{"id":4311,"date":"2015-04-28T01:47:47","date_gmt":"2015-04-27T23:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=4311"},"modified":"2015-04-28T01:55:33","modified_gmt":"2015-04-27T23:55:33","slug":"buecher-zum-vers-71","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=4311","title":{"rendered":"B\u00fccher zum Vers (71)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lothar Schwab: Vom S\u00fcnder zum Schelmen. Goethes Bearbeitung des Reineke Fuchs.<\/strong><\/p>\n<p>Erschienen 1971 im Athen\u00e4um Verlag, vergleicht dieser Band Goethes Hexameter-Fassung des Stoffes mit der Reimvers-Fassung seiner niederdeutschen Vorlage. Das ist sehr lesenswert! Was die niederdeutsche Fassung wollte, und mit welchen Mitteln sie es erreicht hat; und was Goethe wollte, und wie er es erreicht hat, ohne am Stoff, am Erz\u00e4hlten mehr als unwesentliche \u00c4nderungen vorzunehmen &#8211; das im einzelnen vorgef\u00fchrt zu bekommen, ist sehr lehrreich.\u00a0 Und manchmal auch sehr in die Einzelheiten gehend, so etwa auf S. 122 bei der Besprechung des Anfangs:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\"><em>06<\/em><\/span> Nobel, der K\u00f6nig, versammelt den Hof; und seine Vasallen<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>07<\/em><\/span> Eilen gerufen herbei mit gro\u00dfem Gepr\u00e4nge; da kommen<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>08<\/em><\/span> Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>09<\/em><\/span> L\u00fctke, der Kranich, und Markart, der H\u00e4her, und alle die Besten.<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>10<\/em><\/span> Denn der K\u00f6nig gedenkt mit allen seinen Baronen<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>11<\/em><\/span> Hof zu halten in Feier und Pracht; er l\u00e4sst sie berufen<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>12<\/em><\/span> Alle miteinander, so gut die Gro\u00dfen als Kleinen.<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>13<\/em><\/span> Niemand sollte fehlen! <span style=\"color: #993366\">und dennoch fehlte der Eine,<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #993366\"><span style=\"color: #999999\"><em> 14<\/em><\/span> Reineke Fuchs, der Schelm!<\/span> der viel begangenen Frevels<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>15<\/em><\/span> Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das b\u00f6se Gewissen<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>16<\/em><\/span> Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>17<\/em><\/span> Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,<br \/>\n<span style=\"color: #999999\"><em>18<\/em><\/span> Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont&#8216; er.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum <span style=\"color: #993366\">farbig<\/span> gekennzeichneten Satz schreibt Schwab:<\/p>\n<p>&#8222;Hier stimmen die Bewegungen der Versform mit dem gestischen Gehalt des Textes v\u00f6llig \u00fcberein. Mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln deutet der Erz\u00e4hler auf den Fuchs: Nicht nur, dass sich im Wortlaut die Namen h\u00e4ufen, mit denen er &#8211; gleich am Anfang des Epos &#8211; den Feind der Ordnung einkreist (&#8218;der Eine&#8216;, &#8218;Reineke Fuchs&#8216;, &#8218;Schelm&#8216;), sondern auch die Wiederholungen des schneidend-hellen Diphthongs <em>-ei-<\/em> kurz hintereinander, und zwar an so exponierten Stellen wie am Versende und am Anfang des folgenden Verses (&#8218;Eine&#8216;, &#8218;Reineke&#8216;), verst\u00e4rkt musikalisch den Gestus des Hindeutens. Diesem Zweck dient auch die Anordnung der einsilbigen Senkung &#8218;der&#8216; in Vers 14,\u00a0 die das wieder auflebende daktylische Flie\u00dfen noch einmal staut, das schlie\u00dflich in der m\u00e4nnlichen Z\u00e4sur (Penthemimeres) hinter &#8218;Schelm&#8216; f\u00fcr einen Augenblick zum Stillstand kommt, eben genau an der Stelle, an welcher die den Fuchs am genauesten charakterisierende Bezeichnung gefallen ist.<\/p>\n<p>In den folgenden Hexametern bis zum Absatz nach Vers 18 h\u00e4ufen sich wieder die Daktylen. Liest man die ersten 18 Verse im Zusammenhang, so ist leicht zu bemerken, wie sich das rhythmische Gef\u00fcge um ein Zentrum ordnet, das etwa mit dem Vers 12 beginnt und bis in die Mitte von Vers 14 reicht. In diesem Textteil h\u00e4ufen sich die einsilbigen Senkungen, als ob der Erz\u00e4hler auf jedes Wort, auf jede Silbe gesteigerten Wert lege; denn er gibt in diesem Teil einen Vorblick auf den Charakter der Hauptfigur und zugleich auf die Brisanz des ganzen Stoffes.&#8220;<\/p>\n<p>&#8211; Je weiter man in die Einzelheiten geht, desto gr\u00f6\u00dfer die Wahrscheinlichkeit, das man irgendwo danebenliegt; aber dessen ungeachtet zeigt der Abschnitt sehr sch\u00f6n, wie \u00fcber den Aufbau solcher verserz\u00e4hlenden Texte nachgedacht werden kann?!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lothar Schwab: Vom S\u00fcnder zum Schelmen. Goethes Bearbeitung des Reineke Fuchs. Erschienen 1971 im Athen\u00e4um Verlag, vergleicht dieser Band Goethes Hexameter-Fassung des Stoffes mit der Reimvers-Fassung seiner niederdeutschen Vorlage. Das ist sehr lesenswert! 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