{"id":576,"date":"2014-01-16T02:20:37","date_gmt":"2014-01-16T00:20:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=576"},"modified":"2014-01-16T02:27:15","modified_gmt":"2014-01-16T00:27:15","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=576","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (16)"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Mal m\u00f6chte ich eine l\u00e4ngere Verserz\u00e4hlung in Blankversen vorstellen: Christoph Martin Wielands &#8222;Geron der Adeliche&#8220; (nach altem Vorbild) aus dem Jahr 1777, hier in der Fassung von 1796. Wieland kennen viele heute gar nicht mehr, aber ich finde, er ist jemand, dem man unbedingt zuh\u00f6ren sollte &#8211; auch seiner Prosa, aber vor allem seinen Versen. Die sehen tr\u00fcgerisch einfach aus und sind doch alles andere als das!<\/p>\n<p>Los geht es mit einer Rahmenhandlung: K\u00f6nig Artus h\u00e4lt im Freien Hof, als ein unbekannter &#8222;schwarzer Ritter&#8220; auftaucht und die Anwesenden auffordert, &#8222;einen Ritt mit mir zu tun&#8220;.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig Artus und die drei\u00dfig Ritter,<br \/>\nDie um ihn standen, allesamt Genossen<br \/>\nDer Tafelrunde, waren nicht die M\u00e4nner,<br \/>\nDie sich um sowas zweimal bitten lie\u00dfen;<br \/>\nUnd statt der Antwort liefen alle stracks<br \/>\nDen B\u00e4umen zu, wo ihre Lanzen hingen, und<br \/>\nDie Knappen bei den hohen Rossen standen.<\/p>\n<p>Und Artus und die Ritter alle schwangen<br \/>\nAuf ihre Rosse sich, den Schild am Arm,<br \/>\nDen Speer gef\u00e4llt, und ritten nach dem Plan,<br \/>\nWo seinen Stand der fremde Ritter schon<br \/>\nGenommen hatte. K\u00f6nig Artus ritt<br \/>\nDer erste. Beide legten ihre Lanzen ein,<br \/>\nBedeckten mit dem Schilde sich, und rennten<br \/>\nDie Rosse spornend auf einander los,<br \/>\nSo m\u00e4chtig, dass die Erde unter ihrem Stampfen<br \/>\nErbidmete; und, wie sie nun im Sturm<br \/>\nZusammentreffen sollten &#8211; hielt<br \/>\nDer Fremde seinen Speer hoch in die Luft,<br \/>\nUnd fing den derben Sto\u00df des K\u00f6nigs auf<br \/>\nMit seinem festen Schilde, dass die Lanze<br \/>\nVom Gegenschlag in tausend Splitter brach,<br \/>\nUnd K\u00f6nig Artus kaum mit Arbeit sich<br \/>\nIm B\u00fcgel fest hielt. Aber unersch\u00fcttert sa\u00df<br \/>\nDer schwarze Ritter, und, sobald sein Ross<br \/>\nSich ausgelaufen, schwenkt&#8216; er, ritt zum K\u00f6nig<br \/>\nHinan, und sprach gar ehrbar: &#8222;Edler Herr,<br \/>\nDass wollte Gott nicht, dass ich meinen Speer<br \/>\nGebrauche gegen euch! Gebietet mir<br \/>\nAls einem, der zu eurem Dienst aus Pflicht<br \/>\nUnd gutem Willen sich gewidmet hat.&#8220;<\/p>\n<p>Ein paar \u00e4ltere Spracherscheinungen sind drin, etwa &#8222;(er-)bidmen&#8220; = &#8222;(er-)beben&#8220;, aber flie\u00dft die Sprache nicht wunderbar durch die Verse?!<\/p>\n<p>Der schwarze Ritter besiegt alle Ritter der Tafelrunde und gibt sich dann als Branor zu erkennen, ein wahrlich alter K\u00e4mpe:<\/p>\n<p>&#8222;Herr K\u00f6nig, hundert Jahre schon und dr\u00fcber<br \/>\nHab ich erlebt, hab manchen guten Mann<br \/>\nAuf seiner Amme Scho\u00df gesehen, manchen bessern<br \/>\nBegraben helfen. &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Danach erz\u00e4hlt Branor die eigentliche Geschichte; Gerons. Der war seinem Freund Danayn tief verbunden, durch Liebe und Todesbund; doch dessen Verm\u00e4hlte, die Frau von Maloank, verliebt sich in Geron, und auch andersherum ist sie Gernon nicht gleichg\u00fcltig; doch aus Treue gegen\u00fcber seinem Freund wehrt er alle Angebote ab. Als er dann aber in Danayns Abwesenheit die Frau von Maloank aus den H\u00e4nden eines Entf\u00fchrers rettet und mit ihr allein ist, wird er doch schwach &#8211; sie rasten an einem Brunnen, er legt die R\u00fcstung ab und will zur Geretteten treten; da f\u00e4llt sein Schwert in den Brunnen, Geron birgt es und kommt zur Besinnung:<\/p>\n<p>&#8222;Wo bin ich? &#8211; Gott im Himmel! Welche Tat<br \/>\nZu tun kam ich hierher?&#8220; Die Knie erschlafften ihm<br \/>\nVor dem Gedanken. Und, sein Schwert noch in der Hand,<br \/>\nSetzt auf den Brunnen er sich hin, der Frau<br \/>\nDen R\u00fccken kehrend, kummervoll, und sinkt<br \/>\nAus einem traurigen Gedanken in den andern.<br \/>\nUnd wie die Dame, die noch kaum zuvor<br \/>\nIhn froh und wacker sah, so pl\u00f6tzlich ihn<br \/>\nIn solche wunderbare Schwermut fallen sieht,<br \/>\nErschreckt sie des, und wei\u00df nicht, was davon<br \/>\nSie denken soll. Und um zu sehen, was ihm ist,<br \/>\nGeht sie mit leisen Schritten furchsam hin<br \/>\nUnd spricht zu ihm: &#8222;Mein Herr, was sinnet ihr?&#8220;<\/p>\n<p>Und Geron, ohne ihr zu achten, blickt<br \/>\nMit starren Augen auf sein Schwert, und gibt<br \/>\nIhr keine Antwort. Lange harret deren<br \/>\nDie holde Frau, und da er keine gibt,<br \/>\nTritt sie noch n\u00e4her hin und wiederholt<br \/>\nMit sanfter Stimme: &#8222;Lieber Herr, was sinnet ihr?&#8220;<\/p>\n<p>Und tief erseufzend &#8222;Was ich sinne?&#8220; spricht<br \/>\nDer Ritter, &#8222;so erbarme Gott im Himmel<br \/>\nSich meiner Seele, Frau, als ich nach dem,<br \/>\nWas ich an meinem Bruder Danayn<br \/>\nBegangen, l\u00e4nger nicht zu leben w\u00fcrdig bin!&#8220;<\/p>\n<p>Dann st\u00f6\u00dft er sich das Schwert durch den Leib, sie verhindert, dass ers nochmal tut, Danayn erscheint und will helfen, Geron verweigert die Hilfe,\u00a0 nimmt sie schlie\u00dflich doch an und gesundet nach und nach; f\u00fcr die Frau von Maloank war das alles aber zuviel, sie bekommt hohes Fieber und stirbt drei Tage sp\u00e4ter &#8211; Ende der Geschichte.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt hat sie Branor sicher nicht unabsichtlich in der Gegenwart von K\u00f6nigin Genievra und Lancelot:<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin, die, w\u00e4hrend er erz\u00e4hlte,<br \/>\nBald todblass worden war, bald feuerrot,<br \/>\nRief, ihre Unruh zu verbergen, seufzend aus:<br \/>\n&#8222;&#8217;s ist eine traurige Geschichte! &#8222;Und wie ging&#8217;s<br \/>\nNun eurem Geron weiter?&#8220; &#8211; fragte Lancelot.<br \/>\n&#8222;Nach der Geschichte&#8220;, spricht der alte Branor, &#8222;hab<br \/>\nIch nichts mehr zu erz\u00e4hlen.&#8220;<\/p>\n<p>Rittergeschichten also &#8230; Muss man nicht m\u00f6gen. Ich tu&#8217;s, aber selbst, wenns anders w\u00e4re; diese Szene am Brunnen h\u00e4tte sich mir auf jeden Fall eingepr\u00e4gt. &#8222;Mein Herr, was sinnet ihr?&#8220;<\/p>\n<p>Und der Einstieg, der &#8222;Ritt&#8220; von Artus und Branor &#8211; ganz gro\u00dfe Verskunst!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Mal m\u00f6chte ich eine l\u00e4ngere Verserz\u00e4hlung in Blankversen vorstellen: Christoph Martin Wielands &#8222;Geron der Adeliche&#8220; (nach altem Vorbild) aus dem Jahr 1777, hier in der Fassung von 1796. 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