{"id":57,"date":"2013-12-12T00:44:06","date_gmt":"2013-12-11T22:44:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=57"},"modified":"2016-08-05T14:24:38","modified_gmt":"2016-08-05T12:24:38","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=57","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (3)"},"content":{"rendered":"<p>Ich schreibe noch einen zweiten Beitrag zu den Gedichten der Anakreontik, weil ich glaube, diese Art von Texten ist eine (! von vielen) M\u00f6glichkeiten, sich in den Vierheber einzuschreiben. Wenn man ihn als Erz\u00e4hlvers gebraucht, schreibt man schnell hunderte von Versen; f\u00fcr so ein kleines &#8222;anakreontisches Nichts&#8220; reicht ein Dutzend, und das Gef\u00fchl f\u00fcr den Vers stellt sich genausogut ein, jedenfalls das f\u00fcr den &#8222;prosanahen Vierheber&#8220;.<\/p>\n<p>Ich vergleiche dabei ganz frech ein Gedicht von Ludwig Gleim mit einem kleinen eigenen Text. Zuerst der Gleim:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Wahl<\/strong><\/p>\n<p>K\u00f6nnt ich malen wie Apelles,<br \/>\nLauter M\u00e4dchens wollt ich malen;<br \/>\nK\u00f6nnt ich nur wie Orpheus spielen,<br \/>\nLauter M\u00e4dchens sollten tanzen;<br \/>\nK\u00f6nnt ich Tote lebend machen,<br \/>\nLauter M\u00e4dchens sollten leben;<br \/>\nAber k\u00f6nnt ich, wie ich wollte,<br \/>\nViele wieder sterben lassen,<br \/>\nViele sollten wieder sterben,<br \/>\nViele wollt ich \u00fcberstreichen,<br \/>\nDass sie ungemalet blieben,<br \/>\nUnd vom ersten Tanz erm\u00fcdet<br \/>\nSollten viele nicht mehr tanzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Apelles&#8220; war ein ber\u00fchmter Maler der Antike; &#8222;M\u00e4dchens&#8220; sagt man heute nicht mehr, bleibt aber der Lautwirkung wegen selbstredend stehen. Was bietet Gleim nun dem Leser? In der f\u00fcr die Anakreontik kennzeichnenden Mischung aus Wiederholung und Abwandlung stellt er dem Leser drei M\u00f6glichkeiten vor Augen, die er dann, etwas ungew\u00f6hnlich, in der zweiten Gedichth\u00e4lfte einfach wieder zur\u00fccknimmt (obwohl es eigentlich ja eine Ausweitung ist: &#8222;Aber k\u00f6nnt ich, wie ich wollte&#8220;).<\/p>\n<p>Meine Verslein setze ich nun einfach darunter, um zu zeigen, wie ein solches Gedicht vielleicht &#8222;ins Heute&#8220; geholt werden kann; selbstredend nur in meiner Sprache und nach meinem Geschmack!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der von letzter Sommerw\u00e4rme<br \/>\nIn den Park gelockte Dichter<br \/>\nSitzt auf einer Bank, und allen,<br \/>\nDie an ihm vor\u00fcberschlendern,<br \/>\nSchreibt er l\u00e4chelnd kleine Verse &#8211;<br \/>\nSalbungsvolle Schmeicheleien<br \/>\nAllen Herren, allen Damen<br \/>\nUnbeschwerte Nettigkeiten,<br \/>\nReime ohne Sinn den Kindern;<br \/>\nSagt der Hunde Namen so, dass<br \/>\nDieses eine Wort Gedicht ist &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigentlich macht dieser Text nichts anders als der \u00fcber zweihundert Jahre \u00e4ltere: er stellt dem Leser ein Bild vor Augen, dann f\u00e4chert er das Bild in einem Dreischritt auf; schlie\u00dflich geht er noch einen weiteren Schritt, hinaus \u00fcber die eigentlich geschlossene Dreiheit &#8222;Mann &#8211; Frau &#8211; Kind&#8220;, und findet dabei irgendwie die kleine Besonderheit, die geeignet ist, das Gedicht zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Das ist nun keinesfalls ein besonders eindrucksvolles Gedicht; aber es ist, finde ich, ein Text, den man auch im 21. Jahrhundert ohne gr\u00f6\u00dferes Befremden lesen kann und damit vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Art, in der die Anakreontiker den Vierheber verwendet haben, auch den heutigen Verfassern in angepasster Form zur Verf\u00fcgung steht!<\/p>\n<p>In Bezug auf die Form widersprechen beide Texte dem, was ich im letzten Beitrag geschrieben habe: Meine Verse haben nur in knapper Mehrheit einen Einsilber im Verseingang &#8211; sechs zu f\u00fcnf; bei Gleim sind die Zweisilber selbst dann mit acht zu f\u00fcnf in der \u00dcberzahl, wenn man die verk\u00fcrzten Zweisilber &#8222;k\u00f6nnt&#8220; gro\u00dfz\u00fcgig zu den Einsilbern z\u00e4hlt.\u00a0 Gut tut das seinem Gedicht nicht immer, denn Zweisilber im Verseingang vergr\u00f6\u00dfern die Gefahr solcher Verse:<\/p>\n<p><strong>Vie<\/strong>le \/ <strong>wie<\/strong>der \/ <strong>ster<\/strong>ben \/ <strong>las<\/strong>sen,<br \/>\n<strong>Vie<\/strong>le \/ <strong>sol<\/strong>lten \/ <strong>wie<\/strong>der \/ <strong>ster<\/strong>ben,<\/p>\n<p>Dabei fallen die &#8222;metrischen Grundeinheiten&#8220;, die Troch\u00e4en &#8222;X x&#8220;, mit den im Deutschen sehr h\u00e4ufigen &#8222;Worteinheiten&#8220; der Art &#8222;X x&#8220; zusammen, wodurch der Vers seine innere Spannung verliert und zu &#8222;klappern&#8220; beginnt, wie Heine und andere das so sch\u00f6n genannt haben: die st\u00e4ndige Wiederholung ein und derselben Bewegung erinnert an ein Marschieren, eine Art leblosen Stechschritt.<\/p>\n<p>Das ist eine Sache, auf die man im Vierheber ein wachsames Auge haben muss! <em>Ein<\/em> Vers dieser Art ist sicher unbedenklich, und es gibt auch F\u00e4lle, wo man derlei zur Unterst\u00fctzung des Inhalts einsetzen kann; aber im allgemeinen sind <em>zwei<\/em> Verse dieser Art nacheinander, wie hier bei Gleim, die \u00e4u\u00dferste Grenze.<\/p>\n<p>Besser bewegt sich zum Beispiel dieser Vers:<\/p>\n<p>Und <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> vom <span style=\"color: #ff0000\">\/<\/span> ersten <span style=\"color: #ff0000\">\/<\/span> Tanz\u00a0 <span style=\"color: #008000\">\/ <\/span>er- <span style=\"color: #ff0000\">\/<\/span> m\u00fcdet<\/p>\n<p>Da &#8222;schneiden&#8220; sich die Troch\u00e4en (<span style=\"color: #ff0000\">rot<\/span>) und die Wort-, bzw. Sinneinheiten (<span style=\"color: #008000\">gr\u00fcn<\/span>), wodurch der Vers lebendig wirkt. Wobei gerade dieser sich inhaltlich nicht gegen eine gewisse Einf\u00f6rmigkeit str\u00e4uben w\u00fcrde &#8230;<\/p>\n<p>So, damit lasse ich den anakreontischen Vierheber erst einmal ruhen; im n\u00e4chsten Beitrag geht es dann um einen l\u00e4ngeren Erz\u00e4hltext in Vierhebern!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schreibe noch einen zweiten Beitrag zu den Gedichten der Anakreontik, weil ich glaube, diese Art von Texten ist eine (! von vielen) M\u00f6glichkeiten, sich in den Vierheber einzuschreiben. Wenn man ihn als Erz\u00e4hlvers gebraucht, schreibt man schnell hunderte von Versen; f\u00fcr so ein kleines &#8222;anakreontisches Nichts&#8220; reicht ein Dutzend, und das Gef\u00fchl f\u00fcr den&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=57\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (3)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-57","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=57"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6531,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57\/revisions\/6531"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=57"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=57"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=57"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}