{"id":5514,"date":"2015-12-02T01:01:33","date_gmt":"2015-12-01T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=5514"},"modified":"2015-12-02T08:05:21","modified_gmt":"2015-12-02T06:05:21","slug":"die-bewegungsschule-52","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=5514","title":{"rendered":"Die Bewegungsschule (52)"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe den Abend damit verbracht, in Stefan Zweigs &#8222;Der Kampf mit dem D\u00e4mon&#8220; zu lesen. Zu Friedrich H\u00f6lderlins Gedichten sagt Zweig unter anderem:<\/p>\n<p><em>Diese Entwicklung zur Freiheit, dieses Sich-Losrei\u00dfen, Sich-Selbstherrlichmachen des Rhythmus (auf Kosten der Bindung und geistigen Ordnung) geht im H\u00f6lderlinschen Gedichte ganz allm\u00e4hlich vor sich: zuerst hat er den Reim, die klirrende Fu\u00dfkette von sich gesto\u00dfen, dann das \u00fcber die breitatmende Brust zu enge Kleid der Strophe gesprengt; antikisch nackt lebt nun das Gedicht seine k\u00f6rperhafte Sch\u00f6nheit aus und eilt wie ein griechischer L\u00e4ufer dem Unendlichen entgegen. Alle gebundenen Formen werden dem Inspirierten allm\u00e4hlich zu enge, alle Tiefen zu seicht, alle Worte zu dumpf, alle Rhythmen zu schwert\u00f6nig \u2013 die urspr\u00fcnglichste klassische Regelm\u00e4\u00dfigkeit des lyrischen Baues \u00fcberw\u00f6lbt sich und bricht, der Gedanke schwillt immer dunkler, m\u00e4chtiger, gewitterhafter aus Bildern empor, immer tiefer und voller wird gleichzeitig das rhythmische Atemholen, gro\u00dfartig k\u00fchne Inversionen binden oft ganze Strophenreihen in einen Satz zusammen \u2013 aus den Gedichten werden Ges\u00e4nge, hymnischer Anruf, prophetische Schau, heroisches Manifest.<\/em><\/p>\n<p>Ja &#8230; Etwas weniger wortgewaltig gesagt: An H\u00f6lderlin f\u00fchrt, macht man sich Gedanken \u00fcber die Art, wie sich Verse bewegen, kein Weg vorbei; und auch wenn es viele Gr\u00fcnde gibt, eine H\u00f6lderlin-Ausgabe im Schrank zu haben &#8211; seine wunderbare Bewegungs-Kunst ist darunter nicht der schlechteste.<\/p>\n<p>Nochmal Zweig:<\/p>\n<p><em>Die ersten Zeilen seiner Hymnen haben immer etwas vom Kurzen, Abrupten, Losschnellenden eines Absto\u00dfes, das Verswort mu\u00df immer erst fort von der Prosa des Daseins, um sich einzuschwingen in sein Element. &#8230; Hat sich H\u00f6lderlin aber einmal in die Begeisterung abgesto\u00dfen, so flutet ihm der Rhythmus gleichsam wie feuriger Atem von der Lippe, wunderbar bindet sich in kunstvollen Verschr\u00e4nkungen die schwere Syntax, die blendendsten Inversionen kontrapunktieren sich mit einer strahlenden, einer zauberhaften Leichtigkeit: durchsichtig wie feinster Stoff, wie die gl\u00e4serne Schwinge eines Insektes l\u00e4sst das &#8222;wehende Lied&#8220; durch seine klingenden, leuchtenden Fl\u00fcgel den \u00c4ther und sein unendliches Blau f\u00fchlen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe den Abend damit verbracht, in Stefan Zweigs &#8222;Der Kampf mit dem D\u00e4mon&#8220; zu lesen. 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