{"id":418,"date":"2014-01-02T21:18:47","date_gmt":"2014-01-02T19:18:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=418"},"modified":"2014-01-02T21:22:01","modified_gmt":"2014-01-02T19:22:01","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=418","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (14)"},"content":{"rendered":"<p>Der folgende Text stammt von Jacob Julius David. Laut \u00dcberschrift ist es ein M\u00e4rchen, aber selbst f\u00fcr ein M\u00e4rchen kommt der Text sehr versponnen daher &#8211; eine ganz eigenartige, ferne Stimmung, die hier vermittelt wird &#8230; Ein ziemlicher Unterschied zu Fontanes Text aus dem letzten Beitrag, und spannend zu sehen, wie sich der Blankvers schl\u00e4gt angesichts dieser Aufgabe!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>M\u00e4rchen<\/strong><\/p>\n<p>Allt\u00e4glich aber, so um Mittagszeit,<br \/>\nStand erst die Sonne hoch und wirkte heftig,<br \/>\nDurchzog sie also die verfemte Stadt.<br \/>\nSie selbst war sich Geleit; und wei\u00dfe H\u00fcllen<br \/>\nUmflossen ihre makellose Sch\u00f6nheit,<br \/>\nIhr Kleid war d\u00fcnn und ihrer Glieder Pracht<br \/>\nSchien ganz hindurch. So dringt der Wolken Ziehen<br \/>\nDes Vollmonds Leuchten durch.<br \/>\nUnd ihre F\u00fc\u00dfe,<br \/>\nGanz bar und schimmernd, edles Elfenbein;<br \/>\nSie setzte sich bed\u00e4chtig, Schritt vor Schritt,<br \/>\nIn feierlichem Rhythmus trat sie her:<br \/>\nUnd ihr entgegen dr\u00e4ngte sich das Moos<br \/>\nVon alten St\u00e4mmen, \u00fcberzog den Boden<br \/>\nMit allergr\u00fcnstem, schmeichelnd weichem Teppich;<br \/>\nIn ihren Stapfen tat das blaue Veilchen<br \/>\nDie Kinderaugen auf und staunt ihr nach,<br \/>\nUnd wei\u00dfer Anemonen zarte Seelchen<br \/>\nErzitterten im Wind.<br \/>\nUnd grauen Mauern,<br \/>\nVerwitternd und verfallen, kam sie so<br \/>\nGanz ohne Hast vor\u00fcber, und der Efeu<br \/>\nKlomm dran empor; er schwang in dreistem Sprung<br \/>\nSich zu der Zinnen Kr\u00e4nzen auf und h\u00fcllte<br \/>\nDie Spuren des Verfalls. Und alles wehte,<br \/>\nDie Eppichgirandolen, junges Laub,<br \/>\nUnd schien beseelt und in Erwartung atmend.<br \/>\nDie D\u00e4cher aber schm\u00fcckte gr\u00fcne Hauswurz,<br \/>\nUnd gelbe Sternchen flammten.<br \/>\nUnd zur Kirche<br \/>\nTrat sie alsdann. Ihr m\u00e4chtiges Portal<br \/>\nWar l\u00e4ngst vermorscht. Die Pracht der reichen Fenster<br \/>\nGebrochen l\u00e4ngst. Nur Tr\u00fcmmerchen und Scherben<br \/>\nDes bunten Glases lagen noch im Moos,<br \/>\nUnd schien die Sonne drauf, so glommen sie<br \/>\nGleich kostbaren Juwelen auf.<br \/>\nSie s\u00e4umte<br \/>\nEin Weilchen schamhaft an der Schwelle, schwang<br \/>\nIhr Kleid von sich. Das hob sich sacht vom Boden,<br \/>\nUnd immer h\u00f6her stieg es, auf zum Himmel,<br \/>\nUns\u00e4glich zart, zerflatternd ganz im Wehen,<br \/>\nUnd wei\u00dfe Streifchen zogen sich durchs Blau<br \/>\nUnd milderten der Sonne Glanz, der fast<br \/>\nZu flammend schien. Denn nirgends war noch Schatten<br \/>\nUnd allenthalben Licht.<br \/>\nSie aber trat<br \/>\nVor Sch\u00f6nheit leuchtend in das M\u00fcnster ein.<br \/>\nUnd Helle floss von ihr und zog um sie.<br \/>\nSie staunte zur Empor&#8216;. Ein Birkenst\u00e4mmchen<br \/>\nHob sich darauf, und wo die Orgel einstens<br \/>\nGestanden war, da hatten schlanke Schwalben<br \/>\nIhr Nest gebaut. Sie breitete die H\u00e4nde<br \/>\nWie segnend \u00fcber diese holde Wildnis,<br \/>\nUnd l\u00f6st ihr Haar. Ein goldner Mantel, h\u00fcllend,<br \/>\nUnd pr\u00e4chtig leuchtend, gleich geschmolznem Kupfer,<br \/>\nUmfloss es sie. So stieg sie auf zur Kanzel.<br \/>\nDurch die geborstne Decke floss das Licht<br \/>\nIn breiten Wellen \u00fcber sie. Sie lie\u00df<br \/>\nDie roten Str\u00e4hne durch die Finger gleiten<br \/>\nUnd schwieg und sah.<br \/>\nUm sie erwachte<br \/>\nDer Wildnis sonderbar vertr\u00e4umtes Leben;<br \/>\nEin Eidechs raschelte die W\u00f6lbung nieder,<br \/>\nUnd guckt&#8216; nach ihr mit blinzend klugem Auge,<br \/>\nUnd z\u00fcngelte alsdann. Es kam ein Reh<br \/>\nMit feuchten Blicken; flinke Hasen aber,<br \/>\nSie stellten sich in Reihen, spitz die Ohren,<br \/>\nUnd machten M\u00e4nnerchen. Ein bunter Buchfink,<br \/>\nDer sich zum Neste trug ein Zweiglein, lie\u00df es<br \/>\nVor Staunen fallen, schmettert ein Ges\u00e4tzchen.<br \/>\nUnd augenblicks erhoben tausend Stimmchen<br \/>\nEin jauchzend Lied. Ein Vogelvolk flog auf,<br \/>\nUnd ein unendlich Jubeln war.<br \/>\nEin Bann,<br \/>\nDer nicht zu brechen, schlang den Zauberg\u00fcrtel<br \/>\nUm die verfemte Stadt. Kein Menschenauge<br \/>\nSah ihre Wunder. Nur zwei irre Kinder,<br \/>\nVerloren ganz im Walde, sahen ferne<br \/>\nDies Schwirren ungez\u00e4hlter Fl\u00fcgelein,<br \/>\nVernahmen dieses laute Tirilieren,<br \/>\nUnd sahn des Goldhaars Glanz, und ihnen d\u00e4uchte,<br \/>\nEs stiege die vergessne Stadt herauf, es w\u00f6lbten<br \/>\nIn k\u00fchnem Schwung sich die verfallnen Bogen<br \/>\nDes eingest\u00fcrzten Domes; als erkl\u00e4ngen<br \/>\nIn feierlicher Andacht jene Glocken,<br \/>\nDie l\u00e4ngst ein Brand zerschmolz; als w\u00e4r die Sonne<br \/>\nHerabgefallen selber auf die Erde<br \/>\nUnd seng&#8216; und segne sie. Die Herzchen pochend,<br \/>\nSo standen sie ein Weilchen. Dann in Angst:<br \/>\n&#8222;Es flirrt und blendet so! Leicht wird man blind?&#8220;<br \/>\nUnd ihre H\u00e4ndchen fassend ganz benommen,<br \/>\nUnd aufgeregt vor tausend dunklen R\u00e4tseln,<br \/>\nUnd doch begnadigt f\u00fcr ihr ganzes Leben,<br \/>\nSo liefen sie den Eltern zu &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text stammt von Jacob Julius David. 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