{"id":4524,"date":"2015-06-07T01:06:38","date_gmt":"2015-06-06T23:06:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=4524"},"modified":"2015-06-07T01:08:12","modified_gmt":"2015-06-06T23:08:12","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-104","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=4524","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (104)"},"content":{"rendered":"<p>Im zweiten Gesang von Goethes &#8222;Hermann und Dorothea&#8220; findet sich dieser ber\u00fchmt gewordene und viel besprochene Vers:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ungerecht bleiben die M\u00e4nner, und die Zeiten der Liebe vergehen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ber\u00fchmt geworden ist er aber nicht wegen seines Inhalts, sondern aufgrund seines fehlerhaften Baus. Der blieb nicht unentdeckt, aber als Goethe auf eine zus\u00e4tzliche betonte Silbe angesprochen wurde, entgegnete er lachend: &#8222;Die siebenf\u00fc\u00dfige Bestie m\u00f6ge als Wahrzeichen stehenbleiben!&#8220;<\/p>\n<p>Da stellen sich dann gleich mehrere Fragen: Als Wahrzeichen wof\u00fcr? Und vor allem, unter dem Gesichtspunkt des Versbaus betrachtet: Warum siebenf\u00fc\u00dfig?! Klar ist, der Vers hat eine Silbe zuviel; aber statt durch sie einen zus\u00e4tzlichen Versfu\u00df in den Vers zu bringen, was die Grundbewegung des Hexameters doch stark ver\u00e4ndert, kann man sie auch in einer Senkung verschwinden lassen:<\/p>\n<p><strong>Un<\/strong>gerecht \/ <strong>blei<\/strong>ben die \/ <strong>M\u00e4n<\/strong>ner, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und die \/ <strong>Zei<\/strong>ten der \/ <strong>Lie<\/strong>be ver- \/ <strong>ge<\/strong>hen<\/p>\n<p>X x x \/ X x x \/ X x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x x \/ X x x \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>&#8211; Und das ist eigentlich ein tadelloser Hexameter, die zus\u00e4tzliche Silbe ist kaum vernehmbar, da die drei unbetonten Silben durch die Z\u00e4sur getrennt werden?!<\/p>\n<p>In der Handschrift hat Goethe gleich mehrere solcher Verse, die dann im Druck in verbesserter Gestalt erscheinen, so zum Beispiel: 1,192:<\/p>\n<p><em>Handschrift:<\/em> Immer erschien er mir herrlich und erhub mir Sinn und Gem\u00fcte<\/p>\n<p><em>Druck:<\/em> Immer schien er mir gro\u00df, und erhob mir Sinn und Gem\u00fcte<\/p>\n<p>Wo neben der metrumswidrigen (&#8222;gro\u00df&#8220; statt &#8222;herrlich&#8220;) gleich auch noch eine unbedenkliche unbetonte Silbe getilgt wurde (&#8222;schien&#8220; statt &#8222;erschien&#8220;), was den Bewegungsbogen des Verses aber viel st\u00e4rker beeinflusst?!<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel (6, 50):<\/p>\n<p><em>Handschrift:<\/em> Jeder sann nur, im Herzen die Beleidigung alle zu r\u00e4chen<\/p>\n<p><em>Druck:<\/em> Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu r\u00e4chen<\/p>\n<p>Hier scheint die Abweichung von Hexameterton etwas st\u00e4rker, und erst mit der Verbesserung bildet er sich klar und kraftvoll aus!<\/p>\n<p>Jedenfalls: Wer, aus Absicht oder aus Versehen, in seinen eigenen Versen einmal eine dreisilbige Senkung in der Mitte des Verses stehen hat, durch die Z\u00e4sur unterteilt: kann sich durchaus \u00fcberlegen, sie dort stehenzulassen. Das muss seltene Ausnahme bleiben, klar; aber als solche erweitert sie den Spielraum f\u00fcr Abwechslungen in der Grundbewegung, und das ist f\u00fcr den Hexameter eine wichtige Sache &#8230;<\/p>\n<p>Und wenn dann doch jemand kommt und Ansto\u00df nimmt an dem Vers, kann man es Goethe gleichtun; und dar\u00fcber lachen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im zweiten Gesang von Goethes &#8222;Hermann und Dorothea&#8220; findet sich dieser ber\u00fchmt gewordene und viel besprochene Vers: &nbsp; Ungerecht bleiben die M\u00e4nner, und die Zeiten der Liebe vergehen &nbsp; Ber\u00fchmt geworden ist er aber nicht wegen seines Inhalts, sondern aufgrund seines fehlerhaften Baus. 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