{"id":551,"date":"2014-01-13T02:33:17","date_gmt":"2014-01-13T00:33:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=551"},"modified":"2014-01-13T13:59:44","modified_gmt":"2014-01-13T11:59:44","slug":"die-korrelation-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=551","title":{"rendered":"Die Korrelation (1)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Korrelation&#8220; meint im Gedicht die Beziehung von r\u00e4umlich getrennten W\u00f6rtern und Wortgruppen. Im einfachsten Fall gibt es zwei Grundbausteine, zum Beispiel zwei Substantive, die um weitere Bausteine erg\u00e4nzt werden &#8211; Pr\u00e4dikate, Adjektive, Appositionen, alles, was denkbar ist; doch diese Erg\u00e4nzungen stehen nicht in direkter Nachbarschaft der Substantive, sondern werden auf die folgenden Verse verteilt.<\/p>\n<p>Ein Beispiel gibt das erste Quartett eines Sonetts, das Georg Rodof Weckherlin auf Martin Opitz geschrieben hat, den ber\u00fchmten Schulmeister der deutschen Barockdichtung:<\/p>\n<p>Indem mein Ohr, Hand, Mund schier m\u00fcd, die schweren Plagen,<br \/>\nDie dieser gro\u00dfe Krieg mit Hunger, Schwert, Pest, Brand<br \/>\nUnd unerh\u00f6rter Wut auf unser Vaterland<br \/>\nAusgie\u00dfet, ohn Ablass zu h\u00f6ren, schreiben, klagen,<br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p>&#8211; Der Dreischritt &#8222;zu h\u00f6ren, schreiben, klagen&#8220; des vierten Verses bezieht sich auf das &#8222;Ohr, Hand, Mund&#8220; des ersten Verses!<\/p>\n<p>Solche Korrelationen kennt die europ\u00e4ische Dichtung seit vorchristlicher Zeit. Ma\u00dfvoll eingesetzt, sind sie sehr wirkungsvoll und k\u00f6nnen einem Text viel Gutes tun! Allerdings ist die Gefahr gro\u00df, die Dinge zu \u00fcbertreiben. Vom in Weckherlins Sonett gepriesenen Martin Opitz stammt dieses Alexandriner-Couplet:<\/p>\n<p>Die Sonn\u2019, der Pfeil, der Wind, verbrennt, verwundt, weht hin,<br \/>\nMit Feuer, Sch\u00e4rfe, Sturm, mein\u2019 Augen, Herze, Sinn.<\/p>\n<p>Zweifellos keine gro\u00dfe Dichtung, aber doch ein gutes Beispiel, wie solche Korrelationen aussehen k\u00f6nnen, wenn sie als Kunstst\u00fcck aufgefasst und auf die Spitze getrieben werden! Schreibt man die vier Halbverse untereinander &#8230;<\/p>\n<p>Die Sonn\u2019, der Pfeil, der Wind,<br \/>\nverbrennt, verwundt, weht hin,<br \/>\nMit Feuer, Sch\u00e4rfe, Sturm,<br \/>\nmein\u2019 Augen, Herze, Sinn.<\/p>\n<p>&#8230; kann man die zerlegten S\u00e4tze wieder zusammensetzen, indem man sie wie Spalten von oben nach unten liest: &#8222;Die Sonn&#8216; verbrennt mit Feuer mein&#8216; Augen&#8220;, &#8222;Der Pfeil verwundt mit Sch\u00e4rfe mein Herze&#8220;, &#8222;Der Wind weht hin mit Sturm mein&#8216; Sinn&#8220;. Wie gesagt: Keine gro\u00dfe Dichtung, aber eine sehr ansprechende Gestaltungsm\u00f6glichkeit! Ich m\u00f6chte daher in einigen Beitr\u00e4gen verschiedene Beispiele vorstellen von Korrelationsgedichten, sowohl solche, in denen ma\u00dfvoll korreliert wird, als auch solche, in denen haltlos \u00fcbertrieben wird. An den Schluss <em>diesen<\/em> Beitrags m\u00f6chte ich einen Gedichtanfang Johann Wolfgang Goethes stellen:<\/p>\n<p>Will ich die Blumen des fr\u00fchen, die Fr\u00fcchte des sp\u00e4teren Jahres,<br \/>\nWill ich was reizt und entz\u00fcckt, will ich, was s\u00e4ttigt und n\u00e4hrt,<br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p>In diesem Distichon werden die &#8222;Blumen&#8220; und die &#8222;Fr\u00fcchte&#8220; des Hexameters im Pentameter durch &#8222;reizt und entz\u00fcckt&#8220; und &#8222;s\u00e4ttigt und n\u00e4hrt&#8220; nachtr\u00e4glich &amp; korrelativ erg\u00e4nzt! Das wirkt ganz anders als bei Weckherlin &amp; Opitz; besser, weil ungezwungener und flie\u00dfender.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Korrelation&#8220; meint im Gedicht die Beziehung von r\u00e4umlich getrennten W\u00f6rtern und Wortgruppen. 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