{"id":4432,"date":"2015-05-15T00:41:25","date_gmt":"2015-05-14T22:41:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=4432"},"modified":"2015-05-15T00:41:25","modified_gmt":"2015-05-14T22:41:25","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-102","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=4432","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (102)"},"content":{"rendered":"<p><em>Nie haben Schiller oder Goethe in dieser Zeit eine Zeile in einer meiner Arbeiten selbst gestrichen, sie aber ebensowenig als fertig gesehen, so weit ich sie ihnen mitteilte. Zwei Ges\u00e4nge der &#8222;Schwestern von Lesbos&#8220; waren eben in dieser Weise vollendet, als Goethe, von meiner neuen Arbeit unterrichtet, sie zu h\u00f6ren begehrte. Ich las sie, auf sein Verlangen, ihm vor und erz\u00e4hlte ihm den Plan des Ganzen.<\/em><\/p>\n<p><em>Als Goethe so g\u00fctig war, mir einige Bemerkungen wegen des Hexameters zu machen, entdeckte er, nicht ohne spa\u00dfhafte Verwunderung, dass ich noch gar nicht wisse, was ein Hexameter sei. Er sagte mir: &#8222;Ich verstehe, das Kind hat die Hexameter gemacht, wie der Rosenstock die Rosen tr\u00e4gt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Goethe selbst setzte sich hin, mir das Schema f\u00fcr diese Versform aufzuschreiben, die ich freilich von da an sehr ernstlich studierte, besonders an &#8222;Luise&#8220; von Voss, die Goethe mir angeraten.<\/em><\/p>\n<p>&#8211; So Amalie von Imhoff in ihren Erinnerungen &#8211; eine nette Geschichte! An ihren &#8222;Schwestern von Lesbos&#8220;, einem Epos in sechs Ges\u00e4ngen, hat Goethe auch nach der Fertigstellung regen Anteil genommen und viele Verbesserungsvorschl\u00e4ge gemacht. Als das Epos dann erschien, war es durchaus erfolgreich!<\/p>\n<p>Wie aber liest sich Imhoffs Hexameter?! Einige Verse aus dem ersten Gesang, die Beschreibung eines &#8222;sch\u00f6nen Ortes&#8220; mit allem, was dazu geh\u00f6rt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also im Wechselgespr\u00e4ch hinwandelnd, hatten die Schwestern<br \/>\nNun den Brunnen erreicht, den oftbesuchten, wo gr\u00fcnend<br \/>\nRings ein Rasen sich zog, von Wegen durchschnitten und ostw\u00e4rts<br \/>\nLieblich vom H\u00fcgel begr\u00e4nzt, der sanft und beschattet empor stieg.<br \/>\nZwischen Zypressen schwankte die schlank-aufstrebende Pinie,<br \/>\nDort, aus dunklerem Gr\u00fcn, erhob sie heiter die Krone;<br \/>\nUnd so schm\u00fcckte der Hain die H\u00f6he mit wechselndem Kranze,<br \/>\nSenkte sich leichter hinab, im Kreise die Wiesen umfassend.<br \/>\nHier entsch\u00e4umte dem Felsen, den rings mit \u00fcppigen Ranken<br \/>\nDunkler Efeu umschlang, die klare, reichliche Quelle,<br \/>\nF\u00fcllte mit leisem Ger\u00e4usch das Marmorbecken und eilte,<br \/>\nRieselnd des bl\u00fchenden Tals zartduftende Blumen zu tr\u00e4nken,<br \/>\nDie in lieblicher F\u00fcll\u2019, es lockte der w\u00e4rmenden Sonne<br \/>\nFreundlicher Strahl sie hervor und der milde Odem des Lenzes,<br \/>\nHier am Fu\u00df entsprossten der hohen Zypressen; in B\u00fcschen,<br \/>\nWelche den Fels umwoben, ert\u00f6nte der munteren V\u00f6gel<br \/>\nFr\u00f6hlich wechselnder Chor, leissummend schw\u00e4rmten die Biene<br \/>\nRings umher, in die Kelche der Hyazinthen sich senkend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So etwas ist immer ein Heimspiel f\u00fcr den Hexameter, und auch hier liest es sich angenehm! Alles, was den Hexameter zu der Zeit auszeichnet (auch und gerade in der &#8222;Luise&#8220;), ist da: geschleifte Spondeen (&#8222;Tals zartduftende&#8220;), schm\u00fcckende Beiw\u00f6rter (&#8222;oftbesuchten&#8220;), grammatikalische Lockerungen wie abgetrennte Genitive (&#8222;am Fu\u00df entsprossten der hohen Zypressen&#8220;) oder &#8222;aus dem Nichts&#8220; kommende Einsch\u00fcbe (&#8222;es lockte &#8230;&#8220;) &#8211; fein!<\/p>\n<p>Wie aber sieht es aus, wenn die Anforderungen gr\u00f6\u00dfer werden? Immer noch der erste Gesang &#8211; &#8222;jedes&#8220; und &#8222;es&#8220;: gemeint ist &#8222;M\u00e4dchen&#8220; (in einer Gruppe junger Frauen ging ein Scherzwort zu weit):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eh&#8216; mutwillig der Scherz den l\u00e4chelnden Lippen entgleitet,<br \/>\nSehe jedes doch zu, auf wen es richte die Pfeile.<br \/>\nImmerhin necke getrost der muntre Sp\u00f6tter den Gleichen,<br \/>\nWelcher die bei\u00dfenden Worte gewandt und schnell ihm zur\u00fcckgibt;<br \/>\nAber kr\u00e4nkender ist und schmerzlich jenem des Witzes<br \/>\nLeichtverwundender Scherz, der unerfahren und sch\u00fcchtern<br \/>\nNicht den fr\u00f6hlichen Spott beherzt zu erwidern ge\u00fcbt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Keine Beschreibung mehr, sondern Erkl\u00e4rung. Die Vers m\u00fcssen auf Sinnlichkeit verzichten, was den Hexameter immer beeintr\u00e4chtigt in seiner Wirkung. Aber auch hier bewegt sich der Vers gut, ein wenig gezwungen vielleicht, aber nicht viel?! Insgesamt ein nicht schlecht gemachtes, feines, kleines Epos!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nie haben Schiller oder Goethe in dieser Zeit eine Zeile in einer meiner Arbeiten selbst gestrichen, sie aber ebensowenig als fertig gesehen, so weit ich sie ihnen mitteilte. Zwei Ges\u00e4nge der &#8222;Schwestern von Lesbos&#8220; waren eben in dieser Weise vollendet, als Goethe, von meiner neuen Arbeit unterrichtet, sie zu h\u00f6ren begehrte. 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