{"id":5055,"date":"2015-09-06T01:06:57","date_gmt":"2015-09-05T23:06:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=5055"},"modified":"2015-09-12T00:29:51","modified_gmt":"2015-09-11T22:29:51","slug":"mit-versen-erzaehlen-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=5055","title":{"rendered":"Mit Versen erz\u00e4hlen!? (5)"},"content":{"rendered":"<p>Verserz\u00e4hlungen werden heutzutage nicht geschrieben, und w\u00fcrden sie geschrieben, l\u00e4se sie niemand; Romane dagegen werden in un\u00fcberschaubaren Mengen von Schreibern geschrieben und von Lesern gelesen.<\/p>\n<p>Da macht es Sinn, die beiden Gattungen einmal nebeneinander zu halten!? Carl Spitteler schreibt in seinem kleinen Aufsatz &#8222;Das Kriterium der epischen Veranlagung&#8220;:<\/p>\n<p><em>Als Kennzeichen der epischen Veranlagung gelten mir: die Herzenslust an der F\u00fclle des Geschehens, seien es nun Taten oder Ereignisse, die Freude am farbigen Reichtum der Welt, und zwar, wohlgemerkt, Reichtum der \u00e4u\u00dferen Erscheinungen, die Sehnsucht nach fernen Horizonten, das durstige Bed\u00fcrfnis nach H\u00f6henluft, weit \u00fcber den Alltagsboden, ja \u00fcber die Wirklichkeitsgrenzen und Vernunftschranken.<\/em><\/p>\n<p>Und wenig sp\u00e4ter:<\/p>\n<p><em>Zur Kontrolle von der Gegenseite her dient mir als sicheres Kennzeichen des Nichtepikers: die Lust an der Charakteristik, an der Seelenanalyse &#8211; also an psychologischen Problemen -, an der wohlmotivierten logisch-vern\u00fcnftigen Erz\u00e4hlung.<\/em><\/p>\n<p>Das ist nichts f\u00fcr einen Epiker,<\/p>\n<p><em>weil es ja das oberste Gesetz epischer Kunst ist, Seelenzust\u00e4nde in Erscheinung umzusetzen. Umst\u00e4ndliche seelische Motivierung, von innen heraus geschildert, w\u00fcrde also jedesmal in einem epischen Gedichte einen Fehler bedeuten.<\/em><\/p>\n<p>Demnach ist das, was ein Nichtepiker &#8211; also f\u00fcr gew\u00f6hnlich ein Romanerz\u00e4hler &#8211; betreibt,<\/p>\n<p><em>nicht etwas \u00e4hnliches auf anderer Stufe, nein, es ist das schnurgerade Gegenteil in allem und jedem.<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube, da ist etwas dran &#8230;<\/p>\n<p>Wie aber f\u00fcgt sich der Vers hier ein?! Das legt Spitteler in einem anderen Text dar, &#8222;\u00dcber die tiefere Bedeutung von Vers und Reim&#8220;. Darin ordnet er der Prosa die &#8222;Verstandeslogik&#8220; zu, der lyrischen Dichtung die &#8222;Gef\u00fchlslogik&#8220;, der epischen Dichtung aber die &#8222;Phantasielogik&#8220; oder auch &#8222;Bildlogik&#8220;; und erkl\u00e4rt, zum Gelingen eines Textes sei es n\u00f6tig, dass der Leser ihn im Rahmen der dazugeh\u00f6rigen\u00a0 Logik wahrnimmt!<\/p>\n<p><em>Der Rhythmus stimmt die Seele des H\u00f6rers anders, als sie im gew\u00f6hnlichen Alltagsleben gestimmt ist, denn in dem spricht man Prosa; der Rhythmus weckt Bed\u00fcrfnisse, die unter den gew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nden schlummern, r\u00fcckt Dinge, die im Hintergrund der Seele ruhten, an den ersten Platz und beseitigt daf\u00fcr andere, die im t\u00e4glichen Leben das gro\u00dfe Wort f\u00fchren. Die Seele des H\u00f6rers erwartet und begehrt einen anderen Inhalt von der rhythmischen Rede als von der prosaischen Rede und ist gewillt, gewissen Anspr\u00fcchen, die sie an die prosaische Rede oder Erz\u00e4hlung stellt, zu entsagen.<\/em><\/p>\n<p>Und etwas weiter:<\/p>\n<p><em>Wenn ich eine epische Poesie ohne starkschwingenden Rhythmus und ohne Vers und Reim bringen wolle, so w\u00fcrde ich unter die Herrschaft der n\u00fcchternen Verstandeslogik zu stehen kommen; der H\u00f6rer w\u00fcrde den Mangel einer Einleitung, einer genauen Situationsbeschreibung, die Unterlassung der Charakterschilderung als L\u00fccken, die Gedankenspr\u00fcnge als St\u00f6\u00dfe und beides als Fehler empfinden. Auch hier erzeugen Rhythmus, Metrum und Reim andere Seelenstimmung, andere W\u00fcnsche und dadurch die Herrschaft einer anderen, h\u00f6heren Logik.<\/em><\/p>\n<p>Das steht nun auf wackligeren F\u00fc\u00dfen, finde ich; aber ein nachdenkenswerter Gedanke ist es allemal!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verserz\u00e4hlungen werden heutzutage nicht geschrieben, und w\u00fcrden sie geschrieben, l\u00e4se sie niemand; Romane dagegen werden in un\u00fcberschaubaren Mengen von Schreibern geschrieben und von Lesern gelesen. Da macht es Sinn, die beiden Gattungen einmal nebeneinander zu halten!? Carl Spitteler schreibt in seinem kleinen Aufsatz &#8222;Das Kriterium der epischen Veranlagung&#8220;: Als Kennzeichen der epischen Veranlagung gelten mir:&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=5055\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Mit Versen erz\u00e4hlen!? 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