{"id":5393,"date":"2015-11-09T00:46:11","date_gmt":"2015-11-08T22:46:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=5393"},"modified":"2015-11-09T00:49:53","modified_gmt":"2015-11-08T22:49:53","slug":"die-bewegungsschule-50","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=5393","title":{"rendered":"Die Bewegungsschule (50)"},"content":{"rendered":"<p>Die bisher vorgestellten M\u00f6glichkeiten sind, bezogen auf den eigentlichen &#8222;Bewegungsschulenvers&#8220;:<\/p>\n<p>&#8211; Ein k\u00fcrzerer &#8222;Vollvers&#8220;, der die Grundgr\u00f6\u00dfe eines Gedichts ist, in dem aber auch &#8222;Halbverse&#8220; und &#8222;Schlussverse&#8220; vorkommen k\u00f6nnen;<\/p>\n<p>&#8211; Ein l\u00e4ngerer Vers, der sich aus einem &#8222;Vollvers&#8220; und einem &#8222;Schlussvers&#8220; zusammensetzt.<\/p>\n<p>Beide Formen k\u00f6nnen aber durchaus auch im selben Gedicht auftauchen! Ich zeige das an einem St\u00fcck von Robert Eduard Prutz, &#8222;Die politische Wochenstube&#8220;.<\/p>\n<p>Dort findet sich ganz am Schluss eine Parabase, in der &#8222;der Dichter&#8220; seine eigene Meinung darlegt. Er beginnt in alternierenden Reimversen, denen ein \u00dcbergangsteil mit k\u00fcrzeren Versen der oben genannten Art folgt; an diese schlie\u00dfen sich dann die l\u00e4ngeren Verse an. Die Reimverse erkl\u00e4ren dabei erst einmal, was \u00fcberhaupt vorgeht! Der Dichter, behauptet Prutz,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8230;<br \/>\nDarf den G\u00f6ttern seines Herzens frei vor allem Volke huldigen,<br \/>\nDarf sogar, mit leiser Stimme, seine Fehler selbst entschuldigen.<\/p>\n<p>Drum fr\u00f6hlich heraus, drum fr\u00f6hlich heraus,<br \/>\nAnap\u00e4stisch gefl\u00fcgelte Ma\u00dfe!<br \/>\nIn dem Festtagsschmuck, in dem T\u00e4nzergewand,<br \/>\nVollduftigen Kranz in entfesseltem Haar,<br \/>\nMit den Sohlen geklatscht und die Schellen ger\u00fchrt,<br \/>\nDionysische, g\u00f6ttliche Freude!<\/p>\n<p>Wohl ehezuvor, wenn sonst der Poet euch lyrische Strophen geklimpert,<br \/>\nVon Freiheitdrang, von Zukunfttraum und der sehnenden Hoffnung der Jugend:<br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Reimverse vor dem angef\u00fchrten Paar haben gew\u00f6hnliche weibliche Reime; &#8222;huldigen \/ entschuldigen&#8220; ist dann ein Reim mit ungewohnten <i>zwei<\/i> unbetonten Silben am Schluss! Das ist eine pfiffige \u00dcberleitung, finde ich, zu den folgenden Versen, die ja nicht mehr dem strengen &#8222;Auf und Ab&#8220; folgen, sondern dem &#8222;tata<b>TAM<\/b>&#8220; verpflichtet sind!<\/p>\n<p>Die sechs k\u00fcrzeren Verse sind dabei ein Vollvers, ein Schlussvers, drei Vollverse und wieder ein Schlussvers, alle formvollendet gebaut! Dann setzen die Langverse ein, und in ihnen ist die ganze, mehrere Dutzend Verse lange Selbstauskunft des Dichters gehalten.<\/p>\n<p>Dieser kleine Ausschnitt zeigt: Der Bewegungsschulenvers ist, wie sein &#8222;gro\u00dfer Bruder&#8220;, durchaus in der Lage, im Verbund mit anderen Versen aufzutreten; was die M\u00f6glichkeiten der Textgestaltung noch einmal gewaltig erweitert! Erst recht, wenn man die M\u00f6glichkeit dazunimmt, andere Verse nicht nur abschnittsweise mit &#8222;unseren&#8220; Versen wechseln zu lassen, sondern sie sogar unter diese zu mischen!<\/p>\n<p>Auch daf\u00fcr bietet Prutz ein Beispiel, kurz vor dem oben beschriebenen Ausschnitt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>O erschein&#8216;, o erscheine, wir flehen dich an,<br \/>\nZu l\u00f6sen die Kette, zu sprengen das Band;<br \/>\nDem zerschlagenen,<br \/>\nSeelezermarterten,<br \/>\nO erscheine dem flehenden Volke!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Die ersten beiden Verse sind Vollverse, wobei der zweite durch die verschobene Z\u00e4sur und das einzelne &#8222;ta&#8220; am Verseingang drei aufeinanderfolgende Wortf\u00fc\u00dfe, will hei\u00dfen: <i>Sinneinheiten<\/i> der Form &#8222;ta <b>TAM<\/b> ta&#8220; erzeugt, die bekanntlich in der H\u00e4ufung eine tr\u00e4ge, schwunglose Bewegung zur Folge haben; man findet diese Bewegung oft in Reimversen, und tats\u00e4chlich ist &#8222;an \/ Band&#8220; ja nicht so weit weg von einem Reim!<\/p>\n<p>Nach diesen beiden Versen folgen zwei kurze Verse, deren Bewegungsmuster nicht zu denen &#8222;unserer&#8220; Verse geh\u00f6ren, weder des k\u00fcrzeren noch des l\u00e4ngeren! Ganz fremd sind sie aber auch nicht durch ihre vielen &#8222;tata&#8220;; und setzt man sie zu einem Vers zusammen &#8230;<\/p>\n<p>Dem zer<b>schla<\/b>&#8211; \/ genen, <b>see<\/b>&#8211; \/ lezer<b>mar<\/b>&#8211; \/ terten,<\/p>\n<p>ta ta <b>TAM<\/b> \/ ta ta <b>TAM<\/b> \/ ta ta <b>TAM<\/b> \/ ta ta<\/p>\n<p>&#8230; erkennt man, sie unterscheiden sich zusammen von einem Schlussvers nur durch ein \u00fcberz\u00e4hliges &#8222;ta&#8220; am Versende! Der letzte Vers ist dann, wie es sich geh\u00f6rt, ein tadelloser Schlussvers.<\/p>\n<p>Und so bieten sich wieder neue M\u00f6glichkeiten. Ganz am Anfang der &#8222;Bewegungsschule&#8220; stand ein einzelnes &#8222;tata<b>TAM<\/b>&#8222;; daraus hat sich inzwischen auf der Grundlage eines vergleichsweise einfachen Verses eine un\u00fcbersehbare F\u00fclle von Bewegungslinien und damit Darstellungsm\u00f6glichkeiten entwickelt, die aber alle aus diesem Ursprung hervorgegangen sind und noch von ihm wissen &#8211; und Zeugnis ablegen von ihm im Ohr des H\u00f6rers; wodurch ein Verfasser, der sich dieser Form bedient, eine gro\u00dfe Freiheit hat bei der gleichzeitigen Sicherheit, stets den Eindruck von Zusammengeh\u00f6rigkeit und Einheit zu vermitteln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die bisher vorgestellten M\u00f6glichkeiten sind, bezogen auf den eigentlichen &#8222;Bewegungsschulenvers&#8220;: &#8211; Ein k\u00fcrzerer &#8222;Vollvers&#8220;, der die Grundgr\u00f6\u00dfe eines Gedichts ist, in dem aber auch &#8222;Halbverse&#8220; und &#8222;Schlussverse&#8220; vorkommen k\u00f6nnen; &#8211; Ein l\u00e4ngerer Vers, der sich aus einem &#8222;Vollvers&#8220; und einem &#8222;Schlussvers&#8220; zusammensetzt. Beide Formen k\u00f6nnen aber durchaus auch im selben Gedicht auftauchen! 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