitte, wo zwei betonte Silben unmittelbar aufeinander folgen, und die festgelegte zweite Versh\u00e4lfte nicht so gro\u00df wie die des Hexameters. Auch hier gilt: Selten wird der Vers mit zwei Troch\u00e4en begonnen, da sonst der daktylische Grundrhythmus verloren geht.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Das Distichon<\/span><\/p>\n<p>Im Distichon wird der flie\u00dfende, vielf\u00e4ltig variierbare Rhythmus des Hexameters im Pentameter gebremst und abgeschlossen. Dadurch entsteht ein wohlbestimmter, klar erkenn- und erh\u00f6rbarer Raum, der sich sehr gut f\u00fcr Epigramme eignet, aber auch in Erz\u00e4hltexten genutzt werden kann und dort dann weniger eilend und voranst\u00fcrmend wirkt als ein rein in Hexametern geschriebener Text.<\/p>\n<p>Als Abschluss dieses ersten Beitrags soll aber doch ein einzelnes Distichon gen\u00fcgen, das daf\u00fcr gr\u00fcndlich &#8222;zerlegt&#8220; wird! Es stammt von Friedrich Hebbel:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dichterlos<\/em><\/p>\n<p>Lass dich tadeln f\u00fcrs Gute, und lass dich loben f\u00fcrs Schlechte;<br \/>\nF\u00e4llt dir eines zu schwer, schlage die Leier entzwei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Silbenbild sieht das so aus:<\/p>\n<p>X x \/ X x x \/ X x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x \/ X x \/ X x x \/ X x<br \/>\nX x \/ X x x \/ X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> X x x \/ X x x \/ X<\/p>\n<p><strong>Lass<\/strong> dich \/<strong> ta<\/strong>deln f\u00fcrs \/ <strong>Gu<\/strong>te, <span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span>und \/ <strong>lass<\/strong> dich \/ <strong>lo<\/strong>ben f\u00fcrs \/ <strong>Schlech<\/strong>te;<br \/>\n<strong>F\u00e4llt<\/strong> dir \/ <strong>ei<\/strong>nes zu \/ <strong>schwer<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span><strong>schla<\/strong>ge die \/ <strong>Lei<\/strong>er ent- \/ <strong>zwei<\/strong>.<\/p>\n<p>&#8211; Mit klar erkennbaren Einschnitten in der Mitte der Verse, und mit einer eindeutigen Aufteilung in betonte und unbetonte Silben?! Aber auch inhaltlich sicher bedenkenswert f\u00fcr alle Schreibenden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Distichon, genauer: das elegische Distichon ist ein seit 2700 Jahren bekanntes Verspaar, das schon in der Antike weitverbreitet war. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gelangte die deutsche Entsprechung des antiken Distichons in die deutsche Dichtung und wurde von Schiller, Goethe und H\u00f6lderlin in einigen ihrer besten Werke genutzt; sp\u00e4tere Meister der Form waren&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=411\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Das Distichon (1)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-411","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/411","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=411"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/411\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":412,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/411\/revisions\/412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=411"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=411"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}